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Sprich, damit ich dich sehe
Bild: Rudolff/Privat

Sprich, damit ich dich sehe

Katrin Wienold-Hocke
Ein Beitrag von

Katrin Wienold-Hocke,

Evangelische Pröpstin, Sprengel Kassel
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"Sprich, damit ich dich sehe".
Bei Videokonferenzen in größeren Gruppen sage ich das, weil nicht alle Teilnehmenden auf einem Bildschirm zu sehen sind, selbst wenn sie ihre Kamera eingeschaltet haben. Wer spricht, dessen Kachel rückt auf. Wer die andern begrüßt, plaudert oder sich zu Wort meldet, wird für alle sichtbar und wer sich länger nicht äußert, verschwindet von der Bildfläche, im wahrsten Sinne des Wortes.
Sprich, damit ich dich sehe- das ist keine Bitte, die erst mit Videokonferenzen entstanden wäre.

"Sprich, damit ich dich" - Schon eine Bitte von Sokrates

Schon von Sokrates ist der Satz überliefert. Er begegnete einem sehr anziehenden, aber schweigsamen jungen Mann. Mit ihm möchte er gern in Beziehung treten, am liebsten wohl eine Freundschaft beginnen. Sein Wort hat einen tiefen Hintersinn. Er meint: "Sprich, damit ich mehr von dir sehe als nur deine schöne Erscheinung."

Wer redet, teilt etwas von sich mit

Denn wenn jemand anfängt zu reden, teilt er immer etwas vom Inneren mit. Er nimmt Beziehung auf und riskiert, auch Schwächen zu zeigen. Er macht sich nahbar und verletzlich. So ähnlich wie Sokrates, singt es auch die Gruppe Wir sind Helden. "Gib mir ein Wort" heißt ihr hintergründig sehnsüchtiges und humorvolles Liebeslied. Gib mir nur ein Wort, bleib nicht in deinem Zelt aus schönem Schweigen. Wag etwas, öffne dich für mich, bleib nicht allein.

Schöne Wesenzüge am anderen entdecken

Denn das passiert doch auch: Wenn ich mit jemandem gesprochen habe, wenn wir uns kennenlernen, entdecke ich schöne Züge, die ich vorher glatt übersehen habe.

Ich freue mich seit einem Jahr doppelt, wenn jemand mit mir redet, ob am PC oder am Telefon, oder von Angesicht zu Angesicht, auch in Distanz und mit Maske. Es tut so gut, sich zu hören und zu sehen!

Wie geht es Dir wirklich?

Und ich mache mir in ruhigen Momenten Sorgen, wer gerade von meinem Bildschirm verschwindet, weil wir uns lange nicht gesprochen haben. Zufällig begegne ich jetzt nur sehr wenigen Menschen. Darum nehme ich mir vor, hin und wieder anzurufen: Sprich, wie geht’s dir? Was ist los in deinem Leben - oder auch: was ist gerade nicht los?

"Gott, gib mir ein Wort für mein Herz"

"Gib mir ein Wort, ein Wort für mein Herz". Das ist ein kurzes Gebet, das ich nicht mehr missen möchte. Es passt, für jeden Tag neu. Gib mir ein Wort für mein Herz, Gott, damit ich nicht allein bleibe, und ein Herz für dein Wort, damit ich es aufnehmen kann.

Ob auch Gott bittet: Sprich, damit ich dich sehe?

Die kürzeste Antwort darauf ist nur ein Wort, auf Hebräisch. Hinneni, das heißt: da bin ich.

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