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Das Beste kommt noch
Bild: Pixabay

Das Beste kommt noch

Johannes Meier
Ein Beitrag von

Johannes Meier,

Evangelischer Pfarrer und Journalist, Kassel
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"Das Beste kommt noch!" – So steht es in goldenen Großbuchstaben auf einem weißen Pappschild. Ich habe es mir gegenüber von meinem Schreibtisch gut sichtbar ins Regal gestellt: "Das Beste kommt noch!" – Das Schild lag irgendwann einmal als Postwurfsendung in meinem Briefkasten. Eigentlich wirbt es für den Kredit einer Bank. Aber das merkt man erst, wenn man es umdreht: "Ihr Vorteilskredit! Einfach online beantragen!" – Mache ich nicht. Ich möchte keinen Kredit. Die Rückseite interessiert mich nicht. Aber die Vorderseite mit ihrer frohen Botschaft schaue ich mir immer wieder gerne an: "Das Beste kommt noch!" – In diesem Jahr habe ich besonders oft auf das Pappschild geschaut. An dunklen Tagen leuchten seine goldenen Buchstaben manchmal besonders hell.

Mit Blick auf das zurückliegende Pandemie-Jahr 2020 heißt es ja oft: Es kann nur besser werden. Das klingt so ähnlich wie die Botschaft auf meinem Pappschild. Und wenn jetzt endlich (oder eigentlich: viel schneller als ursprünglich gedacht!) mit dem Impfen begonnen werden kann, dann wächst wirklich die Hoffnung, dass im nächsten Jahr Corona mehr und mehr seinen Schrecken verliert. Aber bis es soweit ist, wird es noch dauern. Hoffnung braucht die Geduld. Zuversicht lehrt uns das Warten.

Ich hoffe darauf, dass die schützende Impfung nun bald auch das Seniorenheim erreicht, in dem meine Mutter lebt. Ich bin zuversichtlich, dass dann dort und in allen anderen Heimen wieder mehr Normalität einzieht und endlich Besuche leichter möglich sein werden. Es kann nur besser werden. Aber noch immer heißt es: Abwarten.

Der Sonntag heute passt dazu. Zuversicht und Warten sind sein Thema. Am ersten Sonntag nach Weihnachten erzählen sich Christen nämlich die Geschichte vom alten Simeon. Jeden Tag wartet er im Tempel. Alt ist er geworden und grau. Doch seine Augen sind jung geblieben und leuchtend in die Ferne gerichtet. "Das Beste kommt noch", glaubt und hofft der alte Simeon ganz fest. "Du spinnst!" sagen die einen. "Hör doch auf. Es wird sich nichts ändern." Freunde haben sich kopfschüttelnd abgewandt, andere sind verbittert gestorben. Leise, geduldig wartet Simeon trotzdem weiter auf seinem Platz im Tempel und vertraut auf Gott, der sein Volk nicht vergisst. Jahr um Jahr, Tag um Tag. Als Maria und Josef den neugeborenen Jesus in den Tempel bringen, um ihn dort segnen zu lassen, nimmt der alte Simeon das Kind in den Arm. Er blickt es an in plötzlichem Erkennen und weiß auf einmal: Er hat nicht vergeblich gewartet. Und auch wenn dieses Kleine schwach ist und so ganz anders, als erwartet – Simeon singt vor Glück: "Meine Augen haben den Heiland gesehen!"

Seelenruhig darauf vertrauen, dass das Beste noch kommen wird. So hat der alte Simeon sein Leben lang gelebt – und am Ende Jesus selbst, den Heiland, in den Armen gehalten. Eine schöne Geschichte aus der Bibel ist das, aber mir selbst liegt solch eine Lebenshaltung oft fern. Ich kann und will nicht wie Simeon geduldig im Tempel sitzen und auf ein fernes Happy End warten.

Ich bin ungeduldig, möchte etwas tun, mein Schicksal in die Hand nehmen, will, dass alles klappt und funktioniert und gelingt. Ich ärgere mich, wenn etwas schiefgeht. Ich bin enttäuscht, wenn Pläne scheitern. So wie in diesem Jahr. Es hat mich zutiefst verunsichert, als plötzlich im Frühjahr nichts mehr ging. Als zum ersten Mal die Geschäfte, die Restaurants, Theater, Kinos dicht gemacht haben. Als sogar Kirchentüren verschlossen blieben und dann auch die Veranstaltungen und Tagungen abgesagt werden mussten, für die ich selbst als Pfarrer und Referent im Landeskirchenamt verantwortlich bin.

Na klar, im Sommer wurde es besser, da ging dann Manches wieder, da konnte man für einige Wochen fast vergessen, was eigentlich los war. Aber dann kam die zweite Welle – und jetzt sitzen wir schon wieder seit Wochen im Lockdown und ich blicke im Homeoffice auf das Pappschild im Regal gegenüber: "Das Beste kommt noch"? – Mit Blick auf die Infektions- und Todeszahlen klingt dieser Spruch schon fast wie Hohn: Wartet‘s nur ab, was da alles noch passieren mag! Das "Beste" kommt erst noch!

Schluss damit. Ich atme tief durch. Ich weiß, dass es so nicht gemeint ist. Die goldenen Buchstaben auf dem Werbe-Pappschild sagen mir etwas anderes. Sie erinnern mich an Simeon, der so wunderbar seelenruhig abwarten konnte. Dieser alte Mann im Tempel von Jerusalem, der sich Tag für Tag Zeit genommen hat, für einen zuversichtlichen Blick nach vorn.

Dafür will auch ich mir nun Zeit nehmen. Dafür will ich gerade diese besondere Zeit zwischen den Jahren nutzen. Ich will mich nicht mehr darüber ärgern, dass ich heute am sozusagen "dritten Weihnachtsfeiertag" nicht wie sonst immer mit Freunden ins Kino und danach noch einen Glühwein trinken gehen kann. Ich will nicht über geplatzte Skiurlaubspläne lamentieren oder darüber grübeln, ob die für Ende Januar geplante Tagung womöglich ausfallen muss oder digital über Video stattfinden kann. – Ich will mir ganz bewusst Zeit nehmen wie Simeon. Zeit für die Zuversicht.

Zeit. Nicht um zu jammern oder um sich Sorgen zu machen. Nein. Zeit für das Hoffen, Zeit für die Zuversicht will ich mir nehmen. Vielleicht ist es genau das, was uns diese besonders stillen Tage zwischen den Jahren nun schenken können. Auszeit. Zwischenzeit. Schon seit alters her ist die Zeit nach Weihnachten bis zum Beginn des neuen Jahres eine irgendwie besondere Zeit. Niemandsland auf dem Kalender. Im Mittelalter endete das alte Jahr nach kirchlicher Tradition bereits mit dem 24. Dezember und begann das neue Jahr dann erst mit dem 6. Januar. Unterschiedliche Konfessionen und Kalenderreformen sorgten für manch unterschiedliche Zählung. Das spielt heute eigentlich keine Rolle mehr. Trotzdem ist diese Zwischenzeit geblieben. Diese kleine Atempause.

Wie auf den Schweizer Bahnhofsuhren, über die ich in meinem Adventskalender gelesen habe.Ihre Sekundenzeiger bleiben regelmäßig für einen kurzen Moment stehen. Schon 1944 wurde nämlich beschlossen, dass alle Bahnhofsuhren in der Schweiz synchron laufen sollen. Dafür benötigten sie den Impuls von einer Hauptuhr. Die Übertragung eines solchen Impulses hat damals anderthalb Sekunden gedauert. So läuft seither der rote Sekundenzeiger in nur 58 ½ Sekunden einmal herum und verharrt dann auf der Zwölf-Uhr-Position, bis der Zeitimpuls kommt und die nächste Minute anbricht. Der Lauf der Zeit scheint kurz stillzustehen. Die Schweizer Bahnhofsuhr schenkt dem Reisenden, der zu ihr aufblickt, eine kleine Atempause, sie hetzt ihn nicht, sie lässt ihn mit Gelassenheit unterwegs sein.

Der alte Simeon kannte keine Fahrpläne oder Sekundenzeiger. Dafür wusste er: Meine Zeit steht in Gottes Händen. Das ließ ihn ruhig und gelassen werden. Auch meine Zeit halte ich nicht in den eigenen Händen. Das habe ich in diesem Corona-Jahr wohl deutlicher gespürt denn je. So wenig habe ich unter Kontrolle, so vieles liegt nicht in meiner Macht. Doch das soll mich nicht länger ärgern und bange machen. Ich möchte mich nicht hetzen lassen, ich will gelassen aus diesem Jahr hinüber ins nächste wandern. Im Vertrauen auf Gott, der dem alten Simeon als Baby in den Armen lag und der auch mir als Kind in der Krippe ganz nah gekommen ist, will ich die Zuversicht wagen und das Warten lernen. Zum Beispiel auf die Impfung für meine Mutter und alle anderen, die sie jetzt so dringend nötig haben. Denn die Verheißung, die in goldenen Großbuchstaben auf meinem Pappschild von der Bank-Reklame prangt, ist ohnehin viel größer als alles Glück oder Unglück dieser Welt: "Das Beste kommt noch!" Gott sei Dank.

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