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Wurzeln und Flügel

Wurzeln und Flügel

Eva Reuter
Ein Beitrag von

Eva Reuter,

Katholische Dekanatsreferentin, Dekanat Mainz-Stadt, Mainz
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„Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel!“ An den Spruch musste ich denken, als ich im Gebet der Kirche für heute von der „Wurzel Jesse“ las.

Die „Wurzel Jesse“ meint den Stammbaum Jesu. Nach biblischem Glauben stammt Jesus von König David ab, der wiederum von Abraham abstammt. Das Matthäus-Evangelium zählt gleich zu Anfang die gesamte Ahnenreihe auf. Ich habe mich früher immer gefragt, wozu es wichtig ist, dass der Ururgroßvater von Jesus Eleasar hieß. Später habe ich im Studium gelernt, was diese lange Aufzählung theologisch bedeutet, aber erst seit ich Mutter bin und älter geworden, habe ich eine Idee davon, was es für den Glauben bedeutet.

Wir alle haben so einen Stammbaum, auch wenn er sich bei vielen von uns vielleicht nicht 42 Generationen zurückverfolgen lässt wie bei Jesus. Wir alle sind hineingewoben in unsere Familiengeschichte und tragen etwas von dem Erbe mit uns. Manches ist uns vielleicht gar nicht bewusst oder gar lästig, bei anderen Dingen sind wir unseren Eltern dankbar, dass sie es uns mitgegeben haben.

Unsere Wurzeln reichen also weit zurück – bei manchem vielleicht sogar in andere Länder und Kontinente. Das hat Auswirkungen, die unser Leben prägen. Als Mutter möchte ich meinem Kind starke Wurzeln mitgeben, damit es nichts so schnell umwirft. Ich möchte, dass es einen guten Stand hat im Leben und weiß, wo es seinen Platz hat.

Zu diesen Wurzeln gehört auch der Glaube. Als Christin vertraue ich darauf, dass ich und alle meine Vorfahren und auch meine Nachfahren bei Gott geborgen sind. Er hat unsere Namen in seine Hand geschrieben, wie es in der Bibel heißt. Das gibt meinem Leben Halt.

Gute Eltern sorgen aber auch dafür, dass ihren Kindern Flügel wachsen. Flügel aus Gedanken, die sie erträumen lassen, wohin sie im Leben kommen möchten. Flügel aus Träumen, die sie das Leben leicht nehmen lassen. Flügel, um sich über die Zwänge des Alltags zu erheben.

Bei Flügel denke ich in der Vorweihnachtszeit unwillkürlich auch an Engel. Gerade sind sie ja überall in den Kaufhäusern und auf Postkarten präsent. Als Wesen, die in der Werbung ein bisschen zwischen Deko und romantischem Schutzengelglauben schillern. Solche „Kitsch-Flügel“ möchte ich meinem Kind nicht mitgeben. 

Aber ich möchte ihm eine Ahnung davon mitgeben, dass wir als Gottes Kinder auch ein Stück Himmel in uns tragen. Diesen Himmel können wir anderen zeigen. Wir können ein Stück vom Himmel sichtbar machen, indem wir unseren Mitmenschen respektvoll und hilfsbereit begegnen. Indem wir ihnen ein Lächeln schenken und bei jeder Begegnung im Sinn haben, dass der andere sich freuen soll, wenn er daran zurückdenkt.

Ich erlebe das selbst immer wieder: Wenn mir so ein Mensch begegnet, der mich mit den Augen anlächelt und vielleicht ein nettes Wort oder eine Ermutigung für mich hat, dann laufe ich gleich viel beflügelter durch den Tag.

Ich finde, es braucht wirklich beides: Wurzeln und Flügel. Und im Matthäusevangelium kommt auch beides vor: Die „Wurzeln“ im Stammbaum ganz am Anfang und die beflügelnde Ermutigung für die Jünger ganz am Ende. Im letzten Satz des Matthäus-Evangeliums heißt es nämlich: „Und siehe: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Matthäus 28, 20b). Für mich ist das eine wirklich beflügelnde Ermutigung!

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