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"Sind so kleine Hände"
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"Sind so kleine Hände"

Dr. Ansgar Wucherpfennig
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Dr. Ansgar Wucherpfennig,

Jesuitenpater, Professor für Neues Testament und Rektor der Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt
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„Für meine Kinder, für alle Kinder und erst recht für Erwachsene“ - so sagte die Liedermacherin Bettina Wegner damals ihr Lied „Kinder“ an. Sie kam aus der Widerstandsbewegung in der DDR. 1978 war das Lied ihr größter Erfolg, wir haben es wie eine Hymne gesungen: „Sind so kleine Hände, winzge Finger dran, … sind so kleine Füße, mit so kleinen Zehn, … sind so klare Augen, die noch alles sehn…“. Später hat Bettina Wegner in einem Interview erzählt, wie das Lied entstanden ist.

Sie fuhr auf Tournee mit einem Zug, weil das Auto voller Instrumente war. Es stieg ein dicker Mann ein mit einem Diplomatenkoffer. Er setzte sich ihr gegenüber und tippte die ganze Fahrt lang immer mit seinen dicken Fingern auf dem Koffer herum. „Ick hab‘ nüscht gegen Dicke“, sagt sie in ihrem Ostberliner Dialekt. Aber dieser Mann sah einfach so aus, als ob er kein glückliches Leben führt, nicht fröhlich, nicht ausgeglichen, nicht in seiner Mitte. Und das ständige Trommeln seiner Finger auf dem Koffer war für Bettina Wegner wie eine Bestätigung. „Und dann hab‘ ich mir gedacht,“ sagt sie: „Was ham‘ se nur mit dem gemacht! Der war ja mal ein ganz kleines Baby, und da hab ich natürlich an meine Kinder gedacht.“

Und so ist während der Bahnfahrt langsam ihr ganzes Lied entstanden. Als sie ausstieg, war der Text fertig: „Sind so kleine Hände, winzge Finger dran, darf man nie drauf schlagen, sie zerbrechen dann.“

Mit den Erfahrungen tausendfacher Gewalt an Kindern in der Kirche, aber auch an vielen anderen Orten, hat das Lied für mich eine neue Bedeutung bekommen. Vielen wurde die Seele und das Rückgrat gebrochen. Gerade deshalb bedeutet mir das Lied wieder so viel: Es singt davon, was für ein kostbarer Schatz Kinder sind! Ihre klaren Augen darf man nicht verbinden, ihre Ohren nicht zerbrüllen, den Mund darf man ihnen nicht verbieten - und ihre Seelen niemals quälen.

An Weihnachten feiern Christen, dass Gott selbst als ein solch kleines Kind unter Menschen geboren und aufgewachsen ist. In neun Monaten ist es schon wieder so weit. Heute, am 25. März, feiert die Katholische Kirche deshalb das Fest „Verkündigung des Herrn“. Sie feiert auch Maria, die Frau, die dieses Kind als Mutter neun Monate unter ihrem Herzen getragen und zur Welt gebracht hat.

In den letzten beiden Strophen wünscht sich Bettina Wegner in ihrem Lied Menschen mit Rückgrat. Es muss schon in den Kindern wachsen: „Ist so‘n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht. Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht. Grade, klare Menschen, wärn ein schönes Ziel. Leute ohne Rückgrat hab'n wir schon zuviel.“ Auch ich wünsche mir Menschen mit Rückgrat. Und ich hoffe, dass ich auch selber Rückgrat beweisen kann, wenn es gefragt ist. Ich glaube: Wenn Gott in und unter uns auch heute Mensch wird, dann wird es in Menschen mit Rückgrat sein. Und ich bete, dass Kindern und Erwachsenen das Rückgrat nicht mehr gebrochen wird.

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