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Der Hasenfuß, der Draufgänger und der Besonnene in mir
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Der Hasenfuß, der Draufgänger und der Besonnene in mir

Ein Beitrag von

Veit Dinkelaker,

Evangelischer Pfarrer und Referent am Bibelhaus Erlebnis Museum Frankfurt

Besonnenheit. Das Wort habe ich früher selten gehört. Seit der Pandemie tauchte es öfter auf. Immer wieder hat jemand in Talkshows oder als Statement vor der Presse gesagt: Was wir brauchen, ist Besonnenheit.

Lieblingsvers 

Ich kenne die Besonnenheit vor allem aus der Bibel. Sie kommt in einem meiner Lieblings-Bibelverse vor: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Viele Eltern suchen diesen Bibelvers für ihr Kind als Taufspruch aus. Nicht Furcht, sondern Kraft, Liebe und eben: Besonnenheit.

Was Besonnenheit ist, habe ich mit einer Familie besprochen, als wir die Taufe ihres Kindes vorbereitet haben. Der Großvater des Täuflings war mit dabei. Die Eltern wollten diesen Bibelvers mit der Besonnenheit als Taufspruch.

Shitstorm-verdächtig

Der Opa sagte: „Früher stand da in der Bibel das Wort Zucht.“ Gott hat uns den Geist der Kraft und der Liebe und der Zucht gegeben. Das würde heute für einige Aufregung sorgen, wenn jemand fordern würde: „Was wir brauchen, ist mehr Zucht.“

Aber auf der anderen Seite: Ich brauche im Leben tatsächlich so etwas wie Selbstbeherrschung. Ich kann nicht jedes Gefühl, jede Stimmungslage einfach ungebremst rauslassen und den anderen hinrotzen. Wenn ich mich nur dem Frust hingebe, dann tut das auf Dauer nicht gut. Mir selbst nicht und den anderen auch nicht. Insofern: Etwas von Zucht, von Selbstbeherrschung steckt in der Besonnenheit schon drin.

Da steckt Sonne drin

Wir haben in der Familie beim Taufgespräch weiter über Besonnenheit gesprochen. Besonnenheit ist noch mehr Selbstbeherrschung. Im Deutschen klingt die Sonne mit. Besonnen sein – einen Platz an der Sonne haben. Wahrnehmen und zu schätzen wissen, wo es Licht in meinem Leben gibt. Das ist ein guter Segenswunsch für ein Kind bei der Taufe.

Mir hilft es, die sonnigen Zeiten in meinem Leben intensiv in mich aufzunehmen. Sie wie einen Vorrat in mir zu speichern. Denn die Sonne scheint ja nicht immer. Nicht immer so wie im August und auch nicht an allen Tagen in meinem Leben. Sonne tanken für die Zeiten, wenn es dunkler ist. Das steckt auch in dem Wort Besonnenheit. Es stärkt mich, damit ich nicht gleich die Nerven verliere, wenn ich trübe Tage aushalten muss.

Die goldene Mitte zwischen zwei Extremen

Zur Zeit der Bibel war die Besonnenheit die Tugend in der Mitte von zwei Extremen, nämlich zwischen Waghalsigkeit und Furcht. Wenn ich waghalsig bin und jede Gefahr ignoriere, laufe ich schnell ins Unglück. Aber wenn ich vor lauter Furcht mich gar nichts traue, verpasse ich ebenfalls, was mein Leben schönmacht.

Darum ist die Besonnenheit die goldene Mitte. Sie bewahrt mich davor von einem Extrem ins andere zu fallen. Sie hilft, die Sonnenseiten zu sehen.

Es wurde dann tatsächlich dieser Taufspruch für das Kind. Bei der Taufe habe ich dem Kleinen zugesagt: „Gott hat dir nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

 

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