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"Ich schließe Sie in mein Gebet ein"
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"Ich schließe Sie in mein Gebet ein"

Daniel Lenski
Ein Beitrag von

Daniel Lenski,

Evangelischer Pfarrer, Königstein-Falkenstein
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In der Tiefgarage des Supermarktes geht es hektisch zu. Alle wollen entweder schnell nach oben zum Einkaufen oder rasch mit ihren vollen Tüten zum Auto. Ein älterer Herr stellt gerade seinen Einkaufswagen ab. Da fällt ihm die Münze aus der Hand und rollt unter die lange Reihe von aufgestellten Wagen. Eine Mutter, die mit ihren drei kleinen Kindern vom Einkaufen kommt, sieht die Situation. Sie zögert kurz. Dann stellt sie den Maxi-Cosi mit ihrem Jüngsten sowie die beiden Einkaufstüten ab. Sie ruft der ältesten Tochter zu, ihren Bruder an die Hand zu nehmen, und geht zu dem älteren Herrn. Auf allen Vieren kriecht sie unter die Einkaufswagen und hebt die Münze auf. Der Mann dankt ihr und sagt: „Ich schließe Sie in mein Abendgebet ein.“      

"Ich schließe Sie in mein Abendgebet ein"                            

Als mir die Mutter von dieser Situation erzählt, ist sie nach wie vor berührt. Dieser einfache Satz hat etwas in ihr angestoßen. Dass ihr der völlig fremde Mann gesagt hat, „ich schließe Sie in mein Abendgebet ein“, beindruckt sie. Er hat es so selbstverständlich gesagt.

"Ich überlege oft, ob ich denen, für die ich bete, das auch sagen soll"

Mich beeindruckt das auch. Klar, als Pfarrer bete ich für andere. Aber ich überlege oft, ob ich denen, für die ich bete, das auch sagen soll. Etwa, wenn ich Menschen besuche oder mit ihnen telefoniere. „Ich schließe Sie in mein Gebet ein.“ Trete ich ihnen damit nicht zu nahe oder stülpe ich ihnen meine eigene Frömmigkeit über?

Für jemanden beten, ist wie eine Verbindung über die Entfernung hinweg

Wenn ich bete, spreche ich mit Gott und teile mit ihm das, was mich bewegt. Ich fühle mich dann weniger allein. Wenn ich für andere bete, wird mir klar: Wer ist mir wichtig? Wessen Situation geht mir gerade nahe? Was beschäftigt mich? Wenn ich mit anderen bete oder für andere, dann ist das wie eine Verbindung über die Entfernung hinweg. Es stärkt die Gemeinschaft, selbst wenn ich die Menschen kaum kenne.

Eine ältere Frau, mit der ich mich oft unterhalten habe, hat einmal zu mir gesagt: „Ich nehme Sie jeden Abend in mein Abendgebet.“ Zuerst dachte ich: Das ist eine nette Redewendung, ein freundlicher Satz. Aber ich habe dann gemerkt: Sie betet wirklich jeden Abend für mich. Und nicht nur für mich, sondern für eine ganze Reihe von Menschen, die ihr am Herzen liegen. Sie bittet Gott, uns zu behüten. Das hat mir Kraft gegeben.

Ein Gebet für andere muss nicht lang sein

Wenn ich mein Morgengebet spreche, schaue ich auf eine Postkarte, die auf meinem Schreibtisch steht. Auf der Karte steht die Losung, ein ausgewählter Bibelvers für dieses Jahr. Der heißt: „Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lk 6,36). Mich erinnert das daran: Denk nicht nur an dich und an deine Sorgen! Wer braucht gerade dein Gebet? Wer braucht die Nähe Gottes zurzeit besonders? Und die Namen dieser Menschen sage ich dann – laut oder im Stillen. Ich merke: Ein Gebet für andere muss nicht lang sein. Aber es bewirkt Gutes.

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