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Herbert Grönemeyer: Fall der Fälle
Bild: shbs/Pixabay

Herbert Grönemeyer: Fall der Fälle

Dr. Annegreth Schilling
Ein Beitrag von

Dr. Annegreth Schilling,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt
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Es ist Samstagnachmittag. Ich sitze in der Straßenbahn stadtauswärts. Eine junge Frau steigt ein, sie sucht einen Platz. Ist der noch frei?, fragt sie eine ältere Dame. Die sitzt bepackt mit Einkaufstaschen in einem Viererabteil. Keine Reaktion.

Rassismus mitten in Frankfurt

Entschuldigung. Die junge Frau versucht es nochmal. Kann ich mich hierhin setzen? Nein!, giftet die ältere Frau sie an. Wer so aussieht wie du, kann doch auch stehen.

Ich bin sprachlos. Zum Glück gibt es gleich mehrere Mitfahrende, die geistesgegenwärtig der jungen Frau einen Platz neben sich anbieten. Als ich aussteige, ist da so ein dumpfes Gefühl.

Mein Herz klopft, obwohl ich ja nur Zuschauerin war, nicht unmittelbar selbst betroffen.
Aber diese Szene in der Straßenbahn macht mich traurig: Mitten in Frankfurt, einer Stadt der Vielfalt, wird eine Frau verbal angegriffen, nur weil sie eine andere Hautfarbe hat. Mitten im Alltag. Herbert Grönemeyer hat dazu ein Lied geschrieben. Es heißt: Fall der Fälle.

Es ist ein Transit, eine Szene, die aufzieht
Ein Bodensatz, der nie schläft
Es ist ein Virus, der sich in die Gehirne frisst
Der sie versucht, der sie belegt.
Es wird laut gedacht, alles ist erlaubt,
es lallt und hallt von überall.
Jeder Geisteskrampf wird ganz einfach mal gesagt
Es wird gejagt ohne Moral

Nachdenklich kommt dieser Song daher. Dumpf, betroffen. Grönemeyer singt:

Es wird laut gedacht, alles ist erlaubt,
es lallt und hallt von überall.
Jeder Geisteskrampf wird ganz einfach mal gesagt

Wer ausgegrenzt wird, ist damit erstmal allein

Wer mit diesen Angriffen konfrontiert ist, ist erstmal allein. So wie die junge Frau in der Straßenbahn. Klar, der Frau sind gleich mehrere Leute solidarisch beiseite gesprungen. Aber zuerst ist da dieser Moment der Angst, des Alleinseins. Wo das eigene Herz bis zum Hals schlägt und den Rhythmus vorgibt.

Es bräunt die Wut, es dünkelt
Der kleine Mob macht rein
Es ist die Angst, die glaubt, "Sauber muss es sein
Und immer schön brenzlich, und gemein!"
Sie verschiebt nie ihre Grenzen, sie bewacht den Übergang
Belauert die Gedanken, dass ihre Seele nicht erkrankt
Sie untermauert ihren Glauben, findet den Widerstand
Im wirren Hetz-und-Hass-Gewühl

Bin ich hier sicher?

Rassismus und Ausgrenzung im Alltag. Das hat die junge schwarze Frau erlebt, die in der Straßenbahn einfach nur einen Platz gesucht hat und abgewiesen wurde. Ich stelle mir vor: Menschen wie sie leben ständig in Angst. Dauernd beschäftigt sie die Frage: Bin ich hier sicher?

Grönemeyer singt:
Sie bewacht den Übergang
Belauert die Signale, dass ihre Seele nicht erkrankt.

Diese Zeilen gehen mir zu Herzen. Mir ist klar: Als weiße Frau muss ich mir keine Sorgen machen, in der Straßenbahn angepöbelt zu werden. Ich kann aussteigen, den Vorfall verwundert abschütteln, und weiter meine Straße ziehen.

Fall der Fälle, es ist, wie es scheint
Steht an der Schnelle und mischt sich ein, ganz ruhig
Fall der Fälle, nichts ist neu
Und die Gefahr, und die Gefahr
Weiß, die Gefahr steckt auch in ihr

Die Gefahr jemanden auszugrenzen steckt auch in mir

Fall der Fälle, nichts ist neu, und die Gefahr steckt auch in ihr. Genau hier packt mich das Lied. Es rüttelt an meiner selbstsicheren Haltung. Schau auf dich selbst. Fühl dich nicht überlegen. Die Gefahr – das sind doch nicht nur die anderen. Die Gefahr jemanden auszugrenzen steckt auch in mir. Also nicht nur die mürrische ältere Dame in der Straßenbahn allein ist das Problem. An vielen Orten werden Grenzen überschritten.

Grönemeyer singt:
Es wird laut gedacht, alles ist erlaubt (…) Jeder Geisteskrampf wird ganz einfach mal gesagt.

Ich denke an Sprüche auf dem Schulhof. "Du Jude" oder das "N-Wort" – jemanden so zu beleidigen, das ist Diskriminierung pur. Wer so redet, will sich höherstellen, und erniedrigt und beschämt das Gegenüber. Für Grönemeyer gehören solche Vorfälle zum "Bodensatz, der nie schläft". Das ist der "Virus, der sich in die Gehirne frisst".

Jeder kann von dem "Virus" infiziert werden

Und während ich Grönemeyer zuhöre, dämmert mir: Auch ich laufe Gefahr, von diesem Virus infiziert zu werden. Denn selbst wenn ich es nicht laut ausspreche: In meinen Gedanken grenze ich auch Menschen aus und beurteile sie nach ihrem Äußeren.

Das ging mir letztens so bei einem Vater aus der KiTa. Da habe ich mich dabei ertappt, mir zu überlegen, aus welchem Land er wohl kommt. Rein äußerlich. Und im Gespräch hat sich herausstellt: Er ist sogar in meinem Stadtteil geboren. Danach habe ich mir an den Kopf gegriffen und mich über mich selbst gewundert. Voreilig ziehe ich Schlüsse und mache mir von meinem Gegenüber ein Bild. Wie sehr wünsche ich mir, diese Schubladen in meinem Kopf loszuwerden. Mein eigenes Schwarz-weiß-Denken zu überwinden.

"…denn ihr seid allesamt einer in Christus"

Anstelle von Menschen anderer Religion oder Herkunft einfach nur die Menschen zu sehen. In der Bibel im Neuen Testament gibt es einen Satz, der für mich diese Sehnsucht nach einer Welt ohne Rassismus und Diskriminierung beschreibt.

Da heißt es: "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus." Alle Menschen sind gleich, egal welche Hautfarbe, welches Geschlecht, welche Religion sie haben. Wie können wir dahin kommen?

Sie untermauert ihren Glauben, findet den Widerstand
Im wirren Hetz-und-Hass-Gewühl, come on
Fall der Fälle
(Einfach mitten rein) es ist, wie es scheint
(Sie mischt sich ein) steht an der Schnelle
(Einfach durch vorbei) und mischt sich ein, ganz ruhig
Sie mischt sich ein) Fall der Fälle (einfach mitten rein)
Und nichts ist neu
Und die Gefahr (ein, zwei, drei, vier)
Und die Gefahr
Weiß, die Gefahr steckt auch in ihr
Kein Millimeter nach rechts

Widerstand leisten, das geht nur zusammen

Für Grönemeyer ist klar: Widerstand leisten, das geht nur zusammen. Mit vielen anderen singt er deshalb im Chor: Kein Millimeter nach rechts. Dafür tritt Grönemeyer ein: mit seiner Musik, mit seinen Konzerten und in vielen Interviews.

Kein Millimeter nach rechts – ein Aufruf gegen den rechtradikalen Bodensatz in unserem Land. Dafür hat er mehrere Shitstorms in den sozialen Medien erhalten – aber auch viel Zuspruch. Mir macht diese klare Haltung Mut.

Für Offenheit und Vielfalt einstehen

Für Offenheit und Vielfalt einzustehen – und auch die eigenen Reihen mit Kritik nicht zu verschonen. Als Pfarrerin der evangelischen Kirche weiß ich leider auch: Rassismus und Diskriminierung machen nicht an der Kirchentür halt. Wenn ich mich in unseren Sonntagsgottesdiensten umschaue, wenn ich in die Gesichter unserer kirchlichen Gremien und Leitungen blicke, dann merke ich: Vielfalt sieht anders aus! Wir sind weit entfernt davon, wirklich inklusiv und vielfältig zu sein.

Und ich stelle mir vor: Wie toll wäre es, wenn sich Menschen unterschiedlicher Herkunft engagieren und sich mit ihren Talenten einbringen: bei mir im Kirchenvorstand, im Elternbeirat der Schule, im Vorstand des Sportvereins.

Uns verbindet viel mehr als uns trennt

Ich habe die Vision der Bibel noch im Ohr: "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus."

Im Vordergrund steht: Wir sind Menschen, zur gleichen Zeit und am gleichen Ort. In der Kirche oder im Sportverein verbindet uns viel mehr als uns trennt: die Freude am Singen im Kirchenchor oder die Leidenschaft am Fussballspielen. Das stärkt Gemeinschaft – über alle Grenzen hinweg. Grönemeyer ruft: "Kein Millimeter nach rechts."

Ausgrenzung und Diskriminierung haben nirgends Platz

Das heißt für mich: Ausgrenzung und Diskriminierung haben in der Kirche, in der Schule oder im Sportverein keinen Platz. Kein Millimeter nach rechts heißt auch: Zwischen uns Menschen passt kein Blatt Papier. Wir lassen uns nicht auseinanderreißen. Wir stehen zusammen.

Es reicht nicht, die rechtsradikale Gefahr nur zu wittern und den Kopf zu schütteln – so wie ich neulich in der Straßenbahn. Im Fall der Fälle bin ich persönlich gefragt und stehe das nächste Mal selbst auf!

Fall der Fälle
(Einfach mitten rein) es ist, wie es scheint
(Sie mischt sich ein) steht an der Schnelle
(Einfach durch vorbei) und mischt sich ein, ganz ruhig
Sie mischt sich ein) Fall der Fälle (einfach mitten rein)
Und nichts ist neu
Und die Gefahr (ein, zwei, drei, vier)
Und die Gefahr
Weiß, die Gefahr steckt auch in ihr
Kein Millimeter nach rechts

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