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Am Bildschirm: Sichtbares und Unsichtbares
Bildquelle: pixabay

Am Bildschirm: Sichtbares und Unsichtbares

Prof. Dr. Markus Tomberg
Ein Beitrag von Prof. Dr. Markus Tomberg, Professor für Religionspädagogik, Fulda und Marburg
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Videos wie dieses gehen viral: Da sitzt ein junger Mann vor dem Computer. Offensichtlich hoch konzentriert und aufmerksam. Dann flackert das Bild, es bewegt sich und fällt um. Und dann gibt die Kamera die Sicht auf die wirkliche Situation frei. Hinter einem Foto, das ihn als aufmerksamen Studenten zeigte und das passgenau für die Kamera positioniert war, taucht jemand auf, der es sich gut gehen lässt.

Der Verdacht begegnet immer wieder: Schülerinnen und Schüler im Online-Unterricht, Studierende bei der Online-Lehre tun nur so, als ob gelernt und gearbeitet würde. Manche haben daraus starke Argumente für Präsenzunterricht und Präsenzlehre abgeleitet. Als ob Kinder und Jugendliche (und nicht nur die) nicht auch im Klassenzimmer und Seminarraum unaufmerksam sein könnten!

Der Verdacht hat aber einen realen Kern: Die Kamera zeigt immer nur einen Ausschnitt. Sie macht sichtbar, aber sie lässt auch unsichtbar. Da kommen Fragen auf wie diese: Darf ich in der Jogginghose im Home-Office arbeiten?

Sichtbares und Unsichtbares: Kameras machen auf etwas aufmerksam, was menschliches Leben ausmacht. Da gibt es das Sichtbare, das bewusst Inszenierte, das nur ungern Gezeigte. Da gibt es die Gefahr, aufgrund von sichtbaren Merkmalen eingeordnet, sogar aussortiert, rassistisch beleidigt zu werden. Und da ist Unsichtbares, anderen, manchmal sogar uns selbst Verborgenes, da sind heimliche Schätze und tiefe Wunden. Da sind Verzweiflung, Sehnsüchte und Hoffnungen.

Die Kamera gibt uns ein Stück Souveränität darüber zurück, was wir präsentieren, was wir sichtbar machen wollen. Aber sie kann uns diese Souveränität auch nehmen: wenn unvorteilhafte Bilder ohne unsere Zustimmung gemacht und verbreitet werden.

Die Kamera am Smartphone oder Computer: sie lässt sich ausschalten oder abkleben, um unsichtbar zu bleiben. Die Lebensherausforderung bleibt: Unsichtbares gibt es, weil und wo es Sichtbares gibt. Wir sehen immer nur Ausschnitte, nie das Ganze.

Und das ist gut so. Denn der Blick auf das Ganze: der ist nur erträglich, wenn er wohlwollend ist. Wenn er die Verwundungen nicht tiefer macht, sondern heilt. Der Blick auf das Ganze – erträglich ist der nur als Blick eines guten Gottes.

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