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Auferstehung als Machtwechsel

Auferstehung als Machtwechsel

Dr. Ansgar Wucherpfennig
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Dr. Ansgar Wucherpfennig,

Jesuitenpater, Professor für Neues Testament und Rektor der Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt
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Es ist dreißig Jahre her, da waren in Westdeutschland die ersten Trabbis zu sehen. Erst kamen wenige aus Ungarn, aber dann wurden es immer mehr. Sie rollten über die Autobahnen in die großen Städte, auch nach Kassel oder Frankfurt. Es waren motorisierte Schwalben eines politischen Frühlings und der hat die Politik in Europa verändert. Das war 1989, es war das Jahr der Wende. Ich kann mich noch gut an diese Zeit erinnern, an die russischen Worte „Glasnost“ und „Perestroika“; an Gorbatschow, den russischen Präsidenten mit dem markanten Hautfleck auf dem Kopf; und natürlich ist 1989 auch das Jahr, in dem die Berliner Mauer gefallen ist. Was man damals in Deutschland erleben konnte, war ein Machtwechsel, direkt vor unseren Haustüren.

Auch die Auferstehung Jesu ist ein Machtwechsel. Denn dem Tod wird die Macht genommen. Auf der ganzen Erde gibt es eigentlich nichts, das nicht unter der Macht des Todes steht. Ganz überraschend kann er Menschen aus dem Leben reißen, und nicht nur Menschen, auch Tieren kann der Tod ihr Leben nehmen. Bäume lässt er morsch werden. Alles, was welkt und zerfällt, gehört ihm. Mit seiner Macht kann der Tod ziemlich Angst machen. Aber wenn Paulus von der Auferstehung Jesu schreibt, klingen seine Worte wie der Siegesruf eines mutigen Widerstandskämpfers. Gegen die Macht des Todes ruft er: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1 Kor 15, 55).

Der Machtwechsel, von dem Paulus schreibt, findet nicht nur vor meinen Haustüren statt, sondern in mir selber. Als Christ wurde mir in der Taufe neues Leben geschenkt. Dieses neue Leben beginnt, wo ich nicht mehr in der Angst um mein vergängliches Leben lebe. Das geht mir unter die Haut, betrifft mich als ganzen Menschen, mit Fleisch und Blut, auch mit meiner schon faltigen Haut und mit meinen grauen Haaren. All das gehört ja in ein Leben mit Gott hinein, das mir der Tod nicht mehr nehmen kann. Wenn ich nicht mehr aus der Angst heraus lebe, dann kann ich mich auch gegen Haltungen wehren, die aus dieser Angst kommen: Enge und Ehrgeiz oder auch Kaufräusche und Eifersüchte. Der Machtwechsel kann mein Herz und mein Denken ergreifen.

„Tod wo ist dein Sieg!“ ruft Paulus dem Tod trotzig entgegen. Mir kommt dieser Siegesspruch nicht so leicht über die Lippen, denn ich sehe, welche Macht der Tod oft doch noch hat. Ein guter Freund meines Bruders fällt mir da ein. Er war kaum älter als ich, vor ein paar Monaten hat er das erste Mal von seinem Krebs gehört, und vor ein paar Tagen war seine Beerdigung. Und mir fällt auch ein, wie viele Niederlagen ich selber dabei erleide, wenn es darum geht meine Angst zu überwinden, z. B. freimütig für Andere einzutreten, großzügig zu sein und den Cent nicht fünfmal rumzudrehen, wenn ich Anderen etwas Gutes tun kann. Manchmal nehme ich den Machtwechsel kaum wahr, von dem Paulus spricht. Aber sein Wort gibt mir Zuversicht. Es lässt mich jetzt schon nach Spuren des neuen Lebens schauen; es kommt so sicher wie der Frühling. Und so hoffe ich auf eine Zeit, in der auch ich diesen Satz einmal frei heraus sagen kann: Tod, wo ist dein Sieg! Tod, wo ist dein Stachel!

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