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hr4 Rundfunkgottesdienst Ostern verwandelt
Bildquelle: medio/tv/Schauderna

hr4 Rundfunkgottesdienst Ostern verwandelt

Prof. Dr. Martin Hein
Ein Beitrag von

Prof. Dr. Martin Hein,

Bischof em. Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel

Der hr4-Rundfunkgottesdienst übertragen am 21.04.2019 (Ostersonntag) aus der Evangelischen Kirche St. Martin zu Kassel
Predigt von Bischof Prof. Dr. Martin Hein


Den Gottesdienst zum Nachhören finden Sie auf hr4.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der tot und – und siehe, er lebt.

Predigttext: Lukas 24,1-11

I.

An Ostern ist mir das Lukasevangelium besonders lieb, liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer. Wieso das, fragen Sie? Weil es so ehrlich ist! Obwohl der Evangelist Lukas von der Auferstehung Jesu Christi überzeugt ist, macht er nicht in Schönfärberei. Er zeigt, dass man sich von Anfang an mit Ostern schwertun kann. Von Ratlosigkeit und Erschrecken, von Geschwätz und Unglauben erzählt er.

Und er erzählt von drei Frauen, die auf dem Weg der Pietät sind. Dieser Morgen ist für sie kein Tag wie jeder andere, sondern soll den endgültigen Abschied besiegeln. Jesus ist tot. Deshalb gehen sie zu seinem Grab. Er war ihr Freund und sie sind ihm nachgefolgt. Ihm, der kreuzigt wurde und nun im Grab liegt, verdanken sie so viel. Keine drei Tage ist es her, dass er hingerichtet wurde. Alle hatten ihn verlassen, als sich abzeichnete, dass es in Jerusalem zu einem Fiasko und nicht zu dem er­warteten Triumph kommen würde. Sie hatten gehofft, dass er die römische Fremdherrschaft beenden würde. Viele Jünger waren aus Angst geflohen. Nur diese drei Frauen wagen sich in der Dämmerung des Morgens aus der Anonymität heraus. Was jetzt zu tun bleibt, ist eine letzte fromme Pflicht: Den toten Jesus wollen sie salben und seinen Leichnam so für den Jüngsten Tag vorbereiten. Mehr kann man nicht tun, sagt unsere Vernunft. Aber wenigstens das! Ein letzter Liebesdienst.
Der Stein, der auf ihren Herzen lastet, ist größer als der Stein vor dem Grab. Der kann irgendwie weggewälzt werden, doch der andere bleibt – und mit ihm das ganze Gewicht der enttäuschten Hoffnungen und Le­bensziele. Wir kennen das, wenn ein Mensch, den wir liebten, gestorben ist. Das macht uns traurig und manchmal sehr verzweifelt. Wie soll es jetzt weitergehen? So erleben es auch die Frauen: Jesus ist tot. Nun herrscht nichts als Aussichtslosigkeit. So war das, und so ist es geblieben.
Karfreitag zeigt uns, wie die Welt ohne Jesus aussieht. Da treten Gewalt, Tod und Trauer ungehemmt auf den Plan. Da wird es finster. Und alles nimmt seinen Gang wie immer: Neue Gewalt, neuer Tod und neue Trauer kommen – ein Kreislauf ohne Hoffnung auf Unterbrechung. So ist die Welt, genau so ist sie! So erleben wir sie – ob in Christchurch, Utrecht oder seit Jahren in Syrien. Unschuldige Menschen werden brutal ermordet. Feige Anschläge, sinnloser Terror. Wir hören es und fühlen uns machtlos. Uns bleibt da anscheinend nur ein abgeklärter Realismus. Und der sagt: Tot ist tot! Allenfalls kann den Toten, die ermordet wurden, ein letzter Dienst erwiesen werden. Mehr nicht.

Für unendlich viele Menschen dauert der Karfreitag die­ser Welt an. Und es sind nicht die Gedankenlosesten, die unter dem Gefühl der Ohnmacht leiden. Maria Magdalena, Johanna und die an­dere Maria, die drei Frauen auf dem Weg der Pietät, sind unsere Zeitgenossinnen. Es ist, als lebten sie heute. Sie sind ein Teil von uns.
Doch die Resignation, dass man nichts ändern kann, wird bei den Frauen unvermutet und ohne Vorwarnung durchkreuzt: Die Trauer verwandelt sich – verwandelt sich in Ratlosigkeit und Erschrecken. Das Bild von der Welt, wie sie ist, gerät aus den Fugen. Alles beginnt zu wanken. Denn der Stein vor dem Grab ist weggerollt. Und aus dem Inneren des Grabes hören sie zwei Gestalten sagen: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden."
Das klingt doch völlig widersinnig. So etwas können wir uns selbst gar nicht sagen. Dazu braucht es die fremde Stimme, die uns anrührt und bewegt. Sollen denn all unsere Erfahrungen, auf die wir uns bisher verlassen haben, auf einmal falsch sein? Kann es sein, dass uns Ostern das Gewisseste nimmt, was wir haben – das einzige, womit wir wirklich rechnen kön­nen: den Tod? Ist uns der Tod nicht mehr sicher, liebe Gemeinde? Und wenn – was wäre dann? Dann würde Ostern ja alles verwandeln! 

II.

Er ist nicht hier, er ist auferstanden“: Das übersteigt alles, was wir uns vom Leben zurechtgelegt haben. "Er ist nicht hier", wo ihn die Pietät und die Vernunft zu finden glaubten. Das ist viel erschreckender, als dem toten Jesus zu begegnen. Mit seinem Leichnam hatten die Frauen am Ostermorgen gerechnet. Aber nicht erwartet hatten sie, dass tot auf einmal nicht mehr tot sein soll. Unbegreiflich. Wen wundert’s, dass es den Apostel wie Geschwätz vorkommt. So ehrlich ist der Evangelist Lukas – als könnte er es selbst immer noch nicht fassen!

An Ostern, liebe Gemeinde, geht es ums Ganze! Alles Hergebrachte ver­liert seine Bedeutung: die wohlriechenden, teuren Öle genauso wie alle bisherigen Vorstellungen von der Welt und vom Leben. Wem widerfahren ist, dass es eine andere Wirklichkeit gibt, die Wirklichkeit des lebendigen Gottes, kommt nicht mehr davon los. Solch eine Begegnung hinterlässt verwirrte Gefühle und Gedanken, hinterlässt ein aufgewühltes Herz. Nichts passt mehr zusammen. Alles wandelt sich. Alles müssen wir neu durchbuchstabieren, ja wir müssen unsere eigene Einstellung zum Leben revidieren und uns fragen: Trägt mich das wirklich, wo­rauf ich mich bisher glaubte verlassen zu können? Oder muss ich beginnen, in meinem Leben mit der Kraft Gottes zu rechnen, die größer und höher ist als alle Vernunft?

Solche umwälzenden Erschütterungen müssen weitererzählt und mit anderen geteilt werden. Zu viel ist da in Bewegung geraten. Glaube bitte niemand, mit der Osterfreude sei es eine leichte Sache oder sie stelle sich einfach ein, sobald nur das Evangelium vom auferstandenen Christus verkündigt wird. Nein, so locker geht es nicht! Die Oster­freude braucht Zeit. Bevor die drei Frauen den anderen berichten, was ihnen Unglaubliches widerfahren ist, versuchen sie selbst zu verstehen, was es mit der Auferstehung auf sich hat und welche Beziehung es zu den Worten Jesu geben könnte, die er ihnen einst gesagt hatte. „Sie gedachten an seine Worte.“
Das braucht Zeit, und es braucht die Bereitschaft, sich ganz und gar auf diese Botschaft einzulassen, die alles verwandelt. Die Frauen sind erstmal ratlos und verstehen nicht, was da passiert ist.
Dann erst, ganz allmählich weichen die Ratlosigkeit und das Unverständnis dem Gefühl eines tiefen Glücks. Der Glaube, dass Gottes Macht den Tod besiegt, beginnt zu leben. Jesus  hat den Tod überwunden. Sie erfahren auch: Nichts ist verloren, was sie verbunden hat. Er lebt, auch wenn er nicht mehr so bei ihnen ist, wie vorher. Sie spüren seine Gegenwart.

III.

„Er ist nicht hier, er ist auferstanden“: Maria Magdalena, Johanna und Maria fanden Worte für eine Erfahrung, die unsere menschliche Vernunft übersteigt. Sie ahnten, dass ihnen etwas Entscheidendes und Umwälzendes begegnet war: Der Tod selbst ist tot. Er ist besiegt. Gott schenkt neues Leben. Genau das sagten sie weiter. So wurden sie die ersten Botinnen eines neuen, geradezu verrückten Glaubens. Sie wurden Zeuginnen des Evangeliums, das seither in allen Kirchen und zu allen Zeiten verkündigt wird: „Er ist auferstanden!“

Wenn dieser eine Satz gilt, dann hat das unmittelbar Folgen für uns heute. Dann können wir nicht hoffnungslos vor uns hinleben in der Erwartung des sicheren Todes, sondern dann werden wir bestärkt und beglückt von der Gewissheit, dass wir, ganz gleich, was uns bedroht oder Angst macht, in Gott geborgen sind. Auch uns gibt er Anteil an dem neuen Leben Anteil, das er in Jesus Christus begonnen hat.

„Tod, wo ist dein Stachel? Tod, wo ist dein Sieg“, wird der Apostel Paulus später sagen. Und wir? Wir sagen es an jedem Grab, wenn wir Abschied nehmen von Menschen, die uns in unserem Leben viel bedeuteten. Wir bekennen es gegen allen Augenschein im Vertrauen auf Gottes Schöpfungsmacht. Er verheißt uns das Leben in seiner ganzen Fülle. Er wandelt die Trauer in Trost. Darum hat er Jesus auferweckt.
Sophie hat es im Bittruf vorhin erzählt. Sie war sehr traurig als ihre Großmütter gestorben sind. Aber allmählich fand sie Trost und kann nun darauf hoffen, dass es ein Wiedersehen gibt, ein Leben nach dem Tod.

Seit Ostern steht unsere Welt unter anderen Vorzeichen, mögen wir noch so viel von Sterben und Tod hören. Wir bekommen den Mut, wie die drei Frauen voller Glauben und voller Hoffnung von der Kraft der Auferstehung zu erzählen! Von Ostern ergriffen und bewegt stellen wir gegen alles, was das Leben auf unserer Erde bedroht.

Wir sagen Nein zu jeder Form von Gewalt, die andere zu unterdrücken oder auszugrenzen sucht. Die Botschaft von der Auferstehung macht Mut, anderen mitten im Leben zum Leben zu verhelfen. Sie nicht ihrer Verzweiflung zu überlassen. Ich denke an die vielen, die sich engagieren: im Hospiz, in der Tafelarbeit, bei der Suche um Wohnraum für die Flüchtlinge. An die Ärzte, die die Obdachlosen und Hilfsbedürftigen hier auf dem Martinsplatz nicht ihrem Schicksal überlassen. Ich denke auch an die vielen, die Nachbarschaftshilfe leisten, für andere da sind, die losgehen und Menschen zu neuer Hoffnung verhelfen, dass Gott dem Tod die Macht genommen hat.

Die Auferweckung Jesu Christi von den Toten ist Gottes eindeutige und unumkehrbare Option für das Leben.

Ostern verwandelt uns. Und wie! Es macht aus mutlosen Realisten, die sich mit den Abläufen dieser Welt abgefunden hatten, fröhliche und zuversichtliche Menschen. Auch wir können darin einstimmen: „Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Amen.

Und der Friede Gottes, der alles menschliche Begreifen übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen Leben.

Singen wir nun aus dem EGplus, dem Beiheft zum Evangelischen Gesangbuch im Wechsel von Gemeinde und Chor das Lied unter der Nr. 87: „Lobe den Herrn meine Seele“.

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