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Jeder halbe Mantel zählt
Bild: medio.tv / Jost

Jeder halbe Mantel zählt

Ein Beitrag von Dr. Ursel Wicke-Reuter, Evangelische Pfarrerin, Vellmar
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Fast wäre er erfroren, der Bettler am Straßenrand. Aber ein Soldat sieht ihn und bleibt stehen. Er zieht seinen Mantel aus, teilt ihn in zwei Teile. Die eine Hälfte gibt er dem Bettler. Für’s Erste ist der Mann gerettet. Die andere Hälfte des Mantels behält der Soldat für sich. Sein Mantel gibt genug Wärme für zwei. Der Soldat heißt Martin.

Heute ist Martinstag

Heute ist sein Tag, der Martinstag. Für Kinder in Kitas und Grundschulen ist das ein Festtag. Sie führen die Martinsgeschichte auf und ziehen mit Laternen durch die dunklen Straßen. Hinterher gibt’s Kinderpunsch am Martinsfeuer. Damit es Kindern und Eltern wieder warm wird.

Die Martinsfrage dieses Jahr: Wie kann es für alle warm werden

Wie kann es warm werden für alle? Das ist die Martinsfrage in diesem Jahr. Neu ist diese Frage nicht. Für Menschen, die auf der Straße leben, ist die Winterkälte von je her lebensbedrohlich. In Deutschland betrifft das viele Menschen. Aber in diesem Jahr kommt die Sorge um ausreichend Wärme in der Mitte der Gesellschaft an.

Müssen wir im Winter frieren? Eine Antwort hängt von vielen Faktoren ab: vom politischen Handeln, von den Märkten und nicht zuletzt von den Wintertemperaturen in diesem Jahr. Mit Hochdruck wird an Lösungen gearbeitet. Große Lösungen, die viele gemeinsam verantworten. Unsere Erwartungen richten sich auf diese großen Lösungen.

Die Martinsgeschichte erzählt von einer kleinen Lösung

Die Martinsgeschichte erzählt von einer kleinen Lösung. Nur zwei Leute sind daran beteiligt. Einer, der auf Hilfe angewiesen ist, und ein anderer, der spontan reagiert. Mit dem, was er gerade zur Hand hat, hilft Martin dem Bettler in seiner Not. Es ist gar nicht viel, was er tut. Natürlich, den Mantel zu zerteilen, das ist schon ein Schritt. Aber es ist ein überschaubarer Einsatz.

Andere sind vorbeigegangen. Sie haben den Mann übersehen oder ihnen fehlte die Fantasie, was sie tun könnten. Vielleicht dachten sie: Der geht mich nichts an.

An kleinen Lösungen beteiligen, denn: Jeder halbe Mantel zählt

Für Martin ist dagegen klar, dass die Not des Bettlers von ihm eine Reaktion verlangt. Es geht ihn was an, weil er einen warmen Mantel besitzt, während der andere friert.

Für die großen Lösungen der Wärmekrise sind in diesem Winter die großen Akteure zuständig, die Politik, die Wirtschaft, Institutionen. An den kleinen Lösungen können wir uns aber beteiligen. Da gibt es Spielraum. Energie sparen, natürlich. Vor allem, wer einen hohen privaten Verbrauch hat, kann da was tun. Im ganzen Land engagieren sich Kirchengemeinden, Vereine, Diakonie und Caritas, damit möglichst keiner im Kalten sitzt. Die kann man unterstützen, durch Mitarbeit, aber auch durch Spenden. Ein Winter liegt vor uns, in dem jeder Beitrag gegen die Kälte zählt. Ein Winter liegt vor uns, in dem jeder halbe Mantel zählt.

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