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Gottesdienst und Menschendienst
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Gottesdienst und Menschendienst

Beate Hirt
Ein Beitrag von

Beate Hirt,

Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim hr, Frankfurt
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Das wird für viele Menschen heute ein seltsamer Sonntag, vermutlich ein ziemlich trauriger. Palmsonntag ist heute, und in Hessen fangen die Osterferien an. Aber niemand von uns wird dieses Jahr in die Ferien fahren. Oder sich nächste Woche mit Freunden und mit der Familie treffen. Das wird hart. Ich werde noch etwas anderes in der nächsten Woche sehr vermissen: die öffentlichen Gottesdienste. Jetzt beginnt für Christen die wichtigste religiöse Zeit im Jahr, für Juden übrigens auch: Ostern und Pessach stehen an. Für mich heißt das normalerweise: Gründonnerstag, Karfreitag, Osternacht: gleich drei Gottesdienste, die mir richtig wichtig sind. In denen das begangen wird, was im Zentrum meines Glaubens steht: Hingabe, Tod und Auferstehung Jesu.

Kar- und Ostertage ohne Gottesdienste

Es wird das erste Mal seit Jahrzehnten sein, dass ich das nicht in einer Kirche und mit anderen feiern kann. Ja, ich werde mir Gottesdienste im Radio und Fernsehen anhören und anschauen. Und ich werde mir zuhause eine Kerze anzünden und ein bisschen mitsingen. Aber das ist natürlich nicht dasselbe. Das hab ich in den letzten Wochen auch sonntags schon gespürt.

Ich hab in den letzten Corona-Wochen viel darüber nachgedacht, wie wichtig mir und vielen anderen diese gemeinsamen Gottesdienste sind. Vielleicht können das auch andere nachvollziehen - Leute, die sonntags nicht in die Kirche, aber zum Beispiel regelmäßig in‘s Fußballstation gehen. Es fehlt einfach etwas. Etwas, das mir gut tut und Kraft gibt. Aber dann bin ich so beim Nachdenken plötzlich auf eine Bibelstelle gestoßen. Eine, die ziemlich bekannt ist. Die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Da wird erzählt: Ein Mann ist überfallen worden und liegt schwerverletzt am Straßenrand. Erst kommt ein Priester vorbei, dann ein so genannter Levit, fromme Leute beide. Vielleicht waren sie sogar auf dem Weg zum Gottesdienst. Jedenfalls: Sie gehen an dem Schwerverletzten vorbei. Erst der dritte Mensch, ein Fremder und aus der damaligen Sicht: ein ganz und gar unfrommer Mann hilft endlich dem Verletzten.

Der barmherzige Samariter

Als ich diese berühmte Geschichte vom barmherzigen Samariter wieder gelesen hab, da wurde mir so richtig klar: Es kommt ja nicht als Erstes darauf an, dass wir fromm beten und miteinander Gottesdienst feiern, so wichtig das ist, für uns und für Gott. Es kommt darauf an, dass wir einander helfen in der Not. Schon Jesus hat das vor 2000 Jahren immer und immer wieder gesagt. Das wichtigste Gebot lautet nicht: Feiere sonntags Gottesdienst! Sondern: Liebe deinen Nächsten! Und mir fallen noch viel mehr Stellen aus der Bibel ein, die genau davon erzählen.

Gottesdienste werden im Judentum und Christentum schon seit Jahrtausenden gefeiert, im Tempel, in der Synagoge, in Häusern und in Kirchen, und auch im Islam natürlich gibt es die Gottesdienste, in den Moscheen. Aber fast genauso lange gibt es auch schon Kritik daran, dass Gottesdienste wichtiger genommen werden als der Dienst an den Menschen, als Nächstenliebe und Gerechtigkeit.

"Ich hasse eure Feste!"

Im Ersten, im Alten Testament sind es vor allem die Propheten, die davon sprechen. „Liebe will ich, nicht Brandopfer!“ (Hosea 6,6) Das ruft der Prophet Hosea im Namen Gottes. Er macht klar: Es hilft nichts, wenn der Kult vollzogen, aber die Liebe vernachlässigt wird. Beim Propheten Amos verbindet sich diese Kultkritik ganz stark mit Sozialkritik. Da sagt Gott zu seinem gläubigen Volk: „Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben, und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ (Amos 5,21-23)

Das klingt schon ziemlich heftig, was der Prophet Amos da im Namen Gottes dem gläubigen Volk entgegenschleudert. Mir macht es klar: So wichtig es ist, zu Gott zu beten und ihm Lieder zu singen - das Wichtigste ist etwas anderes: Gerechtigkeit herstellen auf dieser Welt. Menschen in Not unterstützen.

"Verschafft den Waisen Recht!"

Gerade in diesen Wochen, in denen ich keine Gottesdienste mit anderen feiern kann, sind mir diese Prophetenworte besonders wichtig geworden. Sie machen mir klar: Es gibt Taten, die selbst für Gott noch wichtiger sind als Gottesdienste. Beim Propheten Jesaja klingt das so: „Wenn ihr auch noch so viel betet, ich höre es nicht. … Sucht das Recht! Verschafft den Waisen Recht, streitet für die Witwen!“ (Jesaja 1,17) Mir kommen da sofort Bilder aus den Nachrichten in den Kopf. Waisenkinder auf den griechischen Inseln oder Witwen in den Flüchtlingslagern in Syrien und im Libanon. Die Rufe aus dem Propheten Jesaja sagen mir heute: Setz dich ein für diese Witwen und Waisen! Sorg mit dafür, dass sie in Sicherheit und Gesundheit leben dürfen. Recht und Gerechtigkeit sollen strömen.

Nächstenliebe, Dienst an den Menschen

Der wichtigste Gottesdienst, das ist der Dienst an den Menschen. Diese Botschaft find ich bei den Propheten im Alten Testament. Und ich finde sie auch im Neuen Testament immer wieder. Zum Beispiel in der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Jesus macht klar: Wer dem Menschen in Not hilft, der handelt, wie Gott es will. Der dient Gott, indem er den Menschen dient. Und Jesus spricht immer wieder davon: Menschen, die das tun, das sind gar nicht unbedingt die sehr religiösen Menschen. Menschen, die meinen, Gott zu kennen. Im Matthäus-Evangelium  erzählt Jesus davon, worauf es am Ende aller Tage ankommen wird, beim so genannten Weltgericht. Da wird Gott zu einigen Menschen sagen: Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Und dann werden diese Menschen fragen: Wie das denn? Und die Antwort lautet: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder (oder Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan“ (vgl. Matthäus Evangelium 25,31-46). Das will wohl heißen: Was wir heute für die Menschen tun, die Not leiden, das tun wir quasi direkt für Gott. Wir dienen ihm, indem wir den Menschen dienen, die Hunger und Durst haben, die krank sind und schwach.

Nächstenliebe in der Corona-Krise

Ich glaube: Gottesdienst geschieht deswegen heute auch überall da, wo diese „geringsten Schwestern und Brüder“ im Blick sind, wo Kranke und Alte, Hungrige und Durstige, Obdachlose und Geflüchtete Hilfe bekommen. Und das passiert ja an vielen Orten, gerade jetzt in dieser Corona-Krise: Menschen helfen einander. Sie kaufen für wildfremde Menschen ein. Sie spenden Lebensmittel. Sie überweisen Geld für die Witwen und Waisen in den Flüchtlingslagern. Oder auch: spenden für die Menschen in Afrika oder Südamerika, die jetzt noch viel stärker von Corona betroffen sind als wir.

Gottesdienst heißt: Menschendienst

Von einer letzten Bibelstelle möchte ich erzählen, die mir dazu durch den Kopf geht. Ich werde sie am Gründonnerstagabend lesen, mit einer Kerze auf dem Tisch. Am Gründonnerstag erinnern sich Christen an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. In den Evangelien wird erzählt: Jesus teilt Brot und Wein und sagt: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Das ist quasi die Ursprungsgeschichte für die Mahlfeiern in den Kirchen. Nur im Johannes-Evangelium, da wird die Geschichte ein bisschen anders erzählt. Da gibt es nicht diese berühmten Wandlungsworte Jesu über Brot und Wein. Stattdessen wird erzählt: Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße. Und er erklärt ihnen danach: „Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (Johannes-Evangelium 13,14) An diese Gründonnerstags-Worte will ich mich diese Woche besonders erinnern.  Ich kann nicht Brot und Wein mit anderen teilen und Mahlgottesdienst feiern. Aber den Gottesdienst, um den es Jesus hier geht, den kann ich feiern: Ich kann anderen Menschen dienen, ich kann helfen, wo es nötig, wo es möglich ist. In diesen Kar- und Ostertagen 2020 heißt Gottesdienst für mich deshalb in besonderer Weise: Menschendienst.

 

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