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Zwei Seiten der Medaille
Bild: Daniel Battershell/Pixabay

Zwei Seiten der Medaille

Tanja Griesel
Ein Beitrag von

Tanja Griesel,

Evangelische Pfarrerin, Kassel
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In diesem Monat bin ich 25 Jahre verheiratet. Bisher dachte ich, zum Heiraten braucht es genau zwei Personen. Zwei Menschen, die sich lieben. Dass man auch allein vor den Traualtar treten kann, war mir neu. Aber die Britin Sophie Tanner hat es vorgemacht: Sie heiratete sich selbst. Dies sei ein feierlicher Akt der Selbstliebe, sagt sie. Heirate dich selbst! Dann ist egal, mit wem du tatsächlich den Bund der Ehe eingehst. Sologamie nennt man das. Das ist Selbstliebe im Extrem. Baut man sein Leben allein auf der Selbstliebe auf, wäre das doch sehr einseitig, oder? Vermutlich geht man dann recht einsam durchs Leben. Wer in erster Linie an dem eigenen Wohlergehen interessiert ist, entwickelt kaum ein wahres Interesse an anderen. Da zählt allein das Motto: Ich bin mir selbst der Nächste!

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Das sagt Jesus in der Bergpredigt. Selbstliebe und Nächstenliebe sind zwei Seiten einer Medaille: Wer sich selbst liebt, kann auch andere lieben. Das eine ist nicht ohne das andere. Sich selbst zu lieben, heißt: Ich mag mich, wie ich bin. Ich bin nachsichtig mit mir. Ich weiß, was ich brauche, was mir guttut und wo meine Grenzen liegen. Ich achte auf mich. Andere zu lieben, heißt: Ich nehme den anderen so, wie er ist. Ich bin nachsichtig und aufmerksam. Ich fühle mit, ich leide mit, ich kann mich aber auch aufrichtig mit ihm freuen. Wer liebt, macht Zugeständnisse und ist nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Ich wäre nicht so lange verheiratet, wenn ich nicht bereit wäre, auch mal Kompromisse einzugehen – und mein Mann ebenso.

Bei der biblischen Vorstellung der Nächstenliebe geht es nicht um ein Entweder- oder. Es geht um beides: Die Liebe zu sich selbst und die Liebe zum Nächsten. Dazu brauche ich kein Heiratsformular zu unterschreiben, in dem ich mich selbst heirate. Ich weiß auch so: Ich bin ein von Gott geliebter Mensch.
Liebende Menschen behalten die Liebe nicht für sich. Liebe ist das einzige, was wächst, wenn man sie verschwendet. So hat es Jesus vorgelebt und legt es auch uns ans Herz. Diese Liebe ist freigiebig und selbstlos.

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