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Die besondere Samenmischung dieser Zeit
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Die besondere Samenmischung dieser Zeit

Andrea Maschke
Ein Beitrag von

Andrea Maschke,

Katholische Pastoralreferentin in Bad Homburg / Friedrichsdorf
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An einer Parkmauer in meinem Frankfurter Stadtteil hängen zwei kleine Automaten, die erstmal so ausschauen wie Kaugummiautomaten. Wahrscheinlich wäre ich weiterhin achtlos an ihnen vorbei gegangen, wenn mich nicht jemand darauf aufmerksam gemacht hätte: Aus diesen Automaten lassen sich nicht - wie früher - Kaugummis oder kleines Spielzeug ziehen, sondern Blumensamen. Gerade gibt es zwei Sorten zur Auswahl, Frühlingsblüher und Bienenwiese.  Ich habe direkt welche gezogen, die Frühlings-Zwiebelchen in meinem Balkonkasten vergraben und auch noch welche weiter verschenkt. Wie im letzten Frühjahr und im Sommer habe ich immer noch große Freude an dem, was wächst und blüht – und jetzt eben Vorfreude. Ein bisschen Geduld braucht es noch.Ich muss an die alte Geschichte mit dem Engel denken. Vielleicht haben Sie sie auch schon mal gelesen oder gehört. Ein Mann kommt in einen Laden und wird von einem Engel empfangen. Der fragt ihn, was er möchte, er hätte so ziemlich alles im Angebot. Und der Mann beginnt mit dem Aufzählen…. lauter Wünsche. Nach einer Weile unterbricht ihn der Engel: „Mein Herr, wir verkaufen hier keine Früchte, nur die Samen.“

Mir fallen auch eine Menge Wünsche ein, die derzeit nicht direkt in Erfüllung gehen. Aber möglicherweise haben wir schon die Samen dafür – und dabei denke ich nicht einmal zuallererst an die ersehnte Corona-Impfung. Vielleicht heißen die Samen gerade Kreativität, Solidarität, Achtsamkeit oder: Beharrlichkeit, Hoffnung und ja, auch das, Geduld. Eine richtig schöne Samenmischung ist das! Und ich finde, in den letzten Monaten ist aus diesen Samen auch schon einiges gewachsen - unerwartete ungewohnte Blüten, Früchte, die wir gar nicht auf der Wunschliste hatten, die aber doch beachtlich sind. So habe ich jetzt mehr Kontakt zu meinen Nachbarn. Wenn ich Hilfe bräuchte, ich wüsste nun, bei wem ich alles klingeln kann. Das Interesse, die eigene Umgebung und Region zu erkunden, ist größer geworden, auch bei mir. Und ich habe dabei ein paar unerwartete Entdeckungen gemacht. Immer mehr Menschen trauen sich jetzt Videokonferenzen zu - und wahrscheinlich ist daher auch in Zukunft manche aufwendige Dienstreise nicht mehr nötig.  Und viele Kirchengemeinden wurden richtig erfinderisch, um herauszufinden: Wie können wir auch weiterhin Glauben und Leben miteinander teilen? Vor allem aber wurde vielen Menschen klar: Wir sind weltweit miteinander verbunden! 

Und wie im Frühling wächst auch meine Sehnsucht danach, dass die Samen weiter aufgehen. Und ich teile meine Vorfreude mit vielen: die Vorfreude auf das ersehnte Wiedersehen mit der Verwandtschaft und auf spontane Verabredungen mit Freundinnen, auf unbeschwertes Feiern mit Tanzen und nahem Beieinanderstehen, auf Gottesdienste mit Band, Chor und viel gemeinsamem Gesang und auf so vieles mehr, ja, sogar auf ganz normalen Schulunterricht, auf Examen und gemeinsame Vorlesungen. Wer weiß, wann all diese Früchte wachsen, wann unsere Samen da aufgehen. Kann sein, dass wir da noch geduldig sein müssen. Jetzt freue ich mich erstmal auf die Krokusse, die Traubenhyazinthen oder was auch immer sich in den kleinen Zwiebelchen verbirgt, und danach auf die Bienenwiese!

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