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Warum Vergeben so wichtig ist
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Warum Vergeben so wichtig ist

Martin Vorländer
Ein Beitrag von Martin Vorländer, Evangelischer Pfarrer und Rundfunkbeauftragter für den hr, Frankfurt
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Wenn man am Morgen nur so halb wach, noch halb verschlafen ist, dann gibt es gern mal Knatsch. Man trifft in der Früh aufeinander, hat sich selbst noch nicht ganz auf der Reihe und ist umso gereizter. Meine Mutter sagte früher: „Jetzt vertragt euch doch wieder!“,  wenn es im Kinderzimmer wieder einmal großes Morgen-Geschrei gab, ein Bruder den anderen schubste, an den Haaren zerrte und heulend behauptet hat: „Der hat aber angefangen!“

„Vertragt euch doch wieder!“ Das ist leichter gesagt als getan, wenn einem die Wut noch tief in der Magengrube sitzt und die Faust sich ballt, weil man dem anderen nicht vergeben, sondern heimzahlen will, was der einem angetan hat.

Vertragen und Vergeben fällt schwer

Es gibt Dinge, die ändern sich nie, auch wenn man dem Kindesalter entwächst, groß und scheinbar klüger geworden ist. Sich wieder Vertragen und Vergeben fällt auch unter Erwachsenen schwer. Unter Kollegen, in Freundschaften, Beziehungen und Ehen ist es eine Leidenschaft, die Leiden schafft, den anderen auf das festzunageln, was er getan oder nicht getan, sie gesagt oder nicht gesagt hat. Wenn jemand mich richtig getroffen hat, wenn ich mich betrogen und enttäuscht fühle, dann sitzt der Stachel tief und fest. „Die will ich nie mehr sehen.“ „Der ist für mich gestorben.“ Oder „Dafür wirst du bezahlen.“

Jesus fordert: Siebzigmal siebenmal vergeben

Petrus fragt einmal Jesus: „Wie oft muss ich meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal?“. Jesus antwortet: „Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.“ (Matthäus 18,22)

Warum fordert Jesus etwas so schier Unerfüllbares? Weil es in tote Beziehungen führt, wenn man nicht vergeben kann. Das kann man besichtigen in abgestorbenen Beziehungen, in denen Menschen in verbittertem Schweigen erstarrt sind oder sich harte Worte wie Geschosse ins Gesicht schleudern. Das kann man mit Schrecken studieren anhand der Dauerkonflikte unserer Gegenwart. Nicht-Vergeben-Können führt in den Tod. Vergeben können bedeutet Leben.

Vergeben ist Arbeit

Siebzigmal siebenmal vergeben. Es kommt nicht auf das Vergebungs-Einheiten-Zählen an, auch wenn die Multiplikation es nahe legt. Jesus geht es um die Intensität, um das beharrliche Bemühen, den anderen nicht zu verlieren, sondern durch Vergeben einen Neuanfang möglich zu machen. Siebzigmal siebenmal – das drückt aus, dass Vergebung nicht mit einem Fingerschnippen zu haben ist. Vergeben ist Arbeit, Arbeit, Arbeit. Es kostet Selbstüberwindung und Dranbleiben.

Gott vergibt immer

Dass Menschen sich überhaupt vergeben können statt in Hass und Streit zu erstarren, liegt daran, dass Gott vergibt. Auch wenn ich immer wieder kräftig daneben haue, es gibt bei Gott immer die Chance zum Neuanfang. Das ist die göttliche Triebfeder, um den anderen, mit dem man sich verkracht, nicht abzuschreiben, sondern zu vergeben.

Den Versuch ist es auf jeden Fall immer wieder wert: das Morgengrauen über einen Zank vertreiben, einen Groll dem anderen nicht endlos hinterher tragen, sondern endlich ablegen, siebzigmal siebenmal vergeben. So gehen beide besser in den Tag.  

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