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Aufbruch statt Stillstand
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Aufbruch statt Stillstand

Sabine Kropf-Brandau
Ein Beitrag von

Sabine Kropf-Brandau,

Evangelische Pröpstin, Sprengel Hanau-Hersfeld
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Vor einiger Zeit bin ich mit meinem Mann aufgebrochen, um zu unserem Sohn zu fahren. Wir wollten ihm beim Auszug helfen. Es war ein heißer und sonniger Tag. Pünktlich waren wir losgekommen. Die Autobahn war frei und wir unterhielten uns angeregt. Alles gut. Doch auf einmal Stillstand. Alle Autos hielten, keinen Meter ging es weiter. Brav haben wir eine Rettungsgasse gebildet und dann gewartet, was der Verkehrsfunk sagt. Nach kurzer Zeit stand fest. Vollsperrung für mindestens 4 Stunden. So ein Mist! Gleich haben wir unserem Sohn Bescheid gesagt Und dann waren wir einen kurzen Moment dankbar, dass wir vom Unfall verschont geblieben sind. Doch dann kam sie, die Ungeduld: Das darf doch alles nicht wahr sein! Wären wir nur 10 Minuten eher losgefahren! Dann wären wir durch gewesen. Ich neige dann immer zu Vorwürfen. Dann habe ich beschlossen: Erst einmal raus aus dem Auto, wobei wir bei der Hitze dankbar waren für die Klimaanlage und vorhandenes Mineralwasser. Und da stand ich dann auf der Autobahn und unterhielt mich mit den anderen. Die einen wollten zu einer Beerdigung, die anderen zum Flughafen, die dritten hatten das Auto voller Kinder. Wir alle schwankten zwischen Ungeduld, Unglaube und Akzeptanz dieser Situation. Und so erlebte ich ganz neu, was Stillstand heißt. Nichts geht mehr. Da hilft kein Klagen, kein Wüten, keine Tränen.

An diesem Tag wurde mir noch einmal ganz neu klar, wie wunderbar es ist, aufzubrechen. Ich bin eigentlich ein Mensch, dem Aufbrüche eher Angst machen. Ich mag es gern so wie immer. Alles Neue macht mir eher Sorge. Was wird kommen? Wie geht es weiter?

In dieser Vollsperrung auf der Autobahn ist mir aber klar geworden: Die Alternative zum Aufbruch ist immer der Stillstand. Und das ist letztlich viel schwerer auszuhalten.

Wenn ich das nun einmal auf die Situation unserer Kirche beziehe, dann fällt mir ein Satz von Klaus Douglas, einem innovativen Pfarrer, ein, der gesagt hat: „Wer will, dass Kirche bleibt wie sie ist, der will nicht, dass Kirche bleibt.“ Wer will, dass alles bleibt, wie es ist, der will den Stillstand.

Wer den Stillstand will, der hat verloren – so höre ich das. Und seit ich das in der Vollsperrung selbst so erlebt habe, verstehe ich seinen Satz nochmal ganz neu. Wir haben gar keine andere Chance als uns zu bewegen. Wir sollten glücklich sein, dass uns die Möglichkeit zur Bewegung – zum Aufbruch – gegeben ist. Kirche im Aufbruch- damit sind ja oft negative Gedanken verbunden. Weniger Personal, weniger Gottesdienste. Das klingt alles erstmal furchtbar. Aber könnte sich nicht vielleicht etwas Neues daraus entwickeln?
Was denken Sie, was das für ein Glücksgefühl war, als es auf der Autobahn endlich wieder Bewegung gab? Auch wenn es nicht in der Richtung weiter ging, die wir geplant hatten. Wir mussten alle auf der Autobahn drehen und zurück. Trotzdem waren wir sichtlich erleichtert. Aufbruch ist immer besser als Stillstand. Selbst dann, wenn man noch nicht genau weiß, wohin man geführt wird. Aufbruch hat also durchaus positive Seiten, auch wenn es um Kirche geht.

Musik  J. S. Bach, Sonate g-moll BWV 1020, I. Allegro, bearb. für Sopransaxophon und Orgel

Mit diesen Gedanken im Kopf schaue ich auf eine der bekanntesten Aufbruchgeschichten der Bibel. Es ist die Geschichte des Erzvaters Abraham. Er wird von Gott aufgefordert, sein Vaterland zu verlassen.
(Von einem Mann gelesen)

1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.

2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.

3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.

4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.

5 So nahm Abram Sarai, seine Frau, und Lot, seines Bruders Sohn, mit aller ihrer Habe, die sie gewonnen hatten, und die Leute, die sie erworben hatten in Haran, und zogen aus, um ins Land Kanaan zu reisen. Und sie kamen in das Land,

6 und Abram durchzog das Land bis an die Stätte bei Sichem, bis zur Eiche More; es wohnten aber zu der Zeit die Kanaaniter im Lande.

7 Da erschien der HERR dem Abram und sprach: Deinen Nachkommen will ich dies Land geben. Und er baute dort einen Altar dem HERRN, der ihm erschienen war.

8 Danach brach er von dort auf ins Gebirge östlich der Stadt Bethel und schlug sein Zelt auf, sodass er Bethel im Westen und Ai im Osten hatte, und baute dort dem HERRN einen Altar und rief den Namen des HERRN an.

9 Danach zog Abram weiter ins Südland. (1.Mose 12,1-9)

Abraham war alt und kinderlos. Vom Leben hat er wahrscheinlich nicht mehr allzu viel erwartet. Alltag eben. Das kennen wir doch alle. Und das ist ja eigentlich auch ganz bequem. Heute schon zu wissen, was morgen kommt. Und das morgen wird nicht viel anders als das gestern. Und in diese vielleicht eintönige, aber auch nervenschonende Lebensphase hört Abraham Gottes Ruf: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen werde.“ Ein klares Signal zum Aufbruch.

Und ich kann mir denken, dass Abraham tausend Fragen hatte. Wohin denn nur? Wie wird das gehen? Werde ich das schaffen? Und zu diesen Fragen kamen auch Gefühle wie Unsicherheit, Sorge und Angst.

Auch das ist uns alles wohlbekannt. Neue Lebenssituationen machen unruhig. Sei es ein Umzug, sei es ein Berufswechsel oder etwas ganz anderes. Da kommen auch bei uns Fragen und Ängste auf: Werde ich alles, was nun kommt schaffen? Wäre es nicht leichter, es bliebe alles so, wie es gerade ist? Und genauso macht Kirche im Aufbruch Sorge. Schaue ich auf mich, merke ich, dass ich mich an unsere schönen Traditionen und vertrauten Orte des Gemeindelebens gewöhnt habe. Natürlich nehme ich nicht alle Angebote unseres Gemeindelebens wahr und sie entsprechen auch nicht immer meinen Bedürfnissen.

Doch wenn ich teilnehmen möchte, soll alles so sein wie immer.

In Bezug auf die Zukunft der Kirche denken viele gern bequem und rückwärtsgewandt. Da wird der Stillstand bevorzugt!

Aber damit ist es nun vorbei. Wie bei Abraham! Da gilt es das Signal zu hören. Gott kennt seine Menschen kennt und weiß, wie schwer sie sich mit Neuem tun. Deshalb gibt er dem Abraham noch gleich ein Versprechen mit auf den Weg: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen.“ Mit dieser Zusage macht er ihm Mut aufzubrechen. Auch das dürfte uns nicht unbekannt sein. Ein Umzug an einen neuen Ort gelingt besser, wenn es dort etwas gibt, worauf ich mich freuen kann. Eine neue Arbeitsstelle lockt mehr, wenn ich mir davon etwas Positives verspreche. Und genauso ist es auch in der Kirche. Wir können nur neue Wege gehen und aufbrechen, wenn wir eine Vision haben. Und uns von den neuen Wegen etwas erhoffen. Nur die Sorge um das weniger werdende Geld und die zurückgehende Mitgliederzahl bringt noch keinen Aufbruch. Das fördert eher den Zusammenbruch.

Da braucht es wie bei Abraham eine Verheißung, die Lust macht auf Veränderung.

Musik   G. F. Händel, Pastorale, bearb. für Altsaxophon und Klavier

Was macht Ihnen Lust zur Veränderung? Was hilft Ihnen bei Ihren konkreten und nötigen Aufbrüchen? Mir helfen aufmunternde Worte. Auch das Gefühl, dass ich es nicht allein schaffen muss. So höre ich die Verheißung Gottes an Abraham „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“. Da ist für mich Zuspruch und Anspruch. Das ist Geschenk und Aufforderung.

„Ich will dich segnen“, sagt Gott. Und dieser Segen stärkt. Er stärkt mich, er stärkt Sie, er stärkt uns als Kirche. Wir sind gesegnet. Das macht Mut und lässt mich losgehen. Und dieser Segen verändert meinen Blick. Ich darf mich an so vielem freuen. Wer sich seiner Erfolge nicht freuen kann, der macht sich das Leben unnötig schwer. Manche sagen sogar: Der beleidigt den Heiligen Geist.

Der kann nicht wirken, wenn ich mich nicht öffne und dauernd nur das Negative sehe. Der Heilige Geist wirkt, wo ich bereit bin, die Perspektive zu ändern: Wir können z. B. sagen: „Jawohl. Das haben wir mit Gottes Hilfe erreicht. Da sind wir zum Segen geworden“ „Und“ – jetzt füge ich ein für protestantische Ohren fremdes Wort hinzu – „darauf sind wir auch stolz.“ Ich denke so gern an das Projekt „Pilgern mit Traktoren“ im letzten Jahr. Mit 130 Traktoren und vielen Motivwagen sind wir durch den Kirchenkreis Hersfeld gefahren.

Wir haben Bibeln verteilt. Wir sind mit Menschen am Straßenrand darüber ins Gespräch gekommen, was der Glaube an Gott für ihr Leben bedeutet und bedeuten kann. Hunderte haben bei der Aktion mitgearbeitet. Kirche in Bewegung-Kirche kommt zu den Menschen- eine wirklich neue und vielleicht gerade deshalb segensreiche Aktion. Von vielen anderen könnte ich noch erzählen. Das ist Segen. Das ist eben auch Kirche im Aufbruch. Vielleicht fallen Ihnen ja auch gelungene und schöne Gemeindeveranstaltungen ein. Veranstaltungen, bei denen Sie sich wohlgefühlt oder sogar mitgewirkt haben. Es gibt so viel Tolles in unserer Kirche zu finden. Mich macht das stolz und glücklich, wenn ich in den Gemeinden unterwegs bin. Als Gesegnete geben wir Segen weiter.

Musik  J. S. Bach, Sonate g-moll BWV 1020, II. Adagio, bearb. für Sopransaxophon und Orgel

Gewiss: Vor kritischen Anfragen darf niemand die Augen verschließen. Verbesserungsbedarf ist auch da. Aber deshalb muss man nicht den Reichtum und die Vielfalt schmälern oder kleinreden. Und darum noch einmal: Ich freue mich an dem, was uns gelingt und schon gelungen ist. Aufbruch heißt ja auch nicht, dass man alles hinter sich lässt. Was wäre Kirche ohne Gottesdienste, ohne Verkündigung des Evangeliums?

Abraham erlebt aber auch, wie es ist zu scheitern. Da gibt es auf seiner Reise Streit, da gibt es Trennung, da gibt es Misserfolge. Über die Kraft Gottes in mir kann ich nicht verfügen. Die Verbindung zu Gott kann abreißen, wenn die Angst auf einmal zu groß wird. Zweifle ich an Gott und kündige ich ihm das Vertrauen auf, geht die Kraft auch verloren. Aber auch dann ist man noch nicht verloren. Es gibt immer wieder einen Neuanfang. Ich kann Gott bitten, mir neu Vertrauen und Kraft zu schenken. Abraham baute zuerst einen Altar und rief den Namen des Herrn an. Er betete zu Gott. Danach, so wird erzählt, zog er ins Südland. Diejenigen, die uns diese Geschichte von Abraham überlieferten waren überzeugt, dass Abraham, das Gebet und die Stille braucht. Sie gehören dazu, wenn der Aufbruch gelingen soll. Manchmal merke ich bei mir, wie ich mich oft aufreibe in Terminen und Veranstaltungen, in Aktivitäten und Planungen. Auch bei mir kommt die Stille, das Gebet zu kurz. Manchmal muss man auch im Aufbruch einen Moment stille stehen und sich stärken.

Musik Gabriel Fauré, Pavane, bearb. für Altsaxophon und Orgel

Und dann geht es wirklich los. Abraham vertraut den Verheißungen Gottes und machte sich auf! In seinem Leben hat Gottes Kraft selbst Gestalt gewonnen. Er wird zum Zeugen. In ihm spiegelt sich etwas von Gott.

„Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“

Abraham hat das gelebt. Er war nicht perfekt und hat Fehler gemacht. Aber er fühlte sich gestärkt von Gott. Und darauf will ich auch vertrauen. So kann der Aufbruch gelingen. Der persönliche Aufbruch genau wie der Aufbruch von Kirche. Ich will nicht kleingläubig und ängstlich sein. Ich vertraue dieser Kraft Gottes, die den Prognosen und den Zahlen trotzt. Ich will mich nicht erschrecken lassen von dem, was verunsichert und Mühe macht. Die Zukunft liegt in Gottes Hand. Sein Versprechen gilt, heute und morgen und in Ewigkeit. Das war die Erfahrung, die Abraham mit dem Aufbruch gemacht hat. Und so können auch wir es erleben. Sogar dann, wenn wir noch nicht richtig wissen, wohin die Reise geht.

Mein Mann und ich mussten nach unserem Stillstand nun wieder unverrichteter Dinge nach Hause fahren. In eine andere Richtung als geplant. Währenddessen rief unser Sohn an. Als ihm klar wurde, dass wir nicht kommen konnten, hatte er einfach ein paar Freunde aktiviert. Die haben ihm beim Auszug und Putzen geholfen. Alles anders als geplant, aber alles gut. Kurz danach ist er zum Studium nach Amerika aufgebrochen. Frohgemut und gespannt ist er in die neue Situation gegangen. Aufbruch ist immer besser als Stillstand. Was für Abraham galt, gilt auch noch heute. Davon will ich lernen für mein Leben und mein Arbeiten in der Kirche. So ist der Plan. Und dabei will ich auch an diese Weisheit denken: Wenn du Gott lachen hören willst, erzähl ihm von deinen Plänen. Amen

Musik   J. S. Bach, Sonate g-moll BWV 1020, III. Allegro, bearb. für Sopransaxophon und Orgel

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