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Kann man Gott beweisen?
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Kann man Gott beweisen?

Eva Reuter
Ein Beitrag von

Eva Reuter,

Katholische Dekanatsreferentin, Dekanat Mainz-Stadt, Mainz
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Manchmal denke ich mir einen Knoten ins Hirn. Ich folge einem Gedanken auf seinen verwickelten Bahnen und bin am Ende gar nicht mehr sicher, ob mich der Gedankengang meinem Ziel nähergebracht hat.

So ging es mir auch im Studium, als der Professor uns den ontologischen Gottesbeweis von Anselm von Canterbury erklärt hat. Ein Heiliger und Kirchenlehrer war dieser Anselm von Canterbury. Heute ist sein Gedenktag. Nicht nur sein Gottesbeweis ist berühmt geworden – auch einer seiner Leitsätze: „Credo, ut intelligam“, ich glaube, damit ich verstehe.

Am Ende des Mittelalters unternahm Anselm den Versuch, über das fromme Fürwahrhalten hinaus, den Glauben mit dem Verstand zu ergründen. Sein Anliegen war es, auch kritischen Zeitgenossen einen Weg zu zeigen, die Existenz Gottes annehmen zu können.  Anselm von Canterbury war es wichtig, dass Glaube nicht nur ein vages Gefühl ist, sondern mit vernünftigen Argumenten erschlossen werden kann. Er wollte mit einem philosophischen Denkmodell beweisen, dass es Gott gibt.

Ich bin gläubige Christin, und ich lebe im 21. Jahrhundert. Seit Anselm sind 900 Jahre Philosophiegeschichte vergangen. Ich lebe in einer Demokratie, und jeder darf glauben, was er oder sie möchte. Hier muss ich niemandem was beweisen.

Trotzdem fasziniert mich der Ansatz von Anselm von Canterbury schon ein bisschen: Vernünftige Argumente sammeln und sie mit der Existenz Gottes zusammenbringen – das finde ich gut. Wir haben aus meiner Sicht lange genug ein „Entweder – Oder“ formuliert: Entweder hat die biblische Schöpfungsgeschichte Recht oder die Evolutionstheorie von Charles Darwin.  Ich glaube, Anselm von Canterbury hat Recht, wenn er sagt: Gott ist das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Gott schließt einfach alles in sich ein. Er hat Platz für Schöpfungsmythen und für wissenschaftliche Erkenntnis. Er ist eben größer als alles, was wir Menschen uns so denken können.

Das macht es manchmal schwer, Gott zu verstehen – ich kann mir einen Knoten ins Hirn denken und finde trotzdem nicht auf alle Fragen eine Antwort. Besonders die Frage, warum Gott das viele Leid auf der Welt zulässt, bringt auch mich manchmal zum Zweifeln. Aber Gott ist eben größer, und ich für mich kann gut akzeptieren, dass ich nicht alles verstehe und es trotzdem wahr ist. Ich verstehe ja auch die Physik nicht – trotzdem wirken ihre Gesetze.

Für mich gehören die verschiedenen Zugänge zusammen: Ich kann wissenschaftlich und rational nach Begründungen suchen und neue Erkenntnisse anerkennen – und gleichzeitig auf Gottes Liebe vertrauen. Mit diesem vielseitigen Ansatz gelingt es mir oft, auch die Situationen auszuhalten, in denen ich Gott anschreien möchte: Warum lässt du das zu? Warum zeigst du dich nicht und beweist allen, wie groß du bist?

Ich bin überzeugt davon: Gott ist größer als unser Verstand. Aber ich denke auch: Seiner Größe schadet es nicht, wenn wir versuchen, sie zu verstehen – auch wenn wir uns dabei einen Knoten ins Hirn denken.

 

 

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