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Die Weisheit der Hundertjährigen
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Die Weisheit der Hundertjährigen

Dr. Anke Spory
Ein Beitrag von

Dr. Anke Spory,

Evangelische Pfarrerin, Bad Homburg-Gonzenheim
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Die Tante von Herrn Schmidt ist gestorben. Ich soll sie beerdigen, also besuche ich ihn zum Gespräch. Seine Tante ist 100 Jahre alt geworden. Was ein langes Leben! Herr Schmidt, ihr Neffe, kann viel erzählen. Wie sie im Park noch lange Schlittschuhe gelaufen ist, in welchem Café sie am liebsten ein Stück Kuchen gegessen hat, alles bis ins hohe Alter. Und dann erzählt er, wie seine Tante im letzten Jahr, also in ihrem 100. Lebensjahr, gesagt hat: „Wenn ich das, was ich jetzt mit hundert Jahren weiß, gewusst hätte, als ich 80 war, dann hätte ich manches anders gemacht.“

Mir hat der Satz imponiert. Und ich habe mich bei meinen eigenen Vorurteilen ertappt gefühlt: Dass alte Menschen starr werden und oft unbeweglich im Kopf und im Herzen. Bei der Tante von Herrn Schmidt war das nicht so. Seine Tante hat  bestimmte Dinge mit 80 Jahren anders gesehen hat als mit einhundert Jahren. Manche Entscheidung hätte sie anders getroffen, wenn sie gewusst hätte, wie lange sie noch lebt. Sie ist bis ins hohe Alter flexibel geblieben und hat ihre Entscheidungen, die sie mit 80 Jahren getroffen hat überdacht und vielleicht sogar infrage gestellt.

Wie Menschen alt werden und ob sie sehr alt werden, weiß, Gott sei Dank, niemand vorher. Ob sie lange leiden, schwer krank sind oder so fit sind wie die Tante von Herrn Schmidt.

Zwei Journalisten haben sich in den letzten Jahren auf die Suche nach Hundertjährigen gemacht. Sharia Schafy und Klaus Brinkbäumer haben auf der ganzen Welt Hundertjährige besucht. Sie wollten wissen: Gibt es ein Geheimnis, eine Weisheit der Hundertjährigen? Sie haben natürlich kein Patentrezept gefunden, aber doch Hinweise, was für ein hohes Alter von Bedeutung ist. Familie ist zum Beispiel wichtig, haben viele gesagt, und Beziehungen, auf die man sich verlassen kann. Ein wichtiges Fundament war auch der Glaube daran, dass Gott mit ihnen auf dem Lebensweg ist.

Klaus Brinkbäumer und Sharia Schafy haben die Alten immer auch gefragt: Was ratet ihr uns Jungen? Und viele haben gesagt: „Macht das, was ihr wollt, jetzt.“ Im Sinne von: Lebt euer Leben, genießt es, gestaltet es so, dass es zu euch passt. Setzt euch für das ein, was euch wichtig ist.

Das ist tatsächlich eine weise Einsicht. Vielleicht hat die Tante von Herrn Schmidt was ähnliches gemeint. Um das Leben zu gestalten ist es wichtig, innerlich beweglich zu sein, lernbereit zu bleiben. Dazu gehört, dass ich im Rückblick manches vielleicht anders sehe, als zwanzig Jahre vorher.

Gestaltet euer Leben so, dass es zu euch passt. Die Bibel formuliert diese weise Einsicht etwas strenger. In einem Psalm heißt es: Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden.

Der Vers erinnert mich daran: Es zählt, was wir jetzt tun. Egal, wie alt wir sind. Wie alt ich werde, habe ich nicht in der Hand. Aber was ich jetzt tue, das kann ich entscheiden. Und, so Gott will, bis ins hohe Lebensalter.

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