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Pass auf deine Seele auf
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Pass auf deine Seele auf

Stephan Krebs
Ein Beitrag von Stephan Krebs, Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Florian F. ist groß und stark. 44 Jahre ist er alt. Und sein Konfirmationsspruch lautet: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Den hat Florian natürlich längst vergessen. Allerdings wird er sich heute noch daran erinnern. Doch das weiß er in diesem Moment noch nicht. Er sitzt völlig entspannt in einer Strandbar am Meer. Traumurlaub auf den Seychellen. Vor ihm steht ein Cocktail, der so rot leuchtet wie die späte Abendsonne dahinter. Ein perfekter Moment, wie ihn Reisekataloge gerne versprechen. Mit einem zufriedenen Seufzer lehnt er sich nach hinten und murmelt: „Alles richtig gemacht.“

So ganz stimmt dieser Satz natürlich nicht, das weiß Florian. Aber er sagt ihn trotzdem gerne, denn er findet, dass dieser Spruch gut zu ihm passt. Denn zumindest hat er vieles richtig gemacht. Florians Gedanken fliegen über sein Leben. Mathematik hat er studiert, einen guten Abschluss hat er gemacht. Und gleich einen Top-Job gefunden. Er weiß, wie man mit großen Mengen von Daten umgeht. Das wird dringend gebraucht und gut bezahlt. Von Anfang an hat man ihm viel zugetraut und auch zugemutet. So sind Florians Arbeitstage immer länger geworden – nicht selten bis tief in die Nacht. Die Anrufe der alten Freunde wurden immer seltener. Und wenn sie sich meldeten, dann um ihn zu warnen: Die Arbeit sollte nicht das ganze Leben sein. Seine Standardantwort: „Mit 55 höre ich auf. Dann habe ich Zeit für euch und überhaupt für alles.“ Doch so lange wollten die Freunde nicht warten. Ohnehin waren an ihre Stelle längst seine Kollegen getreten.

Und was ist mit den kuscheligen Stunden, in denen man nicht gerne alleine ist? Auch dafür hat Florian eine Gelegenheitslösung gefunden: eine Kollegin, der es genauso geht wie ihm. Mehr ist nicht drin und mehr ist auch nicht gewollt. Denn: Richtig lieben – dafür müsste man mehr Zeit haben. Und noch etwas viel wesentlicheres einbringen: Ein Stück Seele. Doch beides ist anderweitig verplant.

Florian genießt seinen beruflichen Höhenflug. So könnte es ewig weitergehen, denkt er. „Alles richtig gemacht“. Nur einmal ist er ins Straucheln gekommen: Als ein Kollege stirbt –einfach so. Geht raus zum Joggen und fällt tot um. Dabei ist er erst zwei Jahre älter als er selbst. Das geht Florian eine Weile nach. Zum ersten Mal hat er hautnah miterlebt, wie schnell alles zu Ende sein kann. Aber das Leben geht weiter. Und so rückt er auch diesen Ernstfall schnell in den Hintergrund.

Manchmal findet Florian doch, dass ihm etwas fehlt. Aber dann gönnt er sich etwas. Am liebsten einen Traumurlaub: So wie jetzt gerade auf den Seychellen. Florian wird aufmerksam auf das Lied, das in der Bar gerade gespielt wird. Unwillkürlich wippt sein Fuß mit, während sich der Refrain in seinem Ohr festsetzt.

Musik 1: Refrain von „Glitter & Gold“ Rebecca Ferguson

All der Glanz und all das Gold werden dich nicht glücklich kaufen, wenn du dich verkauft hast und gekauft bist. Du reitest weiße Pferde, die du nicht kontrollieren kannst mit all deinem Glanz und all deinem Gold. Pass auf deine Seele auf, pass auf deine Seele auf.

Was ist das für ein Lied? Florian zückt sein Smartphone und lässt es den Titel bestimmen: „Glitter & Gold“. Die Sängerin heißt Rebecca Ferguson. Wikipedia verrät: Sie ist 28 Jahre jung. Und gerade dabei, mit diesem Lied jenes Gold zu verdienen, vor dem sie in dem Lied so eindringlich warnt. Etwas altklug, findet Florian und grinst. Doch er merkt, dass er damit den Refrain nicht loswird: ”Pass auf deine Seele auf”. Das ist für Florian eigentlich nichts Neues. Klar, auf seine Seele muss man achten. Deshalb sitzt er ja gerade hier, am Strand, und lässt in aller Ruhe seine Seele baumeln. Während sie zuhause am Sonntag Allerseelen versuchen, sich irgendwie mit dem düsteren November anzufreunden.

Aber: Seele – was ist das eigentlich? Unsichtbar ist die Seele. Sie steckt irgendwo in seinem Körper. Zusammen machen sie ihn zu dem, der er ist. Vielleicht ist die Seele für den Menschen so etwas wie die SIM-Karte für das Mobiltelefon? Technische Hülle das eine, also der Körper. Identität das andere, also die Seele. Jedenfalls: Verletzlich ist die Seele, sonst gäbe es nicht so viele Psychologen, Seelenklempner, wie sie früher spöttisch genannt wurden. Aber ist das überhaupt dasselbe – Seele und Psyche? Klar: Die Psyche ist das, was die Psychologen bearbeiten, damit man mit sich selbst besser zurechtkommt.

Und die Seele? Für die gibt es Seelsorger, Pfarrer also. Denn die Seele hat auch etwas mit Gott zu tun. Vielleicht ist sie der geheimnisvolle gute Draht zu Gott. Das, was immer von einem bleibt. Florian erinnert sich an den Pfarrer, der ihn vor vielen Jahren konfirmiert hat. Bilder von damals tauchen auf. Und plötzlich fällt ihm sogar sein Konfirmationsspruch wieder ein: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“

Florian ist beeindruckt. Nach so vielen Jahren taucht dieser Bibelvers wieder auf! Dabei hatte er ihn damals gar nicht richtig verstanden, auch nicht verstehen wollen. Nur über dieses merkwürdige und irgendwie altertümliche Wort „hülfe“ war er gestolpert. „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“

Jetzt, 30 Jahre später, fängt Florian plötzlich an sich dafür zu interessieren. Er füttert Google mit den Suchbegriffen Bibel und Seele. So stößt er auf eine Geschichte, die ihn fesselt. Sie handelt von einem reichen Kornbauern, der kommt ihm so bekannt vor. Der Bauer hat viele Jahre lang hart und erfolgreich gearbeitet. Nun hat er ausgesorgt, genug auf der hohen Kante. Nun kann er endlich das tun, was er will. Alles richtig gemacht. In der Geschichte sagt der Kornbauer zu sich selbst: „Liebe Seele, du hast einen Vorrat für viele Jahre. Habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut.“ Doch es kommt anders. Gott sagt zu ihm: „Du Narr, Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.“

Die Geschichte beunruhigt Florian. Auch bei ihm standen immer Beruf, Erfolg und Geld an erster Stelle. Wie bei dem Kollegen, der vor kurzem einfach umgefallen ist. Der hatte auch noch so viel vor. Und davon kann er nun nichts mehr tun. Leben verpasst? Florian spürt in sich ein Gefühl aufsteigen, intensiv wie lange nicht mehr. Es fühlt sich traurig und wichtig zugleich an. Seine Augen werden davon feucht. Wirklich alles richtig gemacht?

Vielleicht sollte er doch besser nicht so viel auf später aufschieben. Was zählt – jetzt und am Ende? „Take care of your soul.“ Das Lied klingt wieder in seinen Ohren: „Pass auf deine Seele auf.“ Aber wie? Die Sängerin hat einen Tipp.

Musik 2: Ausschnitt aus „Glitter & Gold“ von Rebecca Ferguson 

Wie hoch, wie tief, wie eigenständig willst du werden? Denn deine Seele zu verlieren, wird dich mehr kosten als das Leben, das du dir leistest. All die Freunde, die du hinter dir gelassen hast, du könntest sie brauchen, wenn es draußen kalt ist.  Freunde – das ist Rebecca Fergusons Antwort. Sicher richtig, aber wenig originell, findet Florian. Sollte das wirklich schon alles sein? Vielleicht hat die Bibel mehr zu bieten. Wie war das bei dem Kornbauern? Da heißt es am Ende: „So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.“

Wie geht das: Reich werden bei Gott? Ihr werdet es schon merken, hatte der Pfarrer gesagt: „Rechnet in euerm Leben einfach mit Gott. Redet mit ihm, nehmt euch jeden Tag ein paar Minuten Zeit dafür, betet und fragt: Was ist jetzt zu tun? Und was nicht? Dann verändert Gott eurer Leben.“

Florians Blick schweift über das Meer. Ihm wird neu und tiefer bewusst: Das Leben reicht weiter als bis zum Horizont. Es ist nicht nur die Summe seiner Tage. Es gehört auch zu einer tieferen Realität. Dafür steht die Seele, dieses geheimnisvolle Ich, das mit Gott eine Verbindung hat. Sie kann vernachlässigt und arm sein. Oder eben reich und kraftvoll.

Für all das hat Florian in diesem Moment noch keine klaren Worte. Nur ein Gefühl. Und Eindrücke, die ihn beschäftigen: Vor seinen Augen das weite Meer, das über den Horizont hinaus reicht. Im Kopf seinen Konfirmationsspruch: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Und im Ohr das Lied. Zufall? Fügung? Vielleicht. Jedenfalls: Florian ist jetzt nah ganz dran an der der Realität Gottes. Sie fühlt sich gut an. „Take care of your soul“ summt er vor sich hin.

Musik 3: Ausschnitt aus „Glitter & Gold“ von Rebecca Ferguson 

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