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Das Gottesauge
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Das Gottesauge

Dr. Klaus Dorn
Ein Beitrag von

Dr. Klaus Dorn,

em. Dozent am Kath.-Theol. Seminar, Marburg
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Ganz oben an der Orgel hing es, genau in der Mitte, das Gottesauge in seinem Dreieck. Es schaute herunter und schien jeden Platz in der Kirche gleichzeitig im Blick zu haben. Dieses Dreieck bezeichnet die Dreifaltigkeit. Damit war mir schon als Kind klar, dass dieser Gott in allen drei Personen mich ständig im Visier hatte. Es half nichts, dass Eltern und Geschwister nicht sofort bemerkten, wenn ich wieder einmal etwas angestellt hatte. Ob ich wieder einmal eine Tasse zu Bruch gehen ließ oder beim Naschen den Zucker ausgeschüttet hatte, was ich dachte, sagte oder tat: Das Gottesauge registrierte alles. Wer einmal den Film über den Herrn der Ringe gesehen hat, kann sich meine kindlichen Gefühle vorstellen. Das böse, flammende Auge von Mordor hat alles und jeden im Blick. Jederzeit. Das glühende Auge schweift beständig über das Land um zu sehen, ob ihm jemand Widerstand leisten möchte. Merkwürdigerweise habe ich immer nur an Überwachung gedacht. Ich stellte mir vor, dass meine kindlichen Untaten in die himmlischen Bücher eingeschrieben wurden und am Ende, beim Gericht, würden diese Bücher dann zu meinen Ungunsten aussagen. Der Gedanke, dass Gott über uns wacht um uns zu behüten, ist mir nie so recht gekommen.

Vielleicht lag es am Religionsunterricht, in dem wir nur allzu oft daran erinnert wurden, wie sehr wir Gott durch unsere Sünden beleidigten. Es hieß, wir häuften Schmerzen auf seinen Sohn, der für uns gegeißelt und ans Kreuz geschlagen worden war. Und jede meiner Sünden, so meine Phantasie, bedeutete einen weiteren Schlag auf den schon blutenden Rücken Jesu. Über all dem wacht das Gottesauge, erbarmungslos und immerwährend.

Den Gott, den ich später kennenlernte, war ein völlig anderer. Es war der Gott, den Jesus verkündigte und nicht die Kirche meiner Kindheit. Da ist zwar auch einmal vom Gericht die Rede, aber im Vordergrund steht da etwas ganz anderes. Es ist der Gott, der seine Königsherrschaft über die Welt bringt, schon jetzt, zu Lebzeiten Jesu. Und die Predigt Jesu vom Reiche Gottes meint nichts anderes als das Kommen dieser Herrschaft. Seine Taten machen deutlich, dass Gottes Herrschaft schon angebrochen ist. Wenn ich mit dem Finger Gottes Dämonen austreibe, sagt Jesus, dann ist das Reich Gottes schon zu Euch gekommen. Und wenn ein Blinder sehend wird und ein Lahmer gehen kann, dann ist auch dies ein Zeichen für Gottes anbrechendes Heil. Die Kranken wurden geheilt ohne dass sie vorher Rechenschaft über ihr Leben ablegen mussten. Jesus hat nicht gefragt: Seid ihr denn alle auch brav gewesen? Er hat auch nicht gesagt: Wenn ihr glaubt, dann helfe ich euch. Seine bevorzugten Klienten waren die Armen, die Kleinen, die von Hause aus Unreinen wie die Dirnen und die Zöllner. Und auch zu ihnen hat er nicht gesagt: Wenn ihr umkehrt, liebt euch Gott, sondern: Gott liebt euch, einfach so. Seid frei und lebt euer Leben neu.

Um das zu verstehen, braucht es kein Gottesauge. Für niemanden.

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