Ihr Suchbegriff
Beitrag anhören:
Gottkontakt - Lohnt sich Beten?
congerdesign/Pixabay

Gottkontakt - Lohnt sich Beten?

Stephan Krebs
Ein Beitrag von Stephan Krebs, Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt
Beitrag anhören:

Wenn ein Kreuzworträtsel nach der „Anrufung Gottes“ fragt, dann lautet die richtige Antwort „Gebet“. Darum geht es im Gebet: Um Kontakt mit Gott – Gottkontakt also. Nicht nur mit Worten, wie es viele aus der Kirche kennen. Kontakt mit Gott kann man auch beim Singen haben und sogar beim Laufen. Ja, Leute die gerne pilgern, begreifen ihren langen Marsch als Gebet mit den Füßen.

Beten kann viele Formen haben

Andere tanzen ihr Gebet. Oder riechen und sehen ihr Gebet. Sie gehen durch den Wald, riechen die würzige Waldluft, sehen das frische Frühlingsgrün. Dabei denken, murmeln oder rufen sie: „Mein Gott, ist das schön!“ Das ist ein ziemlich kurzes Gebet.

Aber noch nicht das kürzeste, das ich kenne. Das kürzeste Gebet sprechen Leute meistens aus, wenn sie vor etwas erschrecken: „O Gott!“ Das habe ich ziemlich oft gesagt, seitdem die Corona-Krise ausgebrochen ist. Was wir gerade erleben, erschreckt mich manchmal so, dass ich erst einmal nur sagen kann: „O Gott!“

"O Gott" - Ist das schon ein Gebet?

Man kann natürlich einwenden: „Das ist doch gar kein Gebet. Das ist nur so ein allgemeiner Ausruf.“ Aber es ist kein Zufall, dass vielen Leuten gerade dann Gott einfällt, wenn sie erschrecken oder staunen. Denn in diesem Moment erleben sie etwas, das geht über den Horizont ihres Alltags hinaus. Und genau darum geht es beim Kontakt mit Gott: Erkennen, dass das Leben mehr ist als das, was ich mit meinen fünf Sinnen erfassen kann. Dem Leben wohnt ein Geheimnis inne. Es ist eingebettet in einen größeren Zusammenhang. Dazu sagen Christen Gott.

Lässt Gott mit sich reden?

Was kann Gott? Ist Gott wirklich so allmächtig, wie es Christen behaupten? Dann müsste Gott doch alle Schicksale in seiner Hand haben. Wenn das stimmt: Wie komme ich dann an ihn heran? Lässt Gott mit sich reden? Klar: Man nennt es beten.

BAP und das "Bedde"

Aber: Bringt das was? Verändert sich etwas, wenn ich bete? Das fragen sich viele. Auch die Kölner Rockgruppe BAP. Sie ist dieser Frage sogar musikalisch nachgegangen. Herausgekommen ist ein Song mit dem Titel: „Wenn et Bedde sich lohne däät.“ Leute, die nicht aus Köln kommen, würden den Titel und den Refrain so aussprechen: „Wenn sich das Beten lohnen würde, was meinst du wohl, was ich dann beten würde.“

Musik: BAP, „Wenn et Bedde sich lohne däät.“, Strophe 1

Beten ist keine Kosten-Nutzen-Rechnung

„Lohnt“ sich das Beten? Die Frage klingt erst einmal wie eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Doch die kann beim Beten nicht aufgehen, denn ein Gottkontakt ist kein Kundenkontakt. Aber viele beten doch zurzeit, was das Zeug hält, dass die Krise glimpflich verläuft. Ich auch. Und ich hoffe darauf, dass das was bringt.

Können Gebete wirklich helfen?

Und man hört ja immer wieder, dass Gebete erhört werden. Dass Menschen, die scheinbar unheilbar krank waren, auf wundersame Weise wieder geheilt wurden. Oder Menschen werden nach einem Gebet aus einer anderen scheinbar aussichtslosen Situation gerettet. Deshalb stellt sich schon die Frage: War das nur ein Zufall oder kann ein Gebet wirklich etwas bewirken oder gar den Lauf der Welt verändern?

Beten naturwissenschaftlich erklärt

Darauf kann man eine naturwissenschaftliche Antwort geben: Beim Beten werden bestimmte Bereiche des Hirns besonders stimuliert. Das wirkt sich auf meine Gefühle aus, auf meine Energie und mein Denken. Beten bewirkt also zumindest etwas bei dem, der betet.

Beten psychologisch erklärt

Es gibt auch eine psychologische Antwort: Im Gebet mache ich mir meine Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen bewusst. Danach kann ich sie gezielter versuchen umzusetzen.

Beten mystisch erklärt

Man kann das Gebet auch mystisch verstehen. Im Gebet wandle ich meine Sehnsucht und meine Hoffnung in Energie um und bringe sie in die Welt ein. So wird sie zu einem Teil des großen Ganzen und verändert die Welt – zumindest ein bisschen.

Wie Gott Gebete wahrnimmt, weiß niemand.

In all dem kann Gott wirken. Oder auch ganz anders. Wie Gott Gebete wahrnimmt, weiß niemand. Ich kann es nur ahnen, hoffen und vielleicht spüren. Mehr nicht. Ist das genug? Oder zu wenig?

Jesus macht Mut, an die Macht des Gebets zu glauben. Er sagt: Bittet, so wird euch gegeben. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.“ (Matthäus 7,7-11)

Gott läßt sich nicht zwingen

Aber Jesus macht auch deutlich: Gott lässt sich zu nichts zwingen. Das zeigt sich im zentralen Gebet der Christenheit, dem Vaterunser. Es enthält allerlei Bitten zur Verbesserung der Menschen und der Welt: Gib uns unser täglich Brot, vergib uns unsre Schuld, erlöse uns von dem Bösen… Aber über diesem Katalog der Wünsche steht nicht der Satz: „So, lieber Gott, jetzt mach dich mal flott an die Arbeit!“ Die Bitten des Vaterunser beginnen vielmehr mit den Sätzen: „Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe.“ Gott ist eben kein Dienstleister. Gott ist Gott.

Für was würde BAP beten?

Ob das die Rockgruppe BAP zufriedenstellt? Wohl kaum. Ihr Song „Wenn et Bedde sich lohne däät“ signalisiert eher, dass es sich wohl nicht lohnt zu beten. Dafür singt die Gruppe in drei Strophen aber überraschend genau, wofür sie beten würde. In der dritten Strophe heißt es:

Musik: BAP, „Wenn et Bedde sich lohne däät.“, Strophe 3

Ich würde beten für Sand im Getriebe und jede Klofrau bekäme Riesenapplaus. Überhaupt für jeden Unmengen Liebe und für Sisyphus nicht nur eine Pause. Ich würde die Rubel bremsen, die rollen, Kronjuwelen verbannen zum Schrott, ließe alle Grenzen und Schranken verschwinden, jeden Speer, jedes Gewehr, jedes Schafott.

Mir gefallen die Gebetsthemen von BAP. Die Musiker würden sich nicht selbst die Taschen voll beten, sondern sie schauen auf Menschen, die sonst unbeachtet am Rande stehen. Sie beten für Liebe und Frieden. Wo etwas falsch läuft, wollen sie Sand ins Getriebe hineinbeten.

Gott ist nicht der Erfüllungsgehilfen der eigenen Wünsche

Ich persönlich finde vieles davon sympathisch. Die vielen Waffen in der Welt machen mir schon lange Sorgen. Die Kluft zwischen Reich und Arm auch. Aber ich fände es nicht angemessen, Gott zum Erfüllungsgehilfen meiner eigenen Wünsche zu machen – das geht nicht selten zulasten anderer. Nur ein Beispiel: Kann man als Fußballfan das eigene Team zur Meisterschaft beten? Das wollen die Fans der Gegner ja auch. Dann wäre der Fußballplatz eine Gebets-Battle. Keine gute Idee. Verboten ist das natürlich nicht. Man kann Gott alles sagen. Also auch als Fußballfan: „Gott, sei jetzt bei uns.“ Und dann überlässt man es Gott, was er daraus macht.

Der Gruppe BAP ist das allerdings zu wenig. Sie zweifelt am Sinn des Gebets. Doch dann, in der dritten Strophe, passiert etwas überraschendes: Während der Sänger noch erklärt, wie sinnlos Beten ist, wird der Song selbst zum Gebet.

Musik: BAP, „Wenn et Bedde sich lohne däät.“, Strophe 3

Vielleicht beneide ich auch, die glauben können, doch was soll’s, ich jage doch kein Phantom. Gott, wäre Beten doch bloß nicht so sinnlos, denn oft denke ich, wir wären bald schon an dem Punkt, wenn egal wird, wer Recht hat, wenn Beziehung und Kohle nicht zählen.

Manchmal ist Beten paradox

„Gott, wäre Beten doch bloß nicht so sinnlos.“ Diesen Satz finde ich großartig. Er betet zu Gott, dass Beten so sinnlos ist. Genau so paradox ist Beten manchmal. Man zweifelt, ob es was bringt, ob man überhaupt mit Gott Kontakt aufnehmen kann und ob Gott hört. Aber man tut es doch: Wenn es brenzlig wird im Leben. Wenn’s hart auf hart kommt. Wenn man nicht mehr weiterweiß. Im Ausnahmezustand so wie wir zurzeit.

Gottkontakt dringend gesucht

Aber man betet auch, wenn etwas besonders schön ist. Oder wenn man besonders dankbar ist. Das alles möchte aus einem raus und irgendwohin - Gottkontakt dringend gesucht. Wozu?

Wenn ich Kontakt zu Gott aufnehme, wenn ich bete, lege ich mich und die Welt in Gottes Hand. Mehr ist es nicht. Aber für mich liegt darin die größte Wirkung eines Gebets: mich und die Welt in Gottes Obhut wissen. Das entlastet. Das macht Hoffnung. Daraus ergibt sich auch allerhand zu tun. Gott braucht Helferinnen und Helfer für seine Pläne für die Welt. Insofern: Beten verändert die Welt.

Musik: BAP, „Wenn et Bedde sich lohne däät.“, Refrain

Weitere ThemenDas könnte Sie auch interessieren