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Kriegsverbrechen
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Kriegsverbrechen

Simone Twents
Ein Beitrag von Simone Twents, Dezernetin für Glaubenskommunikation und Pastorale Innovation, Fulda
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Ein Foto eines jungen Mannes in der Frankfurter Zeitung. Fast noch ein Junge. Schmächtig. Er heißt Vadim, ist 21 Jahr alt, mag Autos und liebt seine Mutter.

Er ist Kriegsverbrecher. Der erste russische Soldat, dem seit Beginn des Ukraine-Kriegs der Prozess gemacht wird. Er erzählt, wie er nach einem Angriff mit vier weiteren jungen Soldaten in Panik ein Auto stiehlt, um zu fliehen. Ein Mann kommt auf dem Fahrrad vorbei. In dem Moment wird den Jungs das Unrechtmäßige ihres Diebstahls bewusst. Sie haben Angst. Panik. Vadim schießt. Der Mann ist sofort tot.

Auf der anderen Seite: ein 62-jähriger Mann. Er hat in Frieden mit seiner Frau und Familie in seinem Dorf gelebt. Ihm wurde ein Krieg aufgezwungen, den er so nicht gewollt hat. Er fährt friedlich mit seinem Fahrrad durch sein Dorf. Russische Soldaten klauen vor seinen Augen ein Auto. Er ist zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie fühlen sich von ihm ertappt und erschießen ihn.

Seine Frau kann nicht verstehen, warum. So ein sinnloser, überflüssiger Tod gegen alles Menschliche. Ein Kriegsverbrechen.

Die zwei Seiten einer Geschichte. "Ich weiß, dass Sie mir nicht vergeben können, aber ich bitte dennoch um Vergebung", so sagte der 21 Jahre alte Vadim am Donnerstag vor Gericht zu der Frau des Opfers. Vadim bekommt lebenslänglich.

Mich haben diese Bilder und Schilderungen erschüttert. Mir wird immer klarer, dass sich das wechselseitige Leid auch durch ein gerechtes Gerichtsurteil nicht auflösen lässt. Genauso wenig kann einfach Vergebung zugesprochen werden, dafür ist das Leid zu massiv. Trotzdem braucht es für eine Heilung unserer wechselseitigen Geschichten mehr. Wir Menschen brauchen Barmherzigkeit weit über unlösbare Ungerechtigkeit hinaus: durch den Verzicht auf Rache, durch Akzeptieren einer schmerzhaften Realität, durch einen Vorschuss an Gnade und Güte.

Ich glaube, das brauchen wir, das braucht die Welt, jeder von uns mehr denn je.

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