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Es geht um die Wurst
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Es geht um die Wurst

Christoph Wildfang
Ein Beitrag von

Christoph Wildfang,

Evangelischer Pfarrer, Arnoldshain
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Viele zeigen jetzt auf Clemens Tönnies: Der ist schuld! Steinreich. Natürlich auf Kosten seiner Arbeiter. Nun reden alle über die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. Die Tönnies-Gruppe ist da mit einigen Subunternehmen ein großer Player, bei der Schweineschlachtung sogar Marktführer. Wie die Leute in der Fleischindustrie unter schlimmen Bedingungen schaffen und hausen: Mir vergeht da der Appetit. Ja, der Tönnies ist schuld! Reine Gier bei dem, was soll es denn sonst sein?

Haben wir das nicht schon vorher gewusst?

Und während ich meinen Zeigefinger in Gedanken auf diesen einen Mann in Rheda-Wiedenbrück richte, zeigen gleichzeitig drei Finger meiner Hand auf mich selbst. Ist das denn neu, was da nun aus großen Schlachthöfen ans Tageslicht kommt? Weiß ich, wissen wir das nicht schon ganz lange?

Haupsache ein Schnäppchen

Können Fleisch und Wurst denn tatsächlich so billig sein wie in den großen Lebensmittelketten? Ich greife dort selbst gerne zu. Hauptsache lecker und billig. Hat mich nie wirklich interessiert, wie und warum. Ich genieße die riesige meterlange Auswahl im Supermarktregal, ein kurzer Blick auf den Preis, am besten noch ein Schnäppchen.

Wir neigen alle zur Selbstentlastung

Ich hatte schon mal was gelesen über die die miesen Arbeitsbedingungen der Werkvertrag-Arbeiter. Aber Westfalen oder Niedersachsen sind ja weit weg. Außerdem hatten die Produkte so schöne wohlklingende Namen. Ehrlich gesagt, ich neige da leider zur Selbstentlastung, wie wohl die meisten Menschen: Schuld: ja, aber ich nicht, sondern eben: der. Meistens: Der da oben!

Die Sache mit so einer Selbstentlastung ist uralt. Jesus hat dazu einmal einen harten Satz gesagt: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ (Lukas 6, 41)

An der Kasse sind wir alle Täter! Und Täterinnen!

Ja, so geht Scheinheiligkeit, diesmal also in Sachen Fleisch: Ich bin doch auch Täter. Täter an der Kasse. Alle sind‘s. Wir alle tragen Gier und Geiz in uns. Nicht nur in puncto Fleisch und Wurst. War da nicht auch was mit dem Spargelstechen, wer stach den eigentlich – unter was für Bedingungen? Oder superbillige Klamotten, egal wie produziert: Schnäppchen! Das weiß jeder.

Skandale kochen kurz hoch, am besten weit weg und ich zucke mit den Achseln. Sie und ich, wir alle müssen unser Einkaufsverhalten ändern. Sonst sind wir nicht besser als der, auf den alle nun lustvoll zeigen.

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