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Von unsichtbarer Hand geleitet
Bild: Pixabay

Von unsichtbarer Hand geleitet

Dr. Paul Lang
Ein Beitrag von

Dr. Paul Lang,

Diakon und Lehrer für Latein, Musik und Religion in Amöneburg
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Urlaub in einer fremden Stadt. Auf den Besuch habe ich mich seit langem gefreut. Ich habe mir überlegt, was ich anschauen will, ein Quartier ausgewählt und einiges gelesen.  Zu Fuß mache ich mich auf den Weg. Viele Leute sind unterwegs. Manche auf dem Weg zur Arbeit, andere zum Einkaufen. Sicher auch viele Touristen. Im Laufe des Tages werden sie mehr.
Irgendwann fällt es mir auf, seltsam: Ich sehe keinen Stadtplan; niemanden, der eine Karte ausbreitet oder im Reiseführer auf einen Plan schaut. Obwohl doch viele Personen auf den Straßen dieser verworrenen Stadt Touristen sein müssen. Braucht niemand einen Plan? Fast alle gehen alleine, zu zweit oder zu mehreren zielsicher durch die Straßen des fremden Ortes. Ihren Blick richten sie abwechselnd auf die Umgebung und dann wieder auf das Display ihres Handys.

Satelliten-Navigation. Beim Autofahren ist sie schon lange Standard. Inzwischen können es auch die meisten Mobiltelefone: navigieren. Ein Fingerdruck auf das Display des Smartphones und schon öffnet sich eine Karte der unmittelbaren Umgebung mit allen möglichen Such- und Routenfunktionen.
Eine großartige Erfindung. Ich nutze sie auch gerne. Das ist viel praktischer als ein Stadtplan. Es geht schnell und ist zuverlässig. Wenn das Satellitensignal stark genug ist, finde ich meine eigene Position ohne lange Suche nach Straßennamen. 

„Im Auto“, habe ich gelesen, „macht das Beutzen des Navigationsgerätes mit der Zeit unsicher. Man verliert die Fähigkeit, sich zurechtzufinden, wenn man immer mit Navi fährt“, schrieb ein Kommentator in einer Zeitung.
Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich denke eher: Gut, wenn mir etwas oder jemand hilft, den richtigen Weg zu finden. Das gilt im Leben auch sonst. Wie schön ist es, jemanden zu haben, den man um Hilfe bitten kann. Oder einfach zu wissen, wo und wie ich Hilfe bekomme. Ich kann mich auf andere stützen, ich muss nicht alles selbst ausprobieren.
Auch das beste Navigationsgerät und die beste Kartenapp für das Handy erwarten von mir allerdings etwas. Wohin ich will, weiß das Gerät nicht. Ich muss eine Zieleingabe machen. Ein Umweg oder eine falsche Strecke sind halb so schlimm, wenn ich das Ziel weiß. Daran muss ich heute Morgen denken, am Beginn des neuen Tages. Was ist mein Ziel? Wohin will ich eigentlich? Bei allem Eilen durch den Alltag geht mir dieser Gedanke oft verloren.

Über den Eingängen zu Klosteranlagen steht oft das lateinische Wort „Pax“ - „Frieden“. Das ist ein Verweis auf die Ordensregel des heiligen Benedikt. In deren Einleitung steht ein Zielgedanke: „Willst du wahres und unvergängliches Leben… meide das Böse und tue das Gute! Suche Frieden und jage ihm nach!“
Frieden suchen. Der Gedanke ist anspruchsvoll, aber er gefällt mir gut. Wer weiß, welche Erfahrungen ich am heutigen Tag mit dieser Zieleingabe in meiner Lebens-Navigation  machen kann. Einen Versuch ist es wert, finde ich.

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