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„Zwischen den Jahren“ – Das neue Jahr erwarten
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„Zwischen den Jahren“ – Das neue Jahr erwarten

Winfried Engel
Ein Beitrag von Winfried Engel, Ltd. Schulamtsdirektor i. K. i. R., Fulda
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„Zwischen den Jahren mache ich Urlaub“, hörte ich kürzlich jemanden sagen. „Zwischen den Jahren?“, wann soll das sein, so dachte ich? Ein Jahr folgt doch dem anderen, unaufhaltsam geht die Zeit dahin, nicht eine Sekunde bleibt sie stehen. Das gilt auch für den Jahreswechsel. Aber diese Redewendung ist üblich, muss ich einräumen. Sie meint die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. Wie sie entstanden ist, lässt sich nur vermuten. Es könnte mit dem einstmals „doppelten“ Anfang des Jahres zusammenhängen: Während die Kirche noch im 15. Jahrhundert das neue Jahr mit dem Weihnachtsfest begann, wurde das bürgerliche Neujahrsfest auf den 1. Januar gelegt. Auf diese Weise ergaben sich sechs Tage, die im Jahreslauf nicht mitgezählt wurden und somit „zwischen den Jahren“ lagen. Ich meine aber, dass diese Redensart noch tiefer gedeutet werden muss. Betrachtet man das Brauchtum, das sich vielerorts um diese Tage entwickelt hat, dann deutet es fast immer in eine Richtung: Die Menschen fühlten sich in dieser Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr besonders gefährdet und bedroht. So gab es regelrechte Arbeitsverbote, bei deren Missachtung die Bestrafung durch Dämonen drohte, die just in diesen Tagen ihr Unwesen trieben, so der Volksglaube. Ich selbst habe oft gehört, dass zwischen Weihnachten und Neujahr keine Wäsche gewaschen wird mit der Begründung, man würde sonst jemanden „aus dem Leben waschen“. Überhaupt beschäftigte man sich in der Zeit zwischen Weihnachten und Anfang Januar in besonderer Weise mit dem Tod. Wahrscheinlich hängt das zusammen mit der Zeit der „Zwölf Nächte“ oder auch „Raunächte“, die am 25. Dezember beginnt. Nach altem Glauben erreicht in diesen Tagen die dämonische Macht der Finsternis ihren Höhepunkt. Eigentlich ein merkwürdiges Zusammentreffen: Dem Lichterglanz des Weihnachtsfestes mit seiner frohen Botschaft folgen Tage der Angst und der Bedrohung. Sollte man der weihnachtlichen Botschaft der Engel doch nicht so ganz trauen? – Ich persönlich glaube, dass hier eine Grundangst des Menschen ihren Ausdruck findet: das Bewusstsein um die Unsicherheit des eigenen Lebens. Niemand besitzt eine Garantie, dass er den morgigen Tag erleben wird. In den längsten und dunkelsten Tagen des Jahres wird einem dies in besonderer Weise bewusst. Dem entgegen verkündet die Botschaft des Weihnachtsfestes die Menschwerdung Gottes in unserer Zeit. Mit ihm ist das Licht in die Welt gekommen, das alles hell macht, auch die dunklen Tage und Stunden meines Lebens. Mit dieser Zuversicht darf ich auch „zwischen den Jahren“ frohen Mutes und ohne Angst in den Tag gehen, auf das neue Jahr zu, das vor der Tür steht.

In etwa zweieinhalb Tagen beginnt es, das neue Jahr 2020. Bei mir löst diese Zeit vor dem Jahreswechsel immer gemischte Gefühle aus: Wehmut, dass wieder ein Jahr zu Ende geht, mischt sich mit Dankbarkeit, dass ich es erleben durfte. Dazu kommt noch ein bisschen Neugier, was das neue Jahr so alles bringen wird. Dabei sind diese letzten Tage im Jahr Tage wie alle anderen. Sie sind nicht länger als andere, sie vergehen auch nicht schneller, und der Wechsel zum 1. Januar ist auch unspektakulär, jedenfalls was den Lauf der Zeit angeht. Und doch haben diese Tage etwas Besonderes. Wenn sich der letzte Tag des Jahres dem Ende zuneigt, feiern die Menschen fast überall auf der Welt. Sie verabschieden sich vom alten Jahr und begrüßen das neue. Und dabei steht der Blick auf das Unbekannte, was das neue Jahr bringen wird, auf verschiedene Art und Weise im Mittelpunkt. Von jeher hat der Jahreswechsel die Phantasie der Menschen angeregt. Die meisten Sitten und Gebräuche, die so entstanden sind, wollen dem Glück im neuen Jahr etwas nachhelfen oder gar in die Zukunft schauen lassen. Glücksschwein, Kleeblatt, Bleigießen und Feuerwerk – sie alle sind Symbole für dieses Streben. Das Schwein ist seit urdenklichen Zeiten als Glücksbringer bekannt, und so soll das Essen von Schweinefleisch Glück bringen. Auch das Kleeblatt oder der Glückspfennig gehören in diese Kategorie, denn in allem Kleinen liegt der Ursprung für etwas Großes. Durch Bleigießen möchte man einen Blick in die Zukunft werfen. Die beim Abkühlen des geschmolzenen Bleis entstehenden Figuren deuten auf Ereignisse hin, die im nächsten Jahr zu erwarten sind. Das Feuerwerk schließlich folgt der uralten Vorstellung, dass Lärm und Krach die bösen Geister vertreiben, damit das neue Jahr ohne ihren Einfluss beginnen kann.
In unseren Breiten mischen sich um Mitternacht in den Lärm der Raketen und Böller die Glocken der Kirchen. Damit kommt noch ein anderer Ton ins Spiel. Er passt nicht zu dem Lärm und Krach, und dennoch ist er wie ein Fingerzeig, der auf Besonderes hinweist. Näher betrachtet, laufen die genannten Silvesterbräuche ins Leere. Alles ist Zufall, es gibt nichts, worauf ich mich dabei verlassen kann. – Daneben gibt es aber auch eine andere Sichtweise. „Meine Zeit liegt in deinen Händen“, heißt es in einem geistlichen Lied. Die Zeit liegt in Gottes Hand. Und damit auch das alte und das neue Jahr. In diesem Bewusstsein werden Glücksbringer und Bleigießen nebensächlich. Ich weiß, dass Gott mich im alten Jahr getragen hat, und ich vertraue darauf, dass er mich auch im neuen Jahr tragen wird. Das gibt Sicherheit und lässt mich den Jahreswechsel zuversichtlich erwarten.

Und dann ist es da, das neue Jahr. Begleitet wird es von vielen Hoffnungen und Erwartungen. Gerade angefangen, kann noch alles aus ihm werden. Ein gutes, erfolgreiches Jahr, ein schwieriges, von wirtschaftlichen Problemen begleitetes Jahr, ein Jahr der Katastrophen und der Kriege. Dies gilt für die ganze Welt und für die Menschen in unserem Land, es gilt aber auch für mich, für mein eigenes Leben. Wir alle wissen, dass die guten und wohlgemeinten Wünsche, die den Jahreswechsel begleiten, genau das sind, was das Wort sagt: Wünsche. Die Erfüllung eines Wunsches habe ich nicht in der Hand, sie wird mir geschenkt. Das gilt für die kleinen Wünsche und auch die großen. Dieses Wissen mag bei einigen Menschen unangenehme Gefühle auslösen. Ich möchte nicht abhängig sein, ich möchte selbst bestimmen, was mit mir geschieht. Wenn hier auch noch von „Geschenk“ die Rede ist, dann muss ich mir ja auch noch jemanden denken, der dieses Geschenk macht. Das bekomme ich ja für die materiellen Geschenke noch hin, da gibt es ein Gegenüber, das schenkt. Auch für Gefühle mag das noch gehen: Die Menschen schenken sie einander. Doch wirtschaftlichen Wohlstand oder Frieden in der Welt, wer schenkt das? Da sehen sich nicht wenige eher einem unabwendbaren Schicksal ausgeliefert, anonym, undefinierbar, einer unbestimmbaren Macht, die irgendwie am Werk ist. Noch schwieriger wird es, wenn ich nach der Verantwortung für negative Dinge frage, Katastrophen, Kriege, Leid, Elend. Sicher kann ich auch hier Menschen am Werk sehen, doch vieles passiert einfach. Menschen kann ich oft nicht dafür verantwortlich machen. Bleibt nur eine größere Macht oder eben das unabwendbare Schicksal, was immer das sein mag.
Klingt es da nicht wie eine Provokation, wenn Christen zum Jahreswechsel betend feststellen werden: „Der Herr krönt das Jahr mit seinem Segen!“? Wo ist denn der Segen, wenn Tausende Menschen wegen Krieg und Gewalt ihre Heimat verlassen müssen? Wenn unheilbare Krankheit mir den Tod vor Augen stellt? Wenn Menschen schuldlos ihr Leben verlieren? Und solche Fragen ließen sich noch beliebig fortsetzen. Eine Antwort fällt in der Tat schwer. Dennoch kann das Bild vom Krönen weiterhelfen. Eine Krone wird aufgesetzt, sie bildet den Abschluss, sie ziert den, der sie trägt. Hier liegt der Ansatz für eine Antwort: Die Krone lässt nicht das verschwinden, was unter ihr ist. Sie gibt aber allem ein besonderes Gepräge. Wenn der Segen Gottes das Jahr krönt, dann heißt das nicht, dass bereits alles gut ist. Aber es heißt, dass alles gut wird, dass das Mangelhafte nicht von Dauer ist. Dies gilt auch für das Jahr, das vor uns liegt. Wer es mit Gottvertrauen angeht, der kann gewiss sein, dass Gott ihn begleitet. So wünsche ich uns allen, dass Gott auch dieses kommende neue Jahr 2020 mit seinem Segen krönen wird.

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