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hr4 Gottesdienst am zweiten Weihnachtstag aus Alsbach
Bild: Ev. Kirchengemeinde Alsbach

hr4 Gottesdienst am zweiten Weihnachtstag aus Alsbach

Ein Beitrag von

Sandra Matz,

Pfarrerin, Evangelisches Gemeindenetz an der Nördlichen Bergstraße, Alsbach

hr4 Gottesdienstübertragung am zweiten Weihnachtstag
aus der Evangelische Kirche in Alsbach/Bergstraße
Liturgie und Predigt: Pfarrerin Sandra Matz
Moderation und Lesung: Hermann Hillebrand
Liturgische Mitwirkung: Johannes Lösch, Renate Eberth, Lisa Gapp
Musik: Rundfunk-Projektchor der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau unter Leitung von Landeskirchenmusikdirektorin Christa Kirschbaum; Blechbläserensemble Contrapunctus unter Leitung von Kantor Uwe Krause; Jens Amend, Orgel

Den Gottesdienst zum Nachhören finden Sie auf hr4.

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer,

an Weihnachten feiern wir die Geburt von Jesus Christus vor über 2000 Jahren. Was der Himmel um diese Geburt herum für ein Aufsehen veranstaltet; das ist atemberaubend. Eine junge Frau sitzt in ihrer Kammer. Auf einmal erscheint ein Engel und verkündet Ihr, dass sie ein Kind bekommen wird: Von Gott!

Ein großer Stern erscheint einigen Weisen am Firmament und führt sie direkt zu dem Stall, Engelschöre tauchen am Himmel auf und verkündigen geschockten Hirten die frohe Botschaft. Der Himmel fährt sozusagen alles auf, was er im Repertoire zu bieten hat.

Und all das nur... für ein kleines, neugeborenes, nacktes Baby. Auch wenn es um einen besonderen Jubel und ein besonderes Kind geht, dennoch kann ich diese Freude im Himmel nachvollziehen.

Ehrlich gesagt... ich kann diese Freude nachvollziehen! Menschen, die schon mal ein neugeborenes Baby in den Armen halten durfte – so winzig und zerbrechlich -  die wissen: Dieses kleine Paket ist ein großes Wunder. Und dann kann man die Engelschöre zumindest erahnen.

Mit so einem kleinen großen Wunder beginnt ein neuer Abschnitt. Rund um die Uhr ist man dann mit ihm beschäftigt. Damals wie heute.

Stillen, Wickeln, Schlafen – „Wie süß!“ – wieder Stillen – „Es weint.“ – Stillen – „Warum weint es?“ - Wickeln – Schlafen – 3 Stunden – „Ich bin die glücklichste Frau der Welt“ – Stillen - Schlafen-  „Nur 1 Stunde am Stück!?“ – wickeln – Stillen- „Ich muss jetzt bitte schlafen!“ – wickeln – stillen –

Von diesen menschlichen Details lesen wir nichts in der Weihnachtsgeschichte. Dabei bestimmen sie das Leben von jedem Neugeborenen und seinen Eltern.

In der Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium heißt es nur: Sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe.

Interessanterweise sind die Windeln das einzige Detail, was wir über die Geburt wissen. Keine der heute üblichen Fragen wird hier beantwortet: Wie war die Geburt, wie geht es dem kleinen Jungen? Sind Mutter und Kind wohlauf? Klappt es mit dem Stillen? Darüber steht nichts da. Rührend wäre es, wenn da stünde: „Sie herzte und küsste ihren Sohn und sang ihm ein Wiegenlied.“ Doch auch davon wissen wir nichts. Offenbar hält das Lukasevangelium das nicht für erwähnenswert. Nur das: Sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln. Warum sind die Windeln in der Weihnachtsgeschichte so wichtig?

So wichtig, dass sie sogar noch ein zweites Mal auftauchen. Als bei den Hirten auf dem Feld der Engel erscheint; als er ihnen die Ankunft des Heilands verkündet und sie losschickt, sagt der Engel zu ihnen: Und das habt zum Zeichen:Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt. Die Windeln sind also ein Zeichen. Daran sollen die Hirten Jesus erkennen. Ausgerechnet an diesem Stückchen Stoff an einem Babypopo. Das uns gleichzeitig aber daran erinnert, wie Jesus – Gott selbst,  der Retter der Welt – zu uns Menschen kommt. Als schutz – und hilfsbedürftiges Baby. Mit allem drum und dran.

Die Windeln fehlen auf den meisten Gemälden von Maria und dem Baby. Und damit fehlt symbolisch all das, was ein Baby nun mal ausmacht und dazu gehört. Dass es umsorgt, gehütet und gepflegt werden muss. Dass es vieles nicht alleine kann – dass es ganz angewiesen ist auf die Zuwendung seiner Mutter oder seines Vaters oder einer anderen Bezugsperson. Kurz: auf eine Person, die es voller Liebe umsorgt. 

Kann das denn sein? Ist Gott wirklich so? Schwach - wie ein kleines Baby? In Windeln gewickelt?

Die Frage geht unter die Haut. Denn sie rührt an unser Gottesbild. Wie ist Gott für uns? Wie hätten wir ihn gerne...? Manch einer wünscht sich Gott als strahlenden König, mächtigen Herrscher, der mit Kraft und Weisheit eingreifen kann, bevor alles den Bach runtergeht. Der mit einem einzigen Wimpernschlag ganze Kriege beendet und den Machthabern der Welt ordentlich sagt, wo es lang geht...  Ich kenne diese Sehnsucht auch.

Gott – schwach und zerbrechlich wie ein Kind? Das kann nicht sein. Der erste, der diesen Gedanken deutlich formuliert hat, war der Theologe Marcion. Ungefähr 200 Jahre nach Jesu Geburt war das. Marcion waren Armut und Niedrigkeit der Geburt Christi in Stall und Krippe nahezu unerträglich. Er soll gesagt haben: „Schafft endlich die Krippe fort und die eines Gottes unwürdigen Windeln.“

Er wollte Gott auch anders haben und deshalb die Weihnachtsgeschichte völlig umschreiben. Gott sollte sich aus seiner Sicht von den Menschen abheben, er sollte schön und erhaben sein. Doch zum Glück haben die meisten Christen damals Marcion zum Irrlehrer erklärt. Bis heute erzählen wir die Weihnachtsgeschichte genauso weiter, wie sie im Lukasevangelium steht.

Denn diese Geschichte zeigt uns eine ganz andere Seite von Gott. Eine, die uns so nah kommen kann, wie niemand anderes vielleicht.

Gott wird Mensch. Er wird so wie wir. Er kommt tief hinab. Zu den Anfängen unseres Lebens, wo wir noch nichts geleistet haben. Wo wir schwach sind und zerbrechlich - und wo auch wir angewiesen sind darauf, dass uns geholfen wird.

Dafür sind die Windeln das Zeichen. Sie stehen für die Liebe, die dorthin geht, wo wir sie nicht erwarten. Deshalb kann der Engel auch sagen, dass das Kind von Bethlehem eine große Freude für alle Menschen ist. Weil wir, egal wo wir sind, nicht ohne Gott sind.

Egal, wo wir sind, ist Gott anwesend. Was hilft uns das, wenn wir es nicht mehr schaffen? In den letzten Wochen habe ich von vielen Menschen die Sätze gehört: „Ich kann nicht mehr. Ich schaff das alles nicht. Das wird mir hier zu viel.“  Männer und Frauen sagen solche Sätze, ältere genauso wie Teenager, Menschen, die im Beruf stehen und auch Menschen, die nicht, oder nicht mehr arbeiten.

Viele kennen das Gefühl. Der Berg ist zu groß: etwas steigt mir über den Kopf. Der Streit mit dem Partner oder der Partnerin. Der Stress mit den Kindern zu Hause.
Die Anforderungen in der Schule. Oder die Trauer, weil eine geliebte Person nicht mehr Teil meines Lebens ist. Aber auch die Stille, die nicht auszuhalten ist, die Kontakte, die fehlen. Ich schaffe das nicht mehr. Und gerade habe ich gesagt: Egal, wo wir sind, ist Gott anwesend. Doch was hilft uns das, wenn wir es nicht mehr schaffen?

Die Frau lebt im Pflegeheim. Nennen wir sie Annelie. Schon mehr als 10 Jahre. Sie schaut zurück auf ihr Leben. Manchmal mit einem Lächeln. Manchmal traurig, manchmal wehmütig. Was hat sie nicht alles geschafft: Im Beruf anerkannt, dann noch den Haushalt, die Kinder. Eigentlich weiß sie nicht, wie das alles gegangen ist. Aber sie hatte die Kraft.

Und jetzt? Jemand muss ihr helfen, dass sie ins Bad kommt. Oder abends ins Bett und morgens wieder heraus. Was für ein Leben? „Nichts kann ich mehr. Warum bin ich eigentlich noch da?“ Aber jetzt an Weihnachten; sie sieht genau hin und hört genau hin: Gott, klein, hilflos, in Windeln. So nah ist Gott bei mir, denkt sie. Er ist bei mir gerade dann, wenn ich nichts mehr kann. Und als der Pfleger kommt und sie in den Rollstuhl setzt, um sie zum Mittagessen abzuholen, sagt sie: „Sie sind ein Engel!“ Und ein Engel ist ja nichts anderes als ein Bote Gottes.

Solche Boten kommen immer wieder zu uns. Und oft nicht mit viel Tamtam, sondern in vermeintlichen Kleinigkeiten, die es aber vermögen, unser Herz weit werden zu lassen. Am Anfang des Gottesdienstes haben drei Menschen erzählt, wie sie das erleben. Da ist der junge Papa, dem der Himmel nahe kommt, wenn sein kleiner Sohn die Welt entdeckt. Da ist die ehrenamtliche Mitarbeiterin, die gemeinsam mit anderen zu Engeln wird, wenn sie am Herd stehen und für ältere Menschen kochen. Da sind die Jugendlichen, die sich einfach mal im Trubel des Alltags Zeit nehmen für andere.

Vermeintliche Kleinigkeiten, in denen Menschen aber spüren: Egal, wo wir sind, wir sind nicht ohne Gott. Das gilt nun – seit dem ersten Weihnachten damals in Bethlehem - für jede und jeden, die sich selbst nichts mehr zutrauen, die hilflos sind, ratlos: Gott schwebt nicht über den Dingen, bleibt nicht als Weltenlenker in fernen Gefilden. Wahrscheinlich ist er dort auch; aber er ist auch neben dir. Und schickt seine Engel, damit sie dich behüten auf all deinen Wegen. Wer das weiß und fühlt, findet neuen Mut zum Leben. Wer das weiß und fühlt, schaut auch mit anderen Augen auf die Menschen, die sich in seiner oder ihrer Umgebung klein und hilflos fühlen.

Liebe Gemeinde!  Weihnachten mag auch ein Fest der Familie sein. Aber zuerst und vor allem ist es ein Fest, an dem wir feiern, wie sehr Gott uns liebt und uns deshalb  so nahe kommt. Amen.    

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