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Nobody Knows The Trouble I've Seen
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Nobody Knows The Trouble I've Seen

Dr. Annegreth Schilling
Ein Beitrag von

Dr. Annegreth Schilling,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt
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Vor ein paar Wochen habe ich ein Webinar besucht. In Corona-Zeiten finden ja viele Seminare und Workshops online statt. In diesem Webinar stellte die Kursleiterin die Frage: Wann hast Du zum ersten Mal bemerkt, dass deine Hautfarbe für dein Leben einen Unterschied macht? Ich starrte auf den Bildschirm und sah, wie sich meine Stirn in Falten legte. Mein Gesicht sah durch den Monitor eher fahl als rosig aus.

"Wann wurde mir bewusst, dass ich Weiß bin?"

Ich hab‘ überlegt: Wann wurde mir bewusst, dass ich Weiß bin? Und dass meine Hautfarbe einen Unterschied macht, wie ich mein Leben lebe und erlebe?

Vor sechs Jahren lebte ich für ein halbes Jahr in New York und hab‘ an einem theologischen Seminar in Manhattan gearbeitet. Es war ein traumhafter Herbst. Bis Anfang Oktober war es spätsommerlich warm, und nach und nach färbten sich die Blätter in den schönsten Farben. Ich genoss es, durch den Central Park zu spazieren und bestaunte die Natur in ihrem farbfrohen Herbstkleid.

"Nobody knows the trouble I’ve seen"

Jeden Tag gab es in dem theologischen Seminar eine Mittagsandacht. Ein Gebet, eine kurze Unterbrechung mitten am Tag. An einem Mittag im Oktober war ich auf dem Weg zur Kapelle, als ich schon von weitem Musik hörte. Ein schlichtes Lied. Die Töne zogen mich immer weiter heran, bis ich endlich davor stand: Die Türen zur Kapelle waren geöffnet, ein junger Afroamerikaner stand vorn in der Kirche und sang ins Mikrophon: NobodyknowsthetroubleIveseen. NobodyknowsbutJesus. Voller Hingabe sang er. NiemandkenntdasLeid, dasichgesehenhabe,niemand, nurJesus.

Louis Armstrong hat das Lied bekanntgemacht

Ich kannte das Lied. Louis Armstrong, der afroamerikanische Sänger und Jazz-Trompeter, hat das Lied weltweit bekannt gemacht. Damals klang das so:

Nobody knows the trouble I've seen
Nobody knows my sorrow
Nobody Knows the trouble I've seen
Glory Halleluja

Spirituals - die Lieder der Sklaven

Nobody knows the trouble I’ve seen gehört zu den bekanntesten amerikanischen Spirituals. Es ist eines der Lieder, die schwarze Menschen als Sklaven in den USA auf den Feldern bei ihrer Arbeit sangen. Viele Spirituals erzählen davon, wie es ist, wegen der eigenen Herkunft und Hautfarbe unterdrückt zu werden. Es sind Lieder von Sklaven, von Menschen, die sich nicht selbst gehören, von Menschen, deren Freiheit von anderen eingeschränkt wird. Die Verfasser der Spirituals sind oft unbekannt; die Lieder wurden mündlich von Generation zu Generation weitergegeben.

"Niemand kennt das Leid, das uns Schwarzen wegen unserer Hautfarbe seit Jahrhunderten zugefügt wird"

Und nun hörte ich diesen Song viele Jahre später live in New York. Ich stand an der Tür zur Kapelle und sah und hörte, wie der junge Mann sang. Dann hat er auf einmal sein Lied unterbrochen und gesagt: Er sei gerade aus Ferguson im Bundesstaat Missouri zurückgekommen. Dort war wenige Wochen zuvor Michael Brown, ein junger Schwarzer, von der Polizei erschossen worden. Und dann sagte er weiter: „Niemand kennt das Leid, das uns Schwarzen wegen unserer Hautfarbe seit Jahrhunderten zugefügt wird. Ich lebe, seit ich denken kann, mit dieser Anspannung: Ich könnte der Nächste sein. Diese Sorge teile ich mit Euch. Und ich lege sie mit diesem Lied in Gottes Hand.“

Die Hautfarbe macht einen Unterschied

Das Bild von diesem jungen Mann, der seine Erfahrungen in dieses Lied legt, hat mich nicht losgelassen. Wenn ich mich an einen Moment erinnere, in dem mir bewusst geworden ist, meine Hautfarbe macht einen Unterschied, wie ich mein Leben lebe und erlebe, dann war das an diesem Mittag mitten in New York. Als weiße Frau stand ich am Eingang der Kapelle und hörte einfach nur zu.

Sometimes I'm up, sometimes I'm down,
oh yes, Lord
Sometimes I'm almost to the ground
oh yes, Lord

Wann hast du zum ersten Mal bemerkt, dass deine Hautfarbe einen Unterschied macht? Bei mir war das im Oktober vor sechs Jahren, als ich in New York mittags in einer Kapelle einen jungen Afroamerikaner singen hörte. Das Lied und seine Geschichte haben mich getroffen. Seitdem trage ich die Frage mit mir herum. Ich bin sensibler geworden, wenn ich People of Color, also Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe begegne.

"Es ist für sie eine ungeheure Last, sich als Mensch immer über die eigene Hautfarbe zu definieren"

Ich kann nur erahnen, welchen Anfeindungen sie auch hier in Deutschland ausgesetzt sind. Wie sie fast täglich damit konfrontiert werden: Du siehst anders aus. Klar: Das ist nicht immer offener Rassismus. Das begegnet oft eher zwischen den Zeilen. Eine Bekannte, deren Vater aus Pakistan stammt, hat mir erzählt, sie wird oft gefragt: Woher kommst Du?. Und wenn sie dann sagt: Ich komme aus Offenbach, dann fragen die Leute zurück: Ja, aber ich meine eigentlich. Woher kommst du eigentlich? – Sie weiß, das ist meistens nicht böse gemeint. Aber es ist für sie eine ungeheure Last, sich als Mensch immer über die eigene Hautfarbe zu definieren. Das kann ganz schön runterdrücken.

In dem Spiritual heißt es in der zweiten Strophe:Manchmal bin ich oben, manchmal bin ich unten. Manchmal bin ich ganz am Boden.

Wo bleibt die Vielfalt bei der Gestaltung der Gottesdienste?

Als Pfarrerin in Frankfurt habe ich mit Menschen unterschiedlicher Herkunft zu tun. Vor allem in der Seelsorge, wenn sie jemanden brauchen, um sich im Leben zu orientieren, dann bin ich für sie da und höre zu. Allerdings ist mir aufgefallen: Wenn wir Gottesdienste feiern, dann sind fast alle, die den Gottesdienst vorbereitet haben oder mitgestalten, Weiß. Und ich habe mich gefragt: Wo bleibt die Vielfalt, die mir sonst täglich begegnet?

Auf Menschen zugehen

Ich habe daraufhin Sorèl angesprochen. Sie ist Mitglied im Kirchenvorstand und besucht regelmäßig die Gottesdienste. Als junge Frau ist sie aus Kamerun nach Deutschland gekommen und arbeitet in einem Unternehmen in Frankfurt. Ich habe sie gebeten, ob sie das Abendmahl mit austeilen möchte. Ein Stück Brot, das Christinnen und Christen daran erinnert, dass Jesus unter uns ist. Sorèl hat sich sehr gefreut und hat sofort zugesagt: Ja, das mache sie gern. Sehr gern sogar.

Als ich Sorèl nach ein paar Wochen wiedersah, unterhielten wir uns darüber, wie es für sie war, das Abendmahl im Gottesdienst mit auszuteilen.

Eine tolle Erfahrung

Und sie sagte mir: „Es war so ein besonderer Moment für mich. Denn ich wusste ja nicht, ob die Leute das Brot von mir nehmen wollen. Von mir – weil ich schwarz bin.“ Und sie sah mich an und sagte: „Ich konnte es kaum glauben: Sie haben es von mir genommen. Den Leib Christi. Und sie haben ‚Amen!’ gesagt, oder ‚Danke!’. Das hat mich unglaublich glücklich gemacht. Ich musste es sofort meinen Freunden erzählen. Sie haben sich alle sehr mit mir gefreut.“

"Das sind kleine und große Wunden, die nur langsam verheilen"

Was Sorèl erzählt, hat auch mit dem Spiritual zu tun. Niemand kennt das Leid, das ich gesehen habe, niemand kennt es, nur Jesus. Ich kann nur erahnen, welche unangenehmen Erfahrungen Sorèl schon machen musste wegen ihrer Hautfarbe. Wie sie immer wieder darauf hingewiesen wird: Du bist anders. Das sind Erfahrungen, die sich nicht einfach ablegen lassen. Das sind kleine und große Wunden, die nur langsam verheilen.

"Durch meine weiße Hautfarbe bin ich privilegiert"

Meine Hautfarbe macht einen Unterschied, wie ich das Leben lebe und erlebe. Durch meine weiße Hautfarbe bin ich privilegiert. Das habe ich in New York erfahren, als ich den jungen Afroamerikaner singen hörte. Meine Gespräche als Pfarrerin in Frankfurt und mit der Kirchenvorsteherin Sorèl bestärken mich, sensibel für den alltäglichen Rassismus zu sein.

Man muss sensibel für den alltäglichen Rassismus sein

Doch ich will nicht dabei stehen bleiben, nur den Unterschied von Hautfarben zu sehen. Ich will beginnen, Lebensgeschichten zu teilen und weiterzugeben. So wie das Spiritual von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Das Lied kann sich dann auch für meine Erfahrungen öffnen. Da kann ich auch als weiße Frau davon erzählen, wo ich unsicher bin, ich verzweifelt war, wo ich am Boden zerstört war und Hilfe brauchte.

Lebensgeschichten miteinander teilen, um Gott ganz nah zu spüren

Ich glaube: Wenn wir Lebensgeschichten miteinander teilen, Geschichten aus den Höhen und Tiefen des Alltags, als Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe, dann kann ich Gott ganz nah spüren. So wie damals in der Mittagspause in New York. Dann ist ein Stück Himmel auf Erden.

Nobody knows the trouble I've seen
Nobody knows my sorrow
Nobody Knows the trouble I've seen
Glory Halleluja.

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