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Wo mir Gott begegnet
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Wo mir Gott begegnet

Anke Haendler-Kläsener
Ein Beitrag von

Anke Haendler-Kläsener,

Evangelische Krankenhauspfarrerin, Flieden
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Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich euch: Freuet euch! Der Herr ist nahe! so heißt der biblische Impuls für den heutigen 4. Advent. Freut euch. Der Herr ist nahe. Wenn ich das höre, spüre ich, wie die Vorfreude sich in mir ausbreitet. Seit drei Wochen bereite ich mich auf dieses Fest vor. Jetzt ist der Höhepunkt fast erreicht. Die Vorfreude rieselt langsam in mich hinein wie Puderzucker beim Backen, wie Goldstaub. Freut euch. Der Herr ist nahe.
Und trotzdem gehen mir heute nur einen Tag vor Weihnachten auch andere Gedanken durch den Kopf.

Noch einmal schlafen, dann ist Heiligabend. Morgen wird´s ernst. Ob ich alles besorgt habe? Ich hatte mir so viel vorgenommen für diese Adventszeit. Hoffentlich reichen die selbstgebackenen Weihnachtsplätzchen. Das Haus noch mal bis in den letzten Winkel durchsaugen. Hoffentlich habe ich niemanden vergessen beim Weihnachtskarten schreiben. Die Räume dekorieren. Mir raucht der Kopf…

Morgen kommen die Kinder nach Hause, und ich möchte gern, dass sie es hier gemütlich haben. Heute also noch schnell Betten beziehen und Handtücher rauslegen. Hoffentlich freuen sich alle und sind guter Laune. (Und ganz wichtig: heute Abend den Baum aufstellen. Er soll sich schon mal senken, damit wir ihn morgen schmücken können.
Morgen muss ich dann auch noch kochen. Kartoffelsalat und Würstchen wie immer? Oder vielleicht doch lieber was Feineres – jetzt wo der neue Schwiegersohn kommt? Da will ich mich ja nicht blamieren. Ob der solche Familienfeste überhaupt mag?
Letztes Jahr hatten wir eine lange Diskussion, wie wir es mit dem Gottesdienst halten. Früher als die Kinder noch klein waren, da war das leichter. Da haben wir sie einfach warm eingepackt und sind zusammen zum Krippenspiel gegangen. Strahlende Gesichter. Aber heute müssen wir das diskutieren. Sie sollen es ja auch nicht nur mir zuliebe tun. Obwohl… das eine Mal im Jahr… da könnten sie sich doch einen Ruck geben, finde ich.

Früher wusste ich auch, sie freuen sich über ihre Geschenke. Da war das alles einfacher. Hoffentlich ist mir das gelungen, und ich hab das richtige ausgesucht. Wenn sie überrascht sind und lächeln, dann geht mir das Herz auf. Ja, das ist eigentlich das, was ich mir wirklich wünsche: dass wir es schön haben und ein harmonisches Fest zusammen feiern. Und dass wir auch etwas spüren von dem, worum es zu Weihnachten eigentlich geht.

Darauf liegt aber ein ganz schöner Druck. Es ist kompliziert geworden, aber kein Vergleich zur Situation von Maria und Josef. 

Musik 1 G. F. Händel, Concerti grossi op. 6, Largo

Ein Tag vor Weihnachten. Anspannung und Sorge. Ich drehe die Uhr zurück und schaue mal, wie es Maria und Josef einen Tag vor Weihnachten ergeht. Sie haben die Anweisung erhalten, sie müssen sich auf den Weg machen von Nazareth nach Bethlehem. Jeder muss zur Volkszählung in dem Ort erscheinen, in dem er geboren ist. Deshalb muss Josef nach Bethlehem und seine junge Frau mit ihm. Dass sie schwanger ist, zählt nicht. Das interessiert niemanden. Und so machen die beiden sich auf den Weg. Zu Fuß sind sie unterwegs mitten durch den Staub. Vielleicht kann Maria ab und zu auf einem Esel reiten, aber auch das ist anstrengend und unbequem. Jede Bewegung, jeder Schritt tut ihr weh. Josef macht sich Sorgen um seine Frau. Ob sie das durchstehen wird? Die Geburt ihres Kindes steht ja unmittelbar bevor. Ein denkbarer unglücklicher Zeitpunkt für solch eine Reise.

Als sie endlich in Bethlehem ankommen, ist dort keine Unterkunft mehr zu kriegen. Alles überfüllt. Alles ausgebucht. Und allmählich scheint es doch ernst zu werden mit der Geburt. Maria wird immer blasser und ganz stumm. Und so zögern sie nicht lange, sondern greifen zu, als ihnen ein Stall in einer Höhle angeboten wird. Sie lassen sich nieder mitten zwischen den Tieren. Die riechen nicht besonders gut, aber sie strahlen Wärme aus. Maria kann sich endlich setzen und legen. Dann geht es bald los…

Davon will ich heute noch nicht erzählen. Die weitere Geschichte gehört zum morgigen Tag, zum Heiligen Abend. Deshalb heißt der Bibelspruch auch:  Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich euch: Freuet euch! Der Herr ist nahe! Er ist ganz nahe. Aber ganz da ist er eben noch nicht.

Was mir wichtig ist: Schon das allererste Weihnachten war nicht frei von Anstrengung und Sorge. Wenn ein Kind zur Welt kommt, dann geht das nicht ohne sich zu sorgen, ohne Schmerzen. Selbst wenn es sich um Gottes Sohn handelt, der da geboren werden soll. Auch er kommt unter Schmerzen zur Welt. Auch um ihn sorgen sich Vater und Mutter.

Das menschliche Leben ist zerbrechlich. Es steht in Gefahr. Dass es gelingt, ist nicht selbstverständlich. Das ist eine menschliche Urerfahrung. Und es braucht Menschen, die es schützen. Die da sind und sich verantwortlich fühlen. Bei Jesus waren es erst einmal seine Eltern. Schon auf dem Weg nach Bethlehem ist das so. Maria und Josef halten zusammen, obwohl ihr gemeinsamer Start alles andere als alltäglich ist. Josef muss erst einmal verdauen, dass er nicht der biologische Vater ist. Marias Kind stammt laut Aussage des Engels vom Heiligen Geist ab. Kurz hat er überlegt, Maria zu verlassen und sich aus dem Staub zu machen. Aber er bleibt und steht zu seiner jungen Familie. Er kümmert sich um die Mutter und ihr Kind. Und er beschützt sie. Maria ihrerseits zögert nicht, ihn auf seinem Weg nach Bethlehem zu begleiten. Die beiden halten zusammen und kriegen das schon irgendwie hin.

Wahrscheinlich hätten sie es sich anders gewünscht. Sie hätten ihren Sohn lieber in einer vertrauten Umgebung zur Welt gebracht. Da hätten Nachbarinnen oder sogar ihre Mutter Anna ihr geholfen. Aber sie lassen sich beide aufs Improvisieren ein. Sie nehmen mit dem vorlieb, was es in diesem Stall gibt. Und so gibt es wunderschöne Darstellungen, die die Geburt und den Aufenthalt im Stall fast wie eine Idylle erscheinen lassen. Darin ist etwas davon zu spüren, wie diese kleine Familie zusammenhält und sich gegenseitig stützt.

Der Stall ist sicher nicht der perfekte Ort für eine Geburt. Aber er ist der Ort, an dem Jesus geboren wird. Der Ort, an dem Gott zur Welt kommt.

Musik 2  G. F. Händel, Concerti grossi op. 6, Largo e piano

Der Ort, an dem Gott zur Welt kommt, ist kein perfekter Ort. Es ist ein Ort, an dem es zieht, an dem es kalt und ungemütlich ist. Maria und Josef hätten es sich anders gewünscht für ihr erstes Kind. Aber sie können es sich nicht anders aussuchen. So und nicht anders. Und so bleibt es bei diesem unvollkommenen Ort. Bei diesem Provisorium.
Und erstaunlich ist, was sie daraus machen. Obwohl das eigentlich falsch formuliert ist: Erstaunlich ist, was aus diesem Ort wird, weil Gott an ihm gegenwärtig ist. Jesus kommt zur Welt – und so wird der Ort verwandelt.

Das wünsche ich mir auch für mein Weihnachtsfest. Ich möchte gern Zeit verbringen mit Menschen, die mir wichtig sind. Lecker zusammen essen und trinken, unterm Baum Bücher lesen oder spielen. Ihnen Zeit widmen. Auch wenn ich das Vier-Gänge-Menü nicht schaffe und wir lieber beim Kartoffelsalat bleiben. Ein Provisorium. Darauf freue ich mich. Freuet euch, der Herr ist nahe.

Vielleicht traue ich mich auch, jemanden anzurufen, mit dem es noch Unstimmigkeiten gibt. Damit wir diesen Streit nicht mit ins neue Jahr nehmen. Danach sehne ich mich. Dafür darf ruhig auch ein bisschen Staub liegen bleiben. Ein unvollkommener Ort.
Jesus kommt zur Welt. Darauf warte ich.  

Ein Ort muss nicht perfekt sein, damit ich dort Gott begegnen kann. Ich muss nicht perfekt sein, damit Gott mir begegnen kann. Aber gerade weil vieles in meinem Leben unvollkommen ist, bin ich auf ihn angewiesen. Ich bin froh, wenn er in mir zur Welt kommt.

Musik 3  Windsbacher Knabenchor: Zu Bethlehem geboren 

Es gibt große Zeugen dafür, dass Gott sich gerade an düsteren Orten erfahren lässt. Einer, der mir ganz wichtig ist, ist Jochen Klepper. Er war evangelischer Theologe und Journalist in der Zeit des Nationalsozialismus. Schon früh hat er seine jüdische Frau Johanna geheiratet. Sie war verwitwet und bringt zwei Töchter mit in die Ehe. Das ist unter den damaligen Machthabern zunehmend schwierig. Er wird mehrfach zur Scheidung gedrängt. Weil das für ihn aber nicht in Frage kommt, ist es so, als zöge sich allmählich eine Schlinge um ihren Hals zusammen. Flucht und Exil können sie sich erst nicht vorstellen. Dann ist es dafür zu spät. Sie kommen nicht mehr aus Deutschland raus. Am Ende wissen Jochen Klepper und seine Familie keinen anderen Ausweg und nehmen sich zusammen das Leben.

Dunkel wird es in ihrem Leben. Und trotzdem ist diese Dunkelheit nie ausnahmslos dunkel. Der Glaube an Gott gibt ihnen Kraft bis zum letzten Tag, zur letzten Stunde. Sie sind verzweifelt, aber sie werfen ihren Glauben nicht über Bord. Gerade der gibt ihnen genug Kraft für alles. Er bewährt sich in dieser Zeit.

Jochen Klepper klammert sich an Gott fest und erlebt am eigenen Leibe: Es braucht keinen schönen, keinen perfekten Ort, um Gott zu begegnen. Gerade in den tiefsten Tiefen ist er da. In seinen Tagebuchaufzeichnungen sind noch die allerletzten Worte durchdrungen von dieser Hoffnung. „Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott. Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

Die Lieder, die Klepper hinterlassen hat, drücken genau das aus: Gott ist gerade da, wo es am dunkelsten ist.

Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheine
auch deine Angst und Pein.                   (EG 16,1)

Klepper setzt dem Dunklen und der Nacht große Hoffnungsbilder entgegen: Er hat erlebt, dass die Nächte seines Lebens überstrahlt werden vom großen Licht. Mitten in der Nacht hat er doch schon eine Ahnung davon, dass der Tag anbrechen wird. Noch während er weint, glaubt er daran, dass er froh ins Loblied einstimmen wird. Der Morgenstern wird ihm zum Bild für Christus. Dieser Stern scheint heller als alle Angst und Pein. Immer wenn ich dieses Lied singe, werde ich angesteckt von der tiefen Hoffnung. Angst und Pein sind nicht weggewischt, aber sie sind verwandelt.

„Auch wer zur Nacht geweinet“ – das können viele Menschen nachempfinden. Gerade in den Tagen vor Weihnachten. Wenn ich im Krankenhaus Menschen besuche, erzählen sie manchmal davon, wie lang ihnen die Nächte dort werden, wie sie schlecht schlafen, weil sich Sorgen breit machen. Dann bin ich dankbar dafür, solche Lieder mit ihnen teilen zu können. „Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.“

Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

Noch manche Nacht wird fallen
Auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.                     (EG 16,3+4)

Musik 4  Jürgen Essl, Die Nacht ist vorgedrungen

Gott begegnet mir da, wo ich mit meinem Latein am Ende bin. Das ist für mich eine ganz wichtige Weihnachtsbotschaft. Gott begegnet mir da, wo mein Leben nur ein Provisorium ist. Diese Erfahrung haben Menschen immer schon gemacht: Angefangen mit Maria und Josef, die ihrem kleinen Neugeborenen nichts anderes bieten können als stinkende Tiere und eine kalte Futterkrippe. Und trotzdem kommt Gott gerade dort zur Welt. Über viele Zeiten durch die Jahrhunderte, in denen Menschen immer wieder erfahren haben: Wenn ich am Boden bin, dann ist Gott mir ganz nah. Wenn es dunkel um mich herum scheint, dann macht er es wieder hell. Und es gilt bis heute. In meinem Provisorium kommt Gott zur Welt.
Das kann mich entlasten. Darum brauche ich es nicht aufzupolieren. Ich brauche mir keinen Stress zu machen heute am Tag vorm großen Fest. Sie darf sich in mir ausbreiten, die große überwältigende Weihnachtsfreude, denn morgen ist es soweit. Und das wünsche ich Ihnen auch: Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich euch: Freuet euch! Der Herr ist nahe!

Musik 5  G. F. Händel, Concerti grossi op. 6, Allegro

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