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Der Stern von Bethlehem, die Weisen aus dem Osten und die Hoffnung auf Frieden
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Der Stern von Bethlehem, die Weisen aus dem Osten und die Hoffnung auf Frieden

Doris Joachim
Ein Beitrag von

Doris Joachim,

Evangelische Pfarrerin, Referentin für Gottesdienst im Zentrum Verkündigung, Frankfurt
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Als Kinder waren mein Cousin und ich ausgesprochen kreative Sterndeuter. Stundenlang haben wir abends in den Himmel geschaut. Wir waren so sieben, acht Jahre alt. Je länger wir hochguckten, desto mehr kamen die Sterne auf uns zu. Ja, sie blinkten und bewegten sich  -  zumindest kam uns das so vor. Wir haben dann gedacht: Das ist der liebe Gott. Der winkt uns mit den Sternen zu. Die Erwachsenen sagten zwar: Das ist Unsinn. Aber uns war das egal. Ehrfürchtig haben wir beobachtet, wie die Sterne uns winkten oder eben Gott. Ganz klein kamen wir uns dabei vor. Aber es war ein gutes Gefühl. Denn schließlich war ein liebevoller Gott da oben. Unter diesem Sternenhimmel fühlten wir Kleinen uns geborgen und sicher: Da ist einer, der uns sieht. Und er zeigt das auch.

Wie mein Cousin und ich haben auch die Weisen aus dem Morgenland in den Sternenhimmel geschaut. So erzählt es der Evangelist Matthäus in der Bibel. Und sie haben einen besonderen Stern gesehen. Oder eine Sternkonstellation. So genau weiß man das nicht, obwohl darüber viel geforscht wurde. Der Halleysche Komet oder eine Jupiter-Saturn-Konstellation oder was auch immer. Für die Weisen aus dem Osten war klar: Dieser Stern bedeutet etwas. Er ist ein Zeichen. Ein Wink Gottes. Da ist etwas Besonderes geschehen, denken sie. Ein König wurde geboren, ein Heiland. So haben das Menschen in der Antike öfter gesehen: Ein Stern oder ein Komet kündigt die Geburt eines Herrschers an oder ein besonderes Ereignis wie einen Sieg oder einen Herrschaftswechsel. Die Weisen aus dem Morgenland sehen nun, wie sich der Stern bewegt  – jedenfalls kommt es ihnen so vor. Sie machen sich auf den Weg. Sie folgen ihrem Stern.

Wahrscheinlich ist die biblische Geschichte von den Weisen und dem Stern eine Legende. Von den vier Evangelisten in der Bibel berichtet nur Matthäus davon. Der Evangelist Lukas erwähnt in seiner Weihnachtsgeschichte keinen Stern. Und die Evangelisten Markus und Johannes erzählen noch nicht mal etwas von der Geburt Jesu. Aber das ist vielleicht auch gar nicht so wichtig. Entscheidend ist: Da ist ein großer Gott. Der wurde ein kleiner Mensch. Der Himmel erzählt davon. Und vor diesem Gott in einem kleinen Menschen gehen Weise und Könige in die Knie.

Aber eins nach dem anderen. Ich möchte Ihnen heute von den Weisen aus dem Osten erzählen. Wie aus ihnen die drei Könige Caspar, Melchior und Balthasar wurden und warum so viel Hoffnung von diesem kleinen neugeborenen König Jesus ausgehen kann.

Musik: Peter Cornelius, Drei Kön'ge wandern aus Morgenland (Die Singphoniker) 

Da war also Jesus geboren, in Bethlehem. Matthäus erzählt nichts vom Stall oder von Hirten. Bei ihm sind es Weise aus dem Osten, die den kleinen jüdischen Jungen besuchen, der ein König sein soll. Weise Menschen, Sterndeuter. „Magier“ – so heißen sie eigentlich. Das hat nichts mit Magie oder Zauberei zu tun. Als Magier wurden in dieser Zeit persische Priester bezeichnet. Sie gehörten der Religion der Zoroastrier an, mit ihrem Stifter Zarathustra. Angesiedelt im iranisch-persischen Kulturraum. Dazu gehören auch das heutige Afghanistan, der Irak und Teile Indiens. Zoroastrier gibt es auch heute noch. Sie werden in muslimischen Ländern als religiöse Minderheit wie die Christen und Juden meist toleriert, wenn auch mit Einschränkungen. Auch von den Jesiden nimmt man an, dass sie ihre Ursprünge bei den Zoroastriern haben. Die Jesiden sind die Volksgruppe im Irak, die der sogenannte Islamische Staat in den vergangenen Jahren beinahe ausgerottet hat. Dazu später mehr.

Die Zorastrier zur Zeit der Geburt Jesu glauben an einen guten und hellen Schöpfergott, der einen bösen und dunklen Widersacher hat. Sie erwarten am Ende  der Zeiten einen Heiland, der eine unvergängliche Welt erschaffen wird. Die Toten werden auferstehen. Und der Mensch soll den Weg des Lichtes und der Weisheit  beschreiten. Es gibt also Ähnlichkeiten zum Judentum und zum späteren Christentum. Man kannte sich. Die Religionen lernten voneinander. Es lebten viele Juden in Persien. Später dann auch Christen, die sich für diese philosophische Religion interessierten. Es wundert also nicht, dass Matthäus von diesen weisen Magiern berichtet:

Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. (Matthäsu 2,1+2)

So ganz eindeutig war der Stern wohl nicht. Denn die Magier finden den König nicht auf dem direkten Weg. Vielleicht haben sie ihren Stern aus den Augen verloren. Vielleicht haben sie sich irreführen lassen von der Vorstellung, dass da ein Königskind geboren wurde. Das vermutet man doch am ehesten in der Hauptstadt des Landes. Jedenfalls landen sie erstmal in Jerusalem, bei dem amtierenden König Herodes. Ausgerechnet bei dem! Herodes – so erfolgreich wie grausam. Städte hat er gebaut und Tempel und Straßen. Wie so viele Diktatoren macht er sich einerseits beim Volk beliebt. Andererseits herrscht er skrupellos und räumt jeden aus dem Weg, der seine Macht gefährden könnte. Da macht er auch vor seiner eigenen Familie nicht Halt. Er hat seine Ehefrau umbringen lassen, zwei Schwäger, seine Schwiegermutter und drei seiner Söhne. Er ist ein Freund der Römer. Und die Römer sind die verhasste Besatzungsmacht in Israel. Das lässt nichts Gutes ahnen, wenn die Weisen aus dem Morgenland bei Herodes nachfragen, wo denn der neugeborene König der Juden ist. Herodes, machtversessen und hinterlistig, will natürlich wissen, wo sein potenzieller Konkurrent ist. Matthäus erzählt:

Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1):  »Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«  Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, dass auch ich komme und es anbete. (Matthäus 2,3-8)

Das ist natürlich eine glatte Lüge. Aber so ist das in Unrechtssystemen. Da wird intrigiert, spioniert, falsch gespielt, nur um die eigene Macht zu erhalten. Dafür lässt ein Diktator auch Kinder sterben. Das Leben des kleinen Jesus ist also in Gefahr. Die ersten Leserinnen und Leser des Matthäusevangeliums wussten, wie die Geschichte mit Jesus weitergegangen ist. Wie er als Wanderprediger unterwegs war, die Liebe Gottes gepredigt hat und dann von den Römern am Kreuz hingerichtet wurde. Über ihm ein Schild angenagelt mit der spöttischen Inschrift: Jesus von Nazareth, König der Juden. Dieser Gott in einem Menschen kennt die Gefahr. Er kennt den Tod. Und doch geht von ihm eine Macht aus, die Könige austrickst und Weise in die Knie gehen lässt. Es ist die Macht der Schwäche. Die Macht eines Kindes. Die Macht der Liebe. Paradox ist das. Sie macht die Welt nicht heil, aber doch heller. Sie macht, dass sich Kinder unter den Sternenhimmel stellen und sich geborgen fühlen in Gott.

Musik: Engelbert Humperdinck, Abends will ich schlafen gehn' (Sinfonieorchester des BR unter Jeffrey Tate)

Die Weisen aus dem Morgenland wissen nicht, dass sie von König Herodes als Spione missbraucht werden. Aber sie wissen jetzt, in welcher Gegend sie den neugeborenen König der Juden suchen sollen. Der Evangelist Matthäus erzählt weiter:

Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land. (Matthäus 2,9-12)

Als Kinder und kreative Sterndeuter haben wir, mein Cousin und ich, uns überlegt: Wie soll das denn gehen? Ein Stern bleibt über einem Haus stehen? Wir haben es zwar für möglich gehalten, dass Gott uns mit den Sternen zuwinkt. Aber dass man einem Stern zu dem Haus folgen kann, in dem Jesus geboren wurde – das war doch ziemlich unglaubwürdig. Da konnte man uns nichts vormachen. Und überhaupt: Wieso ist der König Herodes dem Stern nicht selbst gefolgt? Sowas fällt doch auf.

Aber vielleicht ist es so: Nur die weisen und aufrichtigen Leute können den Stern sehen, der zu dem Jesuskind führt. Nur die, die ohne Gewalt kommen, sehen den Friedefürst. Nur die, die ihr Herz öffnen, sehen die Liebe des großen Gottes in dem kleinen Menschenkind. Ich glaube, deswegen erzählt Matthäus diese Geschichte. Sie ist kein historischer Bericht. Er erzählt vielmehr von einer anderen, von einer inneren Wahrheit. In diesem Kind zeigt Gott, wie er ist: zart, verletzlich, hilflos. Ja, auch das. Gefährdet wie jedes Kind auf der Welt. Das bringt Menschen in Bewegung. Das macht sie empfänglich für die Not. Das gibt die Kraft zur Hoffnung. So geht Frieden auf Erden.

Eine Sache hat mich dabei schon immer erstaunt: Die Magier sind nicht enttäuscht über das Kind, das sie da finden. Sieht so ein König aus? Vielleicht macht das ihre Weisheit aus: Sie haben den Blick für das Wesentliche. Mit den Augen sehen sie das uneheliche Kind der jungen Maria. Mit den Herzen sehen sie die menschgewordene Liebe Gottes. Und die macht aus einem kleinen jüdischen Jungen einen König. Darum freuen sich die Magier so sehr. Sie gehen ohne Zögern in das Haus. Sie übergeben ihre wertvollen Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Das sind Geschenke für einen König. Vielleicht kam man deswegen auf die Idee, dass die Magier aus dem Morgenland ebenfalls Könige waren. Die Legenden von den heilligen drei Königen entstanden erst nach und nach, ungefähr ab dem dritten, vierten Jahrhundert nach Christus. Das war noch die Zeit, in der die Christen im römischen Reich blutig verfolgt wurden. Von Kaisern und Königen. Ich kann mir die klammheimliche Freude vorstellen, mit der die Verfolgten diese Geschichte erzählt haben. Wir sind schwach. Wir glauben an Gott, der in einem zarten, verletzlichen und hilflosen Kind auf die Welt gekommen ist. Römische Herrscher bedrohen unser Leben. Aber vor diesem Kind verbeugen sich Könige. Solche Geschichten geben die Kraft zu überleben.

Musik: Johannes Brahms, Es ist ein Ros entsprungen (Vocal consort Dresden unter Peter Kopp)

Nun kann der Verstand sagen: Das ist Unsinn. Was ändert sich denn durch den Glauben an dieses verletzliche göttliche Kind? Es bleiben Krieg und Gewalt und Hass.

Ich möchte von Nadia Murad Basee Taha erzählen. Vor knapp vier Wochen erhielt sie in Oslo den Friedensnobelpreis. Nadia gehört der reliösen Gemeinschaft der Jesiden an. Der Ursprung ihrer Religion geht – so wird vermutet – auf die Zoroastrier zurück. Sie sind also entfernt verwandt mit den biblischen Weisen aus dem Osten. Im Laufe ihrer Geschichte erlebten die Jesiden immer wieder schlimme Verfolgungen und Pogrome. Sie leben insbesondere im Norden des Irak, im kurdischen Gebiet. Im August 2014 hat der sogenannte Islamische Staat ihre Dörfer überfallen. Auch in Nadias Dorf richtete der IS ein Massaker an. Viele Männer und Jungen wurden getötet, auch viele ältere Frauen. Die jungen Frauen und Mädchen wurden verschleppt. Der größte Teil von Nadias Familie wurde ermordet. Sie selbst wurde als Sklavin verkauft, gefoltert und über mehrere Wochen hin von verschiedenen Männern vergewaltigt. Behandelt wie ein Stück Dreck. Da war sie 21 Jahre alt. Sie konnte fliehen. Durch eine Aktion der baden-württembergischen Landesregierung kam sie mit einem Sonderkontingent für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder nach Deutschland.

Sie ist verletzt, ihr Körper, ihre Seele. Viele vergewaltigte Frauen werden stumm. Nadia aber beginnt zu reden. Sie erzählt, was diese Männer ihr angetan haben. Sie will sie vor Gericht sehen. Und sie ruft die demokratischen Staaten auf, sich für die vielen Frauen einzusetzen, die immer noch in der Hand des IS sind. Innerhalb kurzer Zeit wird sie zur Sprecherin der versklavten jesidischen Frauen. Schnell wird man auf sie aufmerksam.  Die scheue Frau spricht vor dem Sicherheitsrat und vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen über den Völkermord an den Jesiden und über ihre eigene Geschichte. Wer sie hört, ist erschüttert. Sie ruft die Völkergemeinschaft auf, sich des Schicksals der Jesiden und aller Geflüchteten anzunehmen.

Ich sehe einen Film über diese erstaunliche junge Frau. Ich sehe ihre Verletzlichkeit und ihre Stärke. Ich bin berührt. „Sie ist die Stimme eines Volkes der Traurigkeit.“ Das sagt Murad Ismael, ein jesidischer Menschenrechtsaktivist. Dabei muss er weinen. Es gibt viele Tränen in diesem Film. Auch bei denen, die Nadia zuhören. Der Schmerz ist groß. Die junge Frau weicht ihm nicht aus, ihrem eigenen nicht und auch nicht dem Schmerz der anderen. Sie gibt dem Leiden der vergewaltigten Frauen und Mädchen Stimme und Gesicht. In ihr finden sich auch Männer wieder, die misshandelt wurden, flüchten mussten oder die ihre Familien haben sterben sehen. Nadia Murad spricht nicht nur für sich, sondern für alle Opfer. Sie reist durch die Welt. Als „Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel“. Der Film zeigt, wie sie ein Flüchtlingscamp in der Nähe von Athen besucht. Sie hockt am Boden mit einer Gruppe Kinder. Ein kleiner Junge singt ein Lied. Er mag so zehn Jahre alt sein.

Waren wir eure Feinde?
Ihr habt uns die Mütter genommen.
Wir sind alle gefangen genommen worden.
Ihr habt uns zu Waisen gemacht.
Tausende unserer Ältesten sind in den Bergen gestorben.
Wir konnten sie nicht begraben.


Hier bricht der Gesang ab. Nadia verliert die Fassung. Sie weint. Der kleine Sänger auch. Ich sehe das, und mir kommen die Tränen. Und doch spüre ich Hoffnung. So geht Frieden, denke ich. Wenn Menschen zusammenkommen und ihre Herzen öffnen. Wenn sie einander ihre kostbaren Schätze schenken. Und das sind Liebe, Wahrhaftigkeit und Schmerz, ja auch der. Dann werden Tränen zu Gold, Weihrauch und Myrrhe. Königliche Geschenke. Und es gibt Licht in der Dunkelheit. So ein Stern zum Beispiel, der mich an den großen Gott in diesem verletzlichen und gefährdeten Kind in Bethlehem erinnert. Er setzt Menschen in Bewegung. Die Welt wird dadurch nicht heil, aber doch heller. So dass sich Kinder unter den Sternenhimmel stellen können und sich geborgen fühlen in Gott. In jedem Land der Erde.

Musik: Michael Praetorius, Wie schön leuchtet der Morgenstern, (Flautando Köln)

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