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Erster Eindruck, zweiter Eindruck
Marjan_Apostolovic/GettyImages

Erster Eindruck, zweiter Eindruck

Daniel Lenski
Ein Beitrag von

Daniel Lenski,

Evangelischer Pfarrer, Königstein-Falkenstein
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Neulich bin ich mit meiner Frau und unserem einjährigen Sohn mit dem Zug gefahren. Wir setzten uns im Großraumwagen an den Tisch zu einer Dame. Die restlichen drei Plätze um sie herum waren noch frei. Ein idealer Sitzplatz also für unsere kleine Familie. Die Dame schien von uns als ihrer neuen Reisegesellschaft nur mäßig angetan zu sein. Sie konzentrierte sich auf ihr Kreuzworträtsel und schaute uns kaum an. Ich hatte das Gefühl, dass wir sie stören. Als wir dann noch das Essen auspackten, dachte ich: O nein, hoffentlich belästigen wir sie jetzt nicht noch mehr.

Aber ich lag völlig falsch. Denn als wir überlegten, wo wir unseren Sohn wickeln können, mischte sich die Frau ein und sagte: „Warum wickeln Sie den kleinen Mann denn nicht einfach hier auf dem Tisch? Das stört doch niemanden!“ Wir schauten uns überrascht an und fragten sie: „Ist das wirklich kein Problem für Sie?“ „Ach was“, antwortete sie. „Außerdem sind die Zugtoiletten oft nicht sauber. Das ist doch nichts für so kleine Menschen.“

Während der weiteren Zugfahrt stellte sich heraus, dass die Frau selbst viel Erfahrung mit Kindern hat. Sie erzählte uns: Sie ist Hebamme und gerade in den Ruhestand gegangen. Jetzt hat sie mehr Zeit für ihre fünf Enkel.

Der erste Eindruck täuscht oft

Im Nachhinein hab‘ ich gedacht: Wie schnell mache mir doch ein Bild von einem Menschen! Da verzieht jemand das Gesicht oder macht eine hektische Handbewegung – und schon habe ich einen bleibenden Eindruck. Hätten wir unsern Sohn nicht wickeln müssen, wir hätten vermutlich mit unserer Sitznachbarin in der Bahn kein Wort gewechselt. Und das wäre schade gewesen. Wir hatten dann nämlich ein gutes Gespräch.

Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie voreingenommen ich bin. Ich sehe jemanden und glaube, dass ich weiß, wie er ist. Wenn er bei mir gleich in der Schublade „der ist mir suspekt“ landet, bin ich natürlich zurückhaltend. Das ist eigentlich schade. Ich denke, dadurch entgehen mir einige spannende Begegnungen und Gespräche.

Jesus war nicht voreingenommen

In der Bibel lese ich, wie unbefangen Jesus auf Leute zugegangen ist. Egal ob sie eine andere Meinung vertraten, anders aussahen oder einen schlechten Ruf hatten. Jesus hat mit allen gesprochen. Manchmal hat er auch mit ihnen gestritten, aber auf jeden Fall hat er sie nicht einfach abgetan. Für mich ist das der Impuls: Bleib offen für die, die dir über den Weg laufen! Wer weiß, was für spannende Persönlichkeiten hinter den Gesichtern stecken, die mir heute im Zug oder im Bus gegenübersitzen? Manchmal reicht ein Wort, um mehr davon zu erfahren.

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