Seid nicht neidisch, weil ich gütig bin

Seid nicht neidisch, weil ich gütig bin

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von Dr. Ulf Häbel, Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen

Wenn Gott gerecht wäre, das wäre schlimm. Wie bitte, denken Sie vielleicht jetzt. Wenn Gott gerecht wäre, was sollte daran schlimm sein? Zu Gottes guten und wichtigen Eigenschaften gehört doch gerade, dass er gerecht ist. So steht es überall in der Bibel. Aber ich bleibe dabei: Wenn Gott gerecht wäre, wie Menschen sich oft Gerechtigkeit vorstellen, dann wäre das schlimm.

Denn Gerechtigkeit nach menschlichen Maßstäben hat zwei Seiten. Die eine Seite ist klar: Es ist nötig und wichtig, dass wir uns beruflich und auch privat um Gerechtigkeit bemühen. Besonders wichtig ist, dass sich Menschen um soziale Gerechtigkeit bemühen. Das ist sowohl in unserem Land nötig als auch zwischen den verschiedenen Ländern in der Welt. Denn oft schreit die Ungerechtigkeit zum Himmel wie die Leute sprichwörtlich sagen. Kann man es gerecht nennen, wenn ein Flugzeugpilot mindestens zehnmal so viel verdient wie eine Kindergärtnerin, die den ganzen Tag Kinderlärm ertragen und Streits schlichten muss und sich bemüht, die Kleinen zu lebenstüchtigen Menschen zu erziehen.

Das ist nur ein Beispiel. Oder wenn man sich die sehr unterschiedlichen Lebensumstände der Menschen in reichen Industrienationen wie in Deutschland und in armen Entwicklungsländern ansieht. Die einen fliehen vor Krieg und Elend und die anderen leben im Wohlstand. Das ist nicht gerecht; und da sind noch viele Anstrengungen nötig um Brot und Wasser für alle zu sichern.

Also, mir geht es nicht darum, das Bemühen um mehr Gerechtigkeit madig zu machen, im Gegenteil. Mir geht es darum, genauer hinzuschauen, wo mehr soziale Gerechtigkeit erreicht werden kann und was ich selbst dazu beitragen kann.

Doch dabei fällt mir eine zweite Seite der menschlichen Gerechtigkeit auf. Es mischen sich manchmal auch andere Motive ein. Man ruft nach mehr Gerechtigkeit und hat dabei eigene Vorteile im Blick.

In den letzten Monaten wurde bei uns viel gestreikt. Dazu gab es auch kritische Anmerkungen. Geht’s da um gerechtere Verteilung von Lohn oder um die Stärke der eigenen Position? Dass jede und jeder für seine Tätigkeit angemessen entlohnt wird, ist eine berechtigte Forderung. Doch ein vermeintlich gerechter Lohn, wie immer der auch aussähe, garantiert noch keine Gerechtigkeit. Vielleicht sollten wir besser vom angemessenen als vom gerechten Lohn reden.

Gerechtigkeit nach menschlichen Maßstäben hat diese zweite Seite: In den Vergleich, was denn gerecht sei an Lohn oder Anerkennung, an Einfluss oder Macht mischt sich schnell der Neid auf die anderen, die vermeintlich besser dran sind.

In dem Dorf, in dem ich lebe, hat sich ein Verein gegründet – das Vogelsberger Generationennetzwerk. Die Initiatoren haben leerstehende Fachwerkhäuser gekauft und bauen sie nun zu einem Treffpunkt für die Menschen aus. Einen Dorfladen soll es da geben, eine Tagesbetreuung für alte Menschen, ein paar altersgerechte Wohnungen, ein Begegnungsort für alle Generationen. Das Vorhaben kostet viel Geld und es gibt dafür auch hohe öffentliche Fördermittel. Das hat manche Leute in anderen Ortsteilen neidisch gemacht. Eine Zeitung schrieb: Ist es, so wörtlich, „gerecht“ einem Dorf für sein Vorhaben so viel Geld zu geben und den anderen nicht?

Dieser neidische Vergleich schafft aber nicht mehr Gerechtigkeit zwischen den Dörfern, sondern lähmt eher die Energie der Bürger, die sich engagieren. Ich frage umgekehrt: Wäre es gerecht, wenn es allen gleich gut oder schlecht geht und wenn alle Menschen nach ein- und demselben Maß gemessen würden? Wahrscheinlich würde dann noch mehr verglichen, berechnet, Förderung zugewiesen oder gekürzt. Und der Kampf darum, dass ja niemand zu kurz kommt, würde das ehrliche Bemühen um Gerechtigkeit eher noch lähmen.

Ich bleibe dabei: Wenn Gott in dieser Weise gerecht wäre, das wäre schlimm. Denn dann würde das neidische Vergleichen zwischen uns und die Gier nach immer mehr noch größer werden. In Gottes Gerechtigkeit ist kein Platz für Missgunst und Neid. Bei Gott gibt es unverdiente Zuwendung und Güte.

Musik

Wenn Gott gerecht wäre – nach menschlichen Maßstäben – das wäre schlimm. Ein Gleichnis Jesu – man kann es im Matthäusevangelium Kapitel zwanzig nachlesen – macht das deutlich. Da erzählt Jesus seinen Zuhörern diese Geschichte:

Stellt euch vor, diese Welt sei das Reich Gottes – also eine Welt, in der Friede und Liebe, Versöhnung und Gerechtigkeit sind. Das wäre dann so wie bei einem Weinbergbesitzer. Der braucht zur Arbeit in seinem Weinberg Helfer. Und deshalb geht er morgens früh auf den Marktplatz des Dorfes. Dort stehen die Leute rum, die Arbeit suchen. Tagelöhner nannte man sie. Für einen Tag wurden sie angestellt und abends bekamen sie ihren Lohn.

Der Weinbergbesitzer – so erzählt Jesus in diesem Gleichnis – wirbt Arbeiter an für den ganzen Tag. Nach Feierabend werden sie den Lohn erhalten, einen Denar. Das war eine römische Silbermünze, Währung zur Zeit Jesu in Israel. Das war ein guter und üblicher Lohn. Damit konnte man das kaufen, was man für den Tag für sich und seine Familie brauchte.

Um neun Uhr wiederholt der Weinbergbesitzer den Gang über den Marktplatz. Er findet wieder Arbeitslose und schickt sie in seinen Weinberg. Und er geht noch mal: mittags um zwölf Uhr, und heuert wieder Arbeiter an. Er wiederholt das nachmittags um drei. Ja sogar noch um fünf Uhr geht er auf den Markt und engagiert Arbeiter, eine Stunde vor Feierabend. Auch um diese Zeit standen immer noch Menschen da, die Arbeit gesucht hatten, die aber niemand angestellt hatte.

Und dann ist Feierabend. Der Weinbergbesitzer ruft alle Arbeiter zusammen. Sie erhalten ihren Lohn. Die nur eine Stunde gearbeitet hatten, bekommen einen Denar, diesen römischen Silbergroschen. Die drei Stunden im Weinberg waren, erhalten auch einen Silbergroschen. Und die sechs, neun oder gar zwölf Stunden geschuftet hatten, erhalten alle denselben Lohn – einen Silbergroschen. So war es mit dem Weinbergbesitzer am Morgen ausgemacht. Die den ganzen Tag gearbeitet haben, regen sich jetzt auf. Sie sagen: Das ist ungerecht, wir müssen doch mehr kriegen als diejenigen, die viel kürzer gearbeitet haben. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, statt diese himmelschreiende Ungleichbehandlung.

Der Weinbergbesitzer aber antwortet den Murrenden gelassen: „Ich tue euch kein Unrecht. Ich habe euch den Lohn gegeben, den ich euch am Morgen versprochen habe. Doch warum seid ihr neidisch, wenn ich zu den anderen gut bin und ihnen gebe, was sie auch zum Leben brauchen.“

Jesus meint mit diesem Gleichnis: So wie diesen Weinbergbesitzer kann man sich Gott vorstellen, der allen gibt, was sie zum Leben brauchen. Da steht Güte über menschlichem Neid, großzügige Zuwendung über Verdienst.

Musik

Da hatten Leute den ganzen Tag gearbeitet und andere nur eine Stunde; und sie erhalten denselben Lohn. „Das ist ungerecht“, entrüsten sich diejenigen, die sich benachteiligt fühlen. „Doch warum seid ihr neidisch, weil ich den anderen gütig bin?“ fragt der zurück, der den Lohn zahlte.

Diese Frage hat Jesus in seinem Gleichnis nicht einfach erfunden, dahinter steht eine Urerfahrung: Wir sind neidisch auf die anderen. Und es gibt auch immer einen Grund, neidisch zu sein: Die Männer werden besser bezahlt als die Frauen, auch wenn sie genau dieselbe Arbeit tun. Der Firmenchef genießt eine viel höhere Anerkennung als die Putzfrau, die seinen Dreck wegmacht. Es gibt Stars in Stadien, auf Bühnen und in Arenen; die haben so viel Geld, dass sie es gar nicht ausgeben können. Es gibt Menschen, die sind besser dran oder reicher als ich; die sind leistungsfähiger, jünger, schöner, anerkannter. Einen Grund, neidisch zu sein, gibt es immer. Doch Neid ist die Wurzel allen Übels. So steht es schon in der Bibel. Es ist eine Urerfahrung der Menschen.

Den Neid, die Gier alles haben zu wollen wie die anderen, überwinden wir nicht durch vordergründige Verteilungsgerechtigkeit, nach dem Motto: allen dasselbe – Erzieherinnen und Piloten, Arbeitern und Ministern, Stadt und Land.

Neidisches Vergleichen bringt nur Unmut. Warum bist du neidisch, wenn ich anderen gut bin? Güte ist besser als Gleichmacherei. Gottes Güte ist unendlich; sie macht uns frei, Missgunst und Neid zu überwinden.

In dem Gleichnis von Jesus wird das klar. Der Lohn, den der Weinbergbesitzer am Abend auszahlte, war ein Denar, ein Silbergroschen wie Martin Luther in seine Sprache übersetzt hat.

Der Silbergroschen war damals die Summe, die ein Mensch brauchte, um davon leben zu können. Wir nennen das heute das Existenzminimum, den Mindestlohn.

Genau das, was ein Mensch zum Leben unbedingt braucht, das gibt der Weinbergbesitzer, also Gott, jedem. Auch denen, die erst ganz spät Arbeit gefunden haben, gibt er diese Zuwendung, diese Gnade. Warum seid ihr dann neidisch, wenn ich gütig bin?

Gottes Güte ist unendlich, sie reicht soweit der Himmel ist, heißt es an einer Stelle der Bibel. Sie reicht weiter als der neidische Vergleich, den wir Menschen gewohnt sind. Formale Verteilungsgerechtigkeit, bei der immer alle gleich behandelt, anerkannt und vergütet werden sollen, greift zu kurz. Im Leben ist – wenigstens manchmal – unverdiente Zuwendung und Gnade wichtiger als berechneter Verdienst.

Meine Frau und ich haben fünf Kinder groß gezogen. Da konnten wir unsere elterliche Liebe und Zuwendung nicht einfach formalgerecht verteilen: Jedem Kind ein Fünftel Wärme und Nähe, Zuwendung und Geld. Da war manchmal das eine mehr dran als das andere, z.B. wenn einer krank war oder traurig aus Liebeskummer, oder weil eine oder einer Mist gebaut hatte und dann unsere Zuwendung brauchte.

Sei doch nicht neidisch, wenn ich einem anderen zugewandt und gut bin. Das ist die Botschaft, die Jesus mit diesem Gleichnis von dem Weinbergbesitzer weitersagt.

Manchmal ist das Vergleichen – wer verdient wieviel, wer hat wieviel zu einfach, zu oberflächlich. Diese missgünstige Vergleicherei führt nur zum Neid; und Neid bleibt die Wurzel allen Übels. Das hat jeder erlebt und erlitten, der schon einmal in Erbstreitigkeiten verwickelt war. Da geht es hart zur Sache: Jeder gegen jeden um des eigenen Vorteils willen.

Gott fragt: Warum seid ihr neidisch, wenn ich großzügig bin? Mich fordert diese Frage auf. Sie fordert auf, gut zu anderen zu sein, selbst wenn die Güte nicht verdient worden ist. Dieses Gleichnis aus der Bibel regt mich dazu an, mit meinen Mitmenschen großzügig statt kleinkariert umzugehen, ihnen gut zu sein statt ihnen nur das zuzugestehen, was sie verdient haben. Güte befreit.

Musik

Güte befreit vom neidischen Vergleich. Meine Großmutter hat elf Kinder aufgezogen. Das war für sie nicht leicht in der schlechten Zeit Ende der zwanziger Jahre. Ihr Mann war sehr früh gestorben. Mit den Kindern und der Armut fertig zu werden, hat sie oft an ihre Grenzen gebracht. Was sie besonders genervt hat, war der Streit unter den Kindern, der Neid, den es im Geschwistervergleich immer gibt. „Das hat sie die meisten Nervengekostet“, hat sie uns Enkeln einmal erzählt. Und wir wollten von ihr wissen:

„Wenn die sich alle gestritten haben – deine Kinder – wenn sie neidisch aufeinander waren, weil sie sich ungerecht behandelt fühlten, Oma, was hast du dann gemacht?“

Sie hat geantwortet: „Wenn sich alle gestritten haben, wenn sie neidisch aufeinander waren und mir vorgeworfen haben, dass ich sie ungerecht behandelt hätte, dann habe ich gesagt: Jetzt lasst es mal gut sein, denn ihr habt mich – alle miteinander.

Ob das immer geklappt hat, weiß ich nicht. Doch es leuchtet mir ein: Lasst es mal gut sein. Erkennt, was alles gut ist. Hört auf mit dem Gezänk, diesem neidischen Vergleich, ob da vielleicht jemand zu kurz gekommen ist. Seid dankbar für alle Güte, die ihr erfahren habt und gebt sie weiter. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, weil du Liebe erlebt hast. Sei großzügig statt neidisch, zugewandt statt berechnend, offenherzig statt fordernd.

Diese biblische Lebenswahrheit hat meine Oma – sozusagen im Alltag – gelebt und die wollte sie an uns weitergeben. Und es stimmt doch auch: Die glücklichsten Augenblicke im Leben sind gerade nicht die, in denen man viel Lohn erhalten, einen Verdienstorden bekommen hat oder sich „gerecht“ behandelt fühlte. Es ist sogar wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Freude über so etwas nach kurzer Zeit vorbei ist und man dauerhaft dadurch nicht glücklicher wird. Erfüllte Augenblicke im Leben sind die, in denen ich mich bedingungslos geliebt und angenommen fühlte, mir unverdiente Zuwendung zuteil geworden ist, wo Gottes unendliche Güte mir begegnet ist.

Das Gleichnis aus der Bibel, das von Gott wie von einem großzügigen Weinbergbesitzer erzählt, macht mir deutlich wie wichtig das Bemühen um Gerechtigkeit ist. Das heißt, dass jedem Menschen zu Teil wird, was er zum Leben braucht. Und manchmal reichen Geld, Lohn, Verdienst aus dabei nicht aus.

Wenn Gott gerecht wäre nur nach unseren Maßstäben – das wäre schlimm. Zur Gerechtigkeit Gottes gehört diese andere Dimension: Unverdiente Güte, großzügige Zuwendung, unendliche Liebe.

Dieser Glauben stärkt mich in meinem Bemühen um mehr menschliche Gerechtigkeit. Er macht mich gelassener und souveräner und in aller Bescheidenheit auch zuversichtlich. Die unermessliche Güte Gottes gilt jedem Menschen, und sie macht uns frei füreinander und gut zueinander.

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