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Das "Großeltern-Guten-Morgen-Lied"
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Das "Großeltern-Guten-Morgen-Lied"

Dr. Annegreth Schilling
Ein Beitrag von

Dr. Annegreth Schilling,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt
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Es gibt Lieder, die begleiten einen durchs Leben. Eines dieser Lebens-Lieder ist für mich das „Großeltern-Guten-Morgen-Lied“. Es heißt bei uns so, weil schon meine Großeltern dieses Lied gern am gedeckten Frühstückstisch gesungen haben. Und auch meine Eltern, selbst schon vielfache Großeltern, singen dieses Lied oft. Mittlerweile können es auch meine eigenen Kinder. Das Lied steht im Evangelischen Gesangbuch (EG Nr. 440) und geht so:

All’ Morgen ist ganz frisch und neu, des Herren Gnad und große Treu.
Sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.


Für mich beschreibt das „Großeltern-Guten-Morgen-Lied“ eine christliche Haltung. Nämlich: das Leben im Vertrauen auf Gott zu gestalten, und zwar jeden Tag von Neuem. Das hört sich leicht an, kann aber auch sehr herausfordernd sein.

Vor einiger Zeit hat mir eine Frau davon erzählt, wie sie gelernt hat, diese Zusage von Gottes Gnade und Treue in ihrem Leben zu spüren.
Ihr Vater war demenzkrank. Für sie gab es monatelang kaum einen freien Moment. Jeden Morgen fuhr sie noch vor der Arbeit bei ihm vorbei, um zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Sie wusste nie, in welchem Zustand sie ihren Vater antreffen würde.
An einem Morgen, da begrüßte er sie in einem blütenweißen Hemd auf der Terrasse. Er hatte sich frisch rasiert und schon für beide Kaffee gekocht. „Was für ein schöner Anblick“, so erzählte sie mir. „Das war mein Vater, wie ich ihn kannte: Auf sein Äußeres bedacht, fürsorglich und liebevoll.“
Und dann, an einem anderen Morgen, da erlebte sie das krasse Gegenteil. Da lag ihr Vater noch im Bett. Im Zimmer roch es miefig und der Blick auf ihren Vater verriet ihr, dass er dringend frisch gemacht werden musste. Sie hat manches Mal gedacht: All Morgen ist ganz mühsam und hart, wenn sie sich wieder auf den Weg zu ihm machte.

Dass sie an der Pflege ihres Vaters nicht selbst zerbrochen ist, dabei hat ihr der Gedanke geholfen: Ich stemme das hier nicht allein. Gott fährt treu mit mir jeden Morgen hierher. Die Kraft, meinen Vater zu versorgen, kommt nicht aus mir selbst, sondern sie wird mir geschenkt.

Die Geschichte dieser Frau, die sich liebevoll um ihren demenzkranken Vater kümmert, berührt mich. Sie bringt das Großeltern-Guten-Morgen-Lied in mir neu zum Klingen:

All’ Morgen ist ganz frisch und neu, des Herren Gnad und große Treu.
Sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.


Das Lied erinnert mich daran, dass jeder Morgen die Chance ist, das Leben neu zu beginnen. Mit diesem Lied im Ohr weiß ich: Gott begleitet mich, jeden Tag aufs Neue.

Und ein zweiter Gedanke kommt dazu: Die Treue Gottes gilt nicht nur mir.
Darauf kann sich jeder verlassen. Sie gilt allen Menschen und Geschöpfen, über Generationen hinweg. Jeden Morgen neu.

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