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Ohren für Gott haben
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Ohren für Gott haben

Winfried Engel
Ein Beitrag von Winfried Engel, Ltd. Schulamtsdirektor i. K. i. R., Fulda
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Was hat Sie heute Morgen geweckt, welche Geräusche, welche Töne haben Sie nach dem Aufwachen zuerst gehört? Waren es Geräusche von fahrenden Autos oder vielleicht Vogelstimmen? Oder irgendetwas anderes? - Wie immer sie antworten mögen, fest steht: Wir leben in einer Welt voller Töne und Geräusche. Es gibt kaum einen Ort, geschweige denn eine Tageszeit, wo es richtig still ist. Irgendetwas hört man immer. Und die Bandbreite des zu Hörenden ist groß: Laufgeräusche von Geräten oder Lärm von Autos, Eisenbahn, Flugzeugen, dazu die von mir selbst gewählten akustischen Reize, Radio, Fernsehen, Handy oder was immer es sein mag. Und dennoch gibt es bestimmte Geräusche, die hört man aus allem heraus, selbst dann, wenn sie für das Ohr anderer Zuhörer kaum erkennbar und schon gar nicht auffällig sind. Das beste Beispiel hierfür scheint mir die menschliche Stimme zu sein. Wer hat es nicht schon erlebt, dass er die des geliebten Menschen, des Freundes, des Kindes, wohl auch die eines unsympathischen Mitmenschen herausgehört hat aus der Fülle anderer? Oder auch anders, dass man die Stimme eines vertrauten Menschen kaum wiedererkennt, weil er oder sie von Krankheit gezeichnet ist. Die Stimme ist wie ein besonderes Signal, bei dessen Ertönen unser Inneres ganz empfindsam reagiert, so, als ob gleichsam eine Antenne auf diesen Empfang genau eingerichtet ist. Wohlbefinden oder auch Angst verbinden sich damit, auch Vertrauen und Zuneigung. Das beginnt bei der Stimme von Menschen, die wir gar nicht persönlich kennen. Die Stimme aus dem Radio zum Beispiel kann zum vertrauten Gegenüber werden. Sie kann Nähe vermitteln, kann eine zwischenmenschlich gute Atmosphäre schaffen. Ein anderes Beispiel sind Babys oder kleine Kinder. Die Stimme der Mutter oder des Vaters oder einer anderen Bezugsperson schafft es, momentan Schmerz zu lindern, zu beruhigen, Angst zu nehmen. Irgendwie scheint die Empfindsamkeit für Signale, wie sie die menschliche Stimme aussendet, im Menschen angelegt zu sein.
Bei Babys und kleinen Kindern funktioniert das noch automatisch. Doch mit dem Älterwerden nimmt das ab. Woran mag das liegen? Vielleicht daran, dass die Sensibilität des Gehörs für solche Schwingungen nachlässt? Es könnte auch sein, dass die Fülle der Geräusche, die ich mir zumute, genau solche Töne zudeckt. Ich verlerne, auf Feinheiten zu achten, spüre nicht mehr den heilenden oder wärmenden Unterton, der in der Stimme des geliebten oder vertrauten Menschen mitschwingt. Schade ist das, möchte ich sagen. Denn auch Jugendlichen und Erwachsenen kann es gut tun, in schwieriger Lage eine vertraute Stimme zu hören, eine Stimme, die einfach durch ihren Klang Mut macht oder Vertrauen schenkt. Kann ich etwas tun, damit meine Wahrnehmung dafür offen bleibt?

Eine Geschichte erzählt, wie ein Indianer einen weißen Mann besuchte. "In einer Stadt zu sein, mit dem Lärm der Autos und den vielen Menschen - all dies istganz neuartig und auch verwirrend für ihn. Die beiden Männer gehen die Straße entlang, als plötzlich der Indianer seinem Freund auf die Schulter tippt und ruhig sagte: `Hörst du auch, was ich höre?´ Der Freund horcht und sagt: `Alles, was ich höre, ist das Hupen der Autos und das Geräusch der Omnibusse.´ `Ich höre ganz in der Nähe eine Grille zirpen,´ sagt der Indianer. `Du musst dich täuschen; hier gibt es keine Grillen. Und selbst, wenn es eine gäbe, würde man ihr Zirpen bei dem Lärm nicht hören.´ Der Indianer geht ein paar Schritte und bleibt vor einer Hauswand stehen. Wilder Wein rankt an der Mauer. Er schiebt die Blätter auseinander - und da sitzt tatsächlich eine Grille. Der Weiße sagt: `Indianer können eben besser hören als Weiße.´ Der Indianer erwidert: `Da täuschst du dich. Ich will es dir beweisen.´ Er wirft ein Geldstück auf das Pflaster. Es klimpert auf dem Asphalt, und Leute, die mehrere Meter entfernt gehen, werden auf das Geräusch aufmerksam und sehen sich um. `Siehst du´, sagt der Indianer, `das Geräusch, das das Geldstück gemacht hat, war nicht lauter als das der Grille. Und doch hörten es viele der weißen Männer und Frauen. Der Grund liegt darin, dass wir alle stets das gut hören, worauf wir zu achten gewohnt sind.´"[1]
Sicher hat sie recht, diese Geschichte, und sie klagt in gewisser Weise auch an. Wir Menschen haben das Hören verlernt, wir haben unsere Empfindsamkeit auf das Materielle eingeschränkt. "Geld regiert die Welt", heißt ein Sprichwort. Immer wieder kann man die Erfahrung machen, dass Sachverhalte sich leichter regeln lassen, wenn Geld im Spiel ist. Erst wenn es etwas kostet, folgt meist auch eine Reaktion. Nun ist das Geld nur ein Beispiel für die Herrschaft des Materiellen. Ihm zur Seite stehen andere Güter oder auch Gewohnheiten, die die Wahrnehmung abstumpfen lassen. Es hat den Anschein, als ob nicht wenige Zeitgenossen für vieles ausgezeichnete Ohren haben und dass sie für anderes geradezu schwerhörig sind. Ich meine damit die Wahrnehmung von Signalen, die unser menschliches Miteinander und unser Menschsein betreffen. Ich meine aber auch die Offenheit für das Religiöse, ja für die Stimme Gottes im täglichen Leben und in dieser Welt. Immer wieder gibt es Umfragen, die den Glaubensschwund in heutiger Zeit und die Zunahme von Gottlosigkeit belegen. Nach dem warum, nach Erklärungen wird gefragt. So auch, ob vielleicht das Wort Gottes heute nicht mehr hörbar ist? Oder ob es eher daran liegt, dass man auf seine Stimme nicht mehr achtet?

Gott wahrnehmen und seine Stimme hören war noch nie leicht. Nicht selten mussten die Menschen erst darauf gestoßen werden, dass er zu ihnen spricht. Die Bibel liefert dafür verschiedene Beispiele. Ein solches ist der Prophet Elija. Als er sich enttäuscht und niedergeschlagen in eine Höhle zurückgezogen hat, fordert ihn der Gott Jahwe auf, aus der Höhle herauszukommen und sich vor den Herrn zu stellen. So steht er auf und wartet. Sicher hat er mit einem gewaltigen Auftreten seines Gottes gerechnet, so jedenfalls hatte es die ihm bekannte Überlieferung nahegelegt. Der biblische Text berichtet: „Da zog der Herr vorüber: Ein heftiger, starker Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.“ (vgl. 1 Kön 19,11-14) Man spürt geradezu die Enttäuschung, die sich langsam bei Elija breit macht. Und dann kommt er doch noch. Dass der gewaltige Gott nach dem sanften Säuseln zu ihm spricht, damit hatte Elija wohl nicht gerechnet, Wenn Gott sich nicht eigens angekündigt hätte, hätte  Elija ihn womöglich sogar überhört.
Diese biblische Geschichte macht unter anderem deutlich, dass Gott sich nicht festlegen lässt. Ich muss immer mit ihm rechnen. Er kann mich ganz anders ansprechen, als ich es erwarte. Und da bin ich wieder beim Hören, in einem eher umfassenden Sinn. Wenn ich mein Gehör, meine Wahrnehmung nicht entsprechend schule, dann kann ich Gott leicht überhören. So wie in der Erzählung die Stadtmenschen das Zirpen der Grille. Gott hat eine frohe Botschaft für jeden Menschen. Sie mischt sich Tag für Tag unter die vielfältigen Geräusche, die uns umgeben. Sie will jeden einzelnen erreichen, ganz persönlich. Sie will ihm sagen: Ich weiß, dass es Dich gibt, und ich bin für Dich da. Diese Botschaft wird auch gehört. Viele Menschen nehmen sie auf wie die Stimmen, die ihnen wohl vertraut sind. Und das liegt sicher nicht daran, dass sie besser hören können als andere. Sie haben ihre Ohren einfach besser geschult und halten sie weit geöffnet. Und für die, die es nicht mehr gewohnt sind, besondere Töne wahrzunehmen und auf die Stimme Gottes zu achten, gilt: Das kann man ändern!

[1] zit. nach: Besinnung am Morgen, VUD Verlag u. Druck GmbH, Freudenstadt-Grüntal (ISBN 3-923719-33-7) Blatt 15

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