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Kusänderung an der Ostsee
Bild: pixabay

Kusänderung an der Ostsee

Sebastian Pilz
Ein Beitrag von

Sebastian Pilz,

Referatsleiter für Familien- und Beziehungspastoral, Fulda
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Es ist Freitag, kurz vor vier Uhr am frühen Morgen. Schlaftrunken stehe ich auf und frühstücke eine Kleinigkeit. Dann präpariere ich noch eine Thermoskanne mit schwarzem Tee und belege zwei Brötchen. Ich will munter und gut gerüstet sein. Denn: Ich habe eine lange Reise vor mir. Ich packe die letzten Dinge zusammen, doch das Gröbste ist schon seit dem Vorabend im Auto, sogar das Fahrrad ist mit an Bord. Um 4:30 Uhr geht es los. Es ist noch dunkel. Nur ganz zaghaft wird es am Horizont heller. Über 700 Kilometer liegen vor mir und das Navi sagt knapp acht Stunden Fahrt voraus. Ich möchte von Hessen aus an die Ostsee fahren, dorthin, wo ich seit 33 Jahren nicht mehr war.

Ich stamme aus der ehemaligen DDR, genauer gesagt aus Chemnitz, das zu meiner Geburt noch Karl-Marx-Stadt hieß. Als kleines Kind bin ich bis zum sechsten Lebensjahr jedes Jahr an der Ostsee. Dann kommen Wende und deutsche Wiedervereinigung. Fortan fahren meine Eltern und ich nur noch an die Nordsee. Das bleibt auch so, als ich selber eine eigene Familie gründe. Ich bin seitdem nie wieder an der Ostsee gewesen. Und ich verspüre auch keinen Drang dorthin. Im Gegenteil: Wenn mir andere von der Schönheit der Ostseeküste berichten, schleicht sich bei mir ein beklemmendes Gefühl ein. Auch wenn ich das politische System der DDR erst später als Jugendlicher reflektiere, so ist die Ostsee für mich zu einem übergroßen Teil mit meiner Kindheit in diesem Regime verknüpft. Ich konnte eben mit meinem Sandeimerchen und meiner Schaufel nicht weiterreisen als zu einem dieser Strände. Dort war Schluss. Irgendwie habe ich sehr früh gemerkt, dass meine Eltern gern auch mal woanders hingefahren wären. Deshalb vermittelt mir die Ostsee keine Freiheit. Nein. Sie wurde unbewusst in Kindertagen mein Symbol für die Unfreiheit. Ein Vorurteil, das tief sitzt und ich nicht einfach abschütteln kann.

Um Vorurteile geht es heute auch im katholischen Gottesdienst. Und da steht nicht ein Ort im Blickpunkt, sondern eine Person, nämlich Jesus. Er fragt seine Jünger in einer Bibelstelle, die heute vorgetragen wird, in zweifacher Weise: Einmal will er von den Jüngern wissen: Für wen halten mich die Menschen? Und wenig später fragt er die Jünger selbst: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? (Markusevangelium 8,27 und 29)

Die Fragen werden die Jünger verwundert haben, klingen sie doch fast wie Prüfungsfragen. Auf die erste antworten sie alle gemeinsam indem sie mit Johannes, dem Täufer, Elija oder sonst einem Propheten antworten. Auf die zweite antwortet nur noch Petrus mit den im Markusevangelium überlieferten Worten: Du bist der Christus, was mit Gesalbter übersetzt werden kann. Mich irritieren diese beiden Fragen von Jesus. Ich möchte den Sinn dahinter verstehen.

Musik

Die Frage Jesu, für wen ihn die Menschen halten, klingt fast so, als ob er seine Prominenz in der damaligen Gesellschaft feststellen will. Je angesehener die Personen sind, mit denen er verglichen wird, umso besser. Wäre das die Absicht von Jesus, könnte er über seine Popularität zufrieden sein: Zum einen vergleichen die Jünger ihn mit Johannes dem Täufer. Der ist ein Prophet, der in der Gegenwart Jesu lebt. Johannes zieht in der Wüste durch seine Predigt viele Menschen an und tauft sie. Zum anderen wird Jesus mit Elija verglichen. Der war wiederum einer der wichtigsten Propheten der damaligen Vergangenheit. Er soll der jüdischen Tradition nach nicht gestorben, sondern zum Himmel entrückt worden sein. Die Menschen der damaligen Zeit stecken Jesus also mit Johannes und Elija in einen Topf. Sie haben ein vorgefertigtes Bild von Jesus, ohne sich ein eigenes zu machen. Sie haben eben Vorurteile, auch wenn diese positiv belegt sind.

Doch um diese Art der Popularität geht es Jesus nicht. Er weist nämlich in der gleichen Bibelstelle wenige Verse später Petrus zurecht. Er sagt zu ihm: „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen." (Markus 8,32) Das zeigt, dass die erste Frage nur eine Art Treppenstufe hin zur zweiten ist. Die eigentliche Frage also die, die Jesus an die Jünger stellt, nämlich: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?

Petrus antwortet darauf, dass Jesus der Christus sei. Damit ist Jesus zunächst sehr zufrieden. Will er doch, dass diese innere und von Petrus hier ausgesprochene Erkenntnis von den Jüngern zunächst geheim gehalten wird. Unmittelbar danach kündigt Jesus sein Leiden und Sterben am Kreuz an. Und da ist es ausgerechnet Petrus, der versucht, Jesus das auszureden. Petrus verbindet also sein klares Bekenntnis zu Christus gleich mit einem historisch aufgeladenen Bild vom Messias. Vermutlich meint Petrus, dass der Christus eben jener Messias sei, der Israel von der Herrschaft der Römer erlösen will. Ein Tod am Kreuz und eine für ihn unmöglich klingende Auferstehung haben da keinen Platz. Doch dieses Bild vom politischen Messias entspricht Jesus nicht. Jesus geht gegen dieses Vorurteil sofort vor, indem er Petrus – wie schon erwähnt - sehr deutlich zurechtweist. Historisch geprägte Vorurteile behindern also die Erkenntnis, wer Jesus wirklich ist.

Mir wird daran deutlich: Im christlichen Glauben taugt ein vorher festgelegtes Bild von Jesus nicht. So ein Bild ist ein Vorurteil, das einengt. Und Jesus ist eben größer als alle Vorurteile, mögen sie positiv oder historisch aufgeladen sein. Ein klares Bekenntnis zu ihm muss also stets mit einer großen Offenheit einhergehen. Und die gilt dann nicht nur für Jesus, sondern für alle Menschen. Schließlich hat Jesus als Gott und Mensch seine Liebe allen Menschen geschenkt. Das hat er am Kreuz und in der Auferstehung ein für alle Mal sichtbar gemacht. Lieben geht eben nur in großer Offenheit, nicht mit festgelegten Vorurteilen. Nur so ist und bleibt jede Begegnung lebendig, echt und von einem wirklichen Interesse am anderen geprägt.

Musik

Zurück zur Ostsee und meiner biografischen Sicht auf dieses Meer. Seit 33 Jahren war ich nicht mehr da. Zu fest ist mein in der Kindheit geprägtes Vorurteil. Bis zu jenem Freitag vor einigen Wochen eben. Wenige Tage zuvor entschied ich mich zu einem Neuaufbruch. Der Urlaub eines Freundes ist die Initialzündung. Er ist Kamerad meiner Freiwilligen Feuerwehr und erholt sich gemeinsam mit seiner Frau auf dem Darß. Mit ihrer Hilfe will ich ihn überraschen. Doch es kommt alles etwas anders. Sie muss ihm schon früher erzählen, dass ich kommen will. Die beiden wären sonst zu einem Tagesausflug nach Hiddensee aufgebrochen. Auch die Willkommensszene gelingt nicht auf Anhieb, weil ich im Ort keinen Parkplatz finde. Es ist eben anders als gedacht. Mir geht es fast so wie Petrus im Bibeltext.

Irgendwann finde ich am Ortsrand einen Stellplatz, der in Strandnähe ist. Einige Minuten stehe ich da, blicke zum Strandübergang hinüber und mein Vorurteil von diesem Meer geht mir durch den Kopf: Ist die Ostsee wirklich so schlimm, wie ich sie in Erinnerung habe? Neugierde packt mich, das zu überprüfen. Ich fasse mir ein Herz und steuere mutig den Weg zum Strand an. Ich durchquere den Küstenwald, laufe bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel einen kleinen Dünenhügel hoch, komme oben an und bleibe stehen: Zum ersten Mal nach so vielen Jahren sehe ich die Ostsee. Ich bin überwältigt von dieser Schönheit. Ganz ruhig liegt das Meer da. Menschen tummeln sich am Strand und im Wasser. Ich bin tief berührt. Wenig später telefoniere ich mit meinem Freund und vertröste ihn noch etwas. Denn ich laufe nämlich zurück zum Auto, hole die Badesachen und gehe schwimmen. Wie ich so in die Ostsee eintauche, merke ich, wie meine historische Last innerlich abfällt. Die anschließenden Tage mit meinem Feuerwehrkamerad und seiner Frau werden wunderschön. Wir erleben gemeinsam tolle Ausflüge mit lustigen Momenten, guten Gesprächen und eindrucksvollen Naturerfahrungen.

Mit Blick auf den Bibeltext vom heutigen Sonntag merke ich, wie sehr ich ein bestimmtes historisch geprägtes Vorurteil mit mir herumtragen habe. Das führte dazu, dass ich 33 Jahre lang einen Bogen um diesen so schönen Landstrich (die Ostsee) gemacht habe. Wie tief doch solche historisch gewachsenen Vorurteile und Assoziationen sitzen können, denke ich. Und wie verletzend muss es erst sein, wenn sich Vorurteile nicht auf einen Landstrich, sondern auf Personen beziehen.

Mein Ostsee-Erlebnis nehme ich zum Anlass, aufmerksamer und achtsamer für Begegnung mit Menschen zu sein. Ich will eine liebende Offenheit an den Tag legen, denn nur so wird und bleibt ein Treffen lebendig. Vielleicht schwappt etwas von meinem Ostsee-Erlebnis auch zu Ihnen hinüber, auf dass Vorurteile weggespült und eine neue Brise Einzug halten. In persönlichen Begegnungen mit Mitmenschen oder auch in der Begegnung mit Jesus, dem Christus.

 

 

 

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