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Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben
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Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben

Carsten Noll
Ein Beitrag von

Carsten Noll,

Katholischer Pfarrer, Pfarrei St. Michael, Hilders-Eckweisbach
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Zugegeben: Ich ertappe mich immer wieder einmal dabei. Da fällt mir ein Foto, ein Zeitungs-ausschnitt, ein Brief oder sonst ein Schriftstück in die Hand und schon schwelge ich in ver-gangenen Zeiten. Ich erinnere mich, wie es damals war, in der Jugend, meine Zeit als Mess-diener und Küster, mein leidenschaftliches Engagement in der Pfarrgemeinde. Und natürlich mein Leben mit 19-22 in einem Internat für Erwachsene um das Abitur nachzuholen, das Stu-dium im Priesterseminar, die ersten Jahre als Kaplan... - Eine tolle Zeit. Im Rückblick alles so einfach und irgendwie leicht.
Mittlerweile bin ich 48 Jahre alt geworden. Nicht alt, aber ich werde älter. Vielleicht gehört es irgendwie dazu, dass man ab einer gewissen Phase seines Lebens zum Zurückschauen neigt. Zurückschauen auf das, was man erlebt und erreicht hat. 
Ich möchte mit Ihnen in dieser Morgenfeier einen gelassenen Blick werfen auf Lebensver-hältnisse, die schon immer im Wandel waren und auf Chancen, die sich im Umbruch auftun.

Doch mal ehrlich, früher war auch nicht alles leicht. Ich persönlich habe gelitten, gehänselt zu werden, weil ich mich in der Kirche engagierte und in der Schule auf keinen grünen Zweig kam. Sie können vielleicht zurückdenken an fruchtlose Reibereien unter Geschwistern, an unreflektierte Jugendsünden, dass sie nicht den Wunsch-Ausbildungsplatz bekommen haben oder dass eine ungeplante Schwangerschaft Fakten für ihr weiteres Leben geschaffen hat.

Musik: Thomas Schmitt, "Preludio", CD: Gitarrenmusik des Barock, Track 4, Dauer: 1:28

Viele Menschen leben persönlich oft aus der Kraft einer verklärten Vergangenheit. Auch der christliche Glaube nährt sich aus dem Blick in frühere Zeiten. Die biblische Botschaft und de-ren Verkündigung ist so etwas wie eine religiöse Reise in die Geschichte der Menschheit. Im katholischen Gottesdienst dieses 5. Fastensonntags führt uns die Lesung aus dem Buch des biblischen Propheten Jesaja hinab in die Identität stiftende Erinnerung des Volkes Israel: Unter der Führung des Mose hat Gott unter großen Zeichen sein Volk aus der Knechtschaft Ägyp-tens in die Freiheit geleitet. Dieses Gedenken ist Fundament des Vertrauens auf das wohlwol-lende und zugleich Orientierung gebende Handeln Gottes an seinem auserwählten Volk bis heute. Doch Jesaja konstatiert in seinem Text über die damalige Zeit: "Sie liegen am Boden und stehen nicht mehr auf, sie sind erloschen und verglüht wie ein Docht" Und er ermutigt, das Handeln Gottes auch im Heute zu erblicken: "Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr! Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?" (Jes 43,17-19)
Vergangen ist vergangen. Ob es Großtaten sind oder persönliche Schuld beinhaltet, ist relativ. Das Entscheidende ist, dass Gott nicht aufgehört hat in die Zeit hineinzuwirken, sondern er will durch sein wohlwollendes Handeln, wie es Jesaja formuliert, das Volk, das er sich ge-formt hat, dahin führen, dass es Gottes Ruhm verkündet (Jes 43,21). Wenn Gott in die Ge-schichte und in das Leben von Menschen eingreift, dann ist die Konsequenz oft die Erkennt-nis, dass bisherige Denk- und Handlungsmuster aufgegeben werden müssen. Meistens ist dies der Fall, weil etwa eine Lebensphilosophie oder auch äußere Strukturen ihre Sicherheit gebende Tragfähigkeit verloren haben.
Ab diesem Sonntag, beginnt für Christen die Zeit, vor Ostern besonders an das Leiden und Sterben Jesu zu denken. Und gerade da führt ein weiterer Bibeltext im Gottesdienst in eine solche Umbruchsituation hinein. Der Text erzählt, wie Jesus im Jerusalemer Tempel das Volk lehrt. Da bringen Schriftgelehrte und Pharisäer eine Frau, die man beim Ehebruch ertappt hatte. Nach dem Gesetz des Mose müsste diese Frau gesteinigt werden. Von Jesus verlan-gen sie nun ein Urteil und wollen ihn damit auf die Probe stellen (Joh 8,1-5): Hält sich dieser „selbsternannte Lehrer“ an das Gesetz des Mose? Nach menschlichem Ermessen damals für Jesus eine ausweglose Situation: Hätte er geantwortet, man solle die Frau verschonen, hätte er sich öffentlich im Tempel gegen das Gesetz des Mose gestellt. Doch dieses Gesetz stellte das religiöse Fundament der Versammelten dar. Das wäre eine offene Provkation. Eine Äu-ßerung aber, dass man dem Gesetz entsprechen müsse, hätte seine eigene Verkündigung von der vergebenden Liebe Gottes zu einer leeren Hülse degradiert. Was tut Jesus also? Der Evangelist berichtet, dass er abtaucht und fast meint man, Jesus will sich wegducken, aus der Affäre ziehen oder zumindest Zeit gewinnen. "Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde" (Joh 8,6b). Was Jesus schrieb, erfahren wir nicht. Manche Exege-ten meinen, er könne an den Propheten Jeremia erinnert haben, bei dem es im 17. Kapitel, Vers 13 heißt: "Die sich von mir abwenden, werden in den Staub geschrieben, denn sie ha-ben den HERRN verlassen, den Quell lebendigen Wassers".

Musik: Georg Philip Telemann, „Largo“ aus Sonate D-Dur, CD: Klänge aus der Stille, Track 3, Dauer: 1:43 

Die Pharisäer also wollen Jesus prüfen und der schreibt etwas in den Sand. Aber er tut noch mehr. Johannes schreibt: "Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete … sich Jesus auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde." (Joh 8,7-8). Warum reagiert Jesus so? In seiner sogenannten Hirtenrede sagt Jesus an anderer Stelle von sich selbst: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10,10). Im Evangelium von der Ehe-brecherin und ihren Anklägern geht es ihm genau darum. Keiner der Parteien soll das Leben und die Zukunft geraubt werden. Wie ein Hirt seine Herde auf gute Weide und zu frischem Wasser führt, leitet Jesus die Personen in unserem Evangelium mit einer alternativen Sicht-weise zu einem veränderten Denken und einer neuen Lebensperspektive:
Jesus lenkt die Blicke auf die ganze Realität. Er sagt nicht, dass die Frau nicht gesündigt hat. Aber er macht bewusst, dass keiner der Anwesenden ohne Sünde ist und folglich auch keiner das Recht zu einer Verurteilung hat. Die Reaktion: "Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten." (Joh 8,9). Jesus, der einzige Sündenlose, bleibt allein mit der Frau zurück und sagt ihr das erlösende Wort: "Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!" (Joh 8,11). Diese Worte Jesu sind 2000 Jahre alt. Heute kann ich in diesen Worten mithören: "Was geschehen ist, ist geschehen. Wir brauchen dar-über nicht mehr zu reden, müssen uns nicht in der Vergangenheit aufhalten. Ändere auch du dein Denken und lebe dein Leben neu!

Die geschilderte Szene aus dem Johannesevangelium hat der deutsche Renaissance-Maler Lucas Cranach der Ältere mehrfach ins Bild gebracht. Eines dieser Werke, um 1512 gemalt, ist im Fuldaer Dommuseum zu sehen und fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Wie auf einem Familienportrait sind da alle nebeneinander aufgereiht: Jesus, einige Apostel, die Ehe-brecherin und ihre Ankläger. Das Besondere an diesem Bild: Jesus und die Apostel tragen weite, wallende Gewänder, biblische Kleidung eben. Doch die Frau und ihre Ankläger sind in der Tracht des 16. Jahrhunderts dargestellt. Cranach hat die biblische Szene bewusst in die Zeit des damaligen Betrachters transportiert. Ich bin mir sicher: Würde Cranach heute malen, trüge die Ehebrecherin ein T-Shirt und Jeans und die Ankläger feine Anzüge.
"Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie" – Diesen Satz Jesu hat der Maler oben in das Bild geschrieben. So wichtig war Cranach dieser Satz. Denn: Ich darf und soll mich als Betrachter in das biblische Geschehen hineinnehmen lassen. Und das so-wohl mit der auch bei mir dann und wann auftretenden Versuchung, über andere zu urteilen. Aber auch meine Lebenswirklichkeit, vor eigenen Fehlern und Sünden nicht gefeit zu sein, hat hier ihren Platz.
Jesus macht bis heute Mut! Natürlich soll ich Makel und Schiefgegangenes nicht einfach un-ter den Teppich kehren. Aber ich soll Geschehenes bei mir selbst und auch bei anderen als Teil der Geschichte akzeptieren. Aber als eine Geschichte, die durch Gottes vergebendes Handeln die Chance birgt, unter anderen Vorzeichen fortgeschrieben zu werden. Wie es schon in dem angesprochenen Text von Jesaja hieß: "Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr! Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon sprießt es, merkt ihr es nicht?" (Jes 43,18-19)

Musik: Antonio Vivaldi, „Preludio“ aus Sonate Nr. 6 B-Dur, CD: Klänge aus der Stille, Track1, Dauer: 2:09

Auf dem Bild "Christus und die Ehebrecherin" von Lucas Cranach im Fuldaer Dommuseum ist ein bewegendes Detail zu beobachten: Dezent und erst beim genauen Hinschauen erkennt man am unteren Bildrand, dass Jesus die Hand der angeklagten Frau ergriffen hat. Hier wird deutlich: Gott will dem Menschen Freund sein, er verwendet sich für den Einzelnen um des-sen Heiles willen. Ich kann mir vorstellen, dass Jesus auch in der Realität die Hand jener Frau ergriffen hat. Mehr noch, dass sie ganz und gar ergriffen war von dem barmherzigen Han-deln. Denn dadurch wurde ihr bewusst, dass auch sie in den Augen Gottes wertvoll ist.
Gut möglich, dass der Apostel Paulus die Szene mit der Ehebrecherin vor Augen hatte, als er seinen Brief an die Gemeinde in der Ortschaft Philippi schrieb (Phil 3,8-14). Er selbst, der einst kaltblütige Christenverfolger Saulus hatte nämlich mittlerweile am eigenen Leib die ver-gebende und neuorientierende Zuwendung des auferstandenen und erhöhten Christus erfah-ren. Und das, ohne sie verdient zu haben. Paulus ist von der Liebe Jesu, die ihm nachgegan-gen ist und ihn gesucht hat so überwältigt, dass er ihre verwandelnde Kraft an seinem Leben, seinem Denken und Urteilen zugelassen hat. Durch die Begegnung mit dem Auferstandenen hat er erkennen dürfen, dass diese Liebe so mächtig ist, dass sie selbst den Tod entwaffnet und entmachtet hat. So wird aus Saulus ein Paulus und aus dem Verfolger ein Gefolgsmann, der immer tiefer eindringt in die Liebe Christi. Er möchte Jesus ähnlich sein. Paulus bleibt dennoch Realist, wenn er über sich schreibt: "Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. (...) Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen jage ich nach dem Siegespreis: der himm-lischen Berufung Gottes in Christus Jesus." (Phil 3,12-14)
Seit dem ist die Erkenntnis Jesu, seines Herrn, für ihn das Wertvollste, neben dem alles ande-re wie Unrat erscheint. Unrat ist für ihn auch seine Vergangenheit, weil sie eben nicht von Liebe durchdrungen war.
Die Liebe Jesu, Gottes Liebe, ist nicht nur ein Wort oder ein Gefühl, geht nicht nur bis zu ei-nem gewissen Punkt. Nein, Gottes Liebe ist grenzenlos. Besiegelt und garantiert ist diese Lie-be mit dem Leiden und Sterben Jesu am Kreuz, bei dem er für seine Verfolger Fürbitte beim Vater im Himmel einlegte, in dem er betete: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" (Lk 23,34). Jesus betet für jene, die die von ihm verkündete und praktizierte Liebe Gottes für ihren Lebensaltag nicht annehmen wollten: Jene Liebe, die den Sünder sucht und die Sünde vergibt, und deshalb zwangsläufig immer wieder auch gewohnte Schwarz-Weiß-Denkmuster und starre Traditionen stört, hinterfragt und zu durchbrechen sucht.

Musik: Antonio Vivaldi, „Adagio“, CD: german, austrian an czech violins, Track 3, Dauer: 1:13

Beim Beschäftigen mit den biblischen Schrifttexten für den Gottesdienst an diesem 5. Fas-tensonntag, fasziniert mich, dass sie alle in die Zukunft weisen. Jesaja macht Mut, Glauben nicht nur als Gedenken von Vergangenem zu verstehen, sondern Gottes Handeln im Heute nachzuspüren. Das Evangelium von der Ehebrecherin will inspirieren, aus einer verfahrenen Situation, ohne Verleugnung der Vergangenheit, aber durch Vergebung zu einem Neuanfang in eine geglückte Zukunft zu gelangen. Und Paulus zeigt am Selbstbeispiel im Philipperbrief, dass die Erfahrung der Liebe Gottes einen Menschen ganz und gar neu gestalten kann.
Mir persönlich machen diese Texte Mut, in manch frustrierender Situation gerade in der Kir-che unserer Tage zu fragen, ob hier nicht doch Gott dabei ist, etwas ganz Neues zu wirken. Ich nehme mir vor, sensibel für die Situationen zu sein, in denen ich als Schlichter und Ver-söhner wirken kann. Und ich verspüre die Sehnsucht, ein wenig von dem glühenden Eifer eines Paulus geschenkt zu bekommen. Vielleicht darf ich ja an diesem Osterfest auch ganz persönlich spüren, dass der Auferstandene Jesus mir begegnet und mich ergreift.

Ich wünsche Ihnen und mir einen gesegneten Sonntag!

Musik: Johann Sebastian Bach, „Ich folge dir gleichfalls", CD: Johannes Passion, Track 9, Dauer: 3:42

Musikauswahl: Regionalkantor Christopher Löbens, Hünfeld

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