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Wir brauchen mehr Martins!
Bildquelle pixabay

Wir brauchen mehr Martins!

Thomas Zels
Ein Beitrag von

Thomas Zels,

Pastor, Freie evangelische Gemeinden Marburg

Als Kind hatte ich mal eine beängstigende Begegnung mit einem merkwürdig aussehenden Reiter und seinem Pferd. Ich war fünf oder sechs Jahre alt. Meine Eltern hatten mich und meine drei Geschwister an diesem dunklen Novem-berabend mit in die Innenstadt von Iserlohn genommen. Dort drängelten sich im Nieselregen massenweise Leute, besonders Familien. Viele von den Kindern trugen Lampions vor sich her. Es war wie auf einer Kirmes. Ess-Buden, Stände mit Süßigkeiten und von überall her Stimmungs-Musik. Mit meinem Weckmännchen in der Hand fühlte ich mich etwas verloren in dem Getümmel. Ich wusste nicht, was das Ganze sollte. Außerdem hatte ich Mühe, in der Nähe meiner Eltern zu bleiben. Die waren damit beschäftigt, den Kinderwagen und meine kleine Schwester festzuhalten und gleichzeitig mich und meinen Bruder nicht aus dem Blick zu verlieren. Trotzdem passierte es. Auf einmal war meine Familie weg! Ich drängelte mich durch die vielen Leute, um sie wieder zu finden. Ein Teil vom Platz war mit Flatterband abgesperrt. Ich schlängelte mich durch bis zur ersten Reihe. Irgendwo mussten sie doch sein! Dann schlüpfte ich unter dem Flatterband durch und lief über den Platz, um auf die andere Seite zu kommen. Den Reiter auf seinem Pferd sah ich erst, als er direkt vor mir stand. Das Pferd war riesengroß! Ich hätte unter ihm durchlaufen können. Der Reiter sah komisch aus. Er trug einen Helm, einen goldenen Brustpanzer und darüber einen weiten roten Mantel. Er wollte gerade absteigen, und ich dachte, er täte es wegen mir. Also bin ich so schnell wie möglich zurückgelaufen zur ersten Zuschauerreihe hinter dem Flatterband. Von dort aus habe ich gesehen, wie der Reiter seinen Mantel zerteilte und eine Mantelhälfte einem Mann gab, der auf dem Boden saß. Den hatte ich in meinem Schreck vor dem riesigen Pferd gar nicht gesehen. 
In der Zuschauerreihe haben mich meine Eltern wenig später gefunden. Sie sag-ten: Schluss jetzt! Und zogen mich und den Rest der Familie weg zu dem Parkplatz, auf dem unser Auto stand. 
Im Nachhinein weiß ich, dass damals Sankt Martin vor mir gestanden hat. Ich war in eine Spielszene geraten, die seine Legende darstellte. Leider wusste ich das nicht. Und so blieb erstmal nur der beängstigende Eindruck des komi-schen Reiters auf seinem riesigen Pferd in meinem Gedächtnis.
Heute ist wieder Martinstag. Wie immer am 11. November. Wer war dieser Martin, und warum gibt es eigentlich Martinsumzüge mit Laternen und Martinssingen? Und was haben die Gänse damit zu tun?

Der Martinstag im Kirchenjahr ist dem Bischof Martin von Tours gewidmet und wird immer am 11. November gefeiert. Der legendäre Heilige wurde nämlich am 11. November im Jahr 397 beigesetzt. Dieser Martin hat die Menschen damals schwer beeindruckt. Bereits zu seinen Lebzeiten schreibt sein Freund Sulpicius Severus eine Biografie über ihn. Er erzählt, dass Martin ursprünglich Soldat ist, aber wegen seines christlichen Glaubens den Kriegsdienst verweigert. Darum wird Martin im Brauchtum immer noch als berittener Soldat im Offiziersmantel dargestellt. 
Martin wird in Ungarn in eine römische Offiziersfamilie hinein geboren. Der Vater ist Soldat und es ist klar: Der Sohn soll später ebenfalls Soldat werden. Als Martin zehn ist, kehrt die Familie in die Heimat des Vaters nach Oberitalien zurück. Dort lernt Martin den christlichen Glauben kennen und will sich taufen lassen. Aber seine Familie ist strikt dagegen. Widerwillig geht der 15-jährige Martin zum Militär. Als Soldat kommt er nach Mailand, Frankreich und Germanien. Er kämpft in etlichen Schlachten mit. Sein Glaube an Jesus, den liebenden Erlöser aller Menschen, wird gleichzeitig stärker und tiefer. Er lässt sich endlich taufen. Irgendwann ist die römische Armee ist in der Nähe von Worms stationiert. Die Germanen rücken heran. Ausgerechnet vor der entscheidenden Schlacht bittet Martin den römischen Kaiser, ihn aus dem Kriegsdienst zu entlassen. Seine Be-gründung: Er sei kein Soldat des römischen Kaisers, sondern ein Soldat Jesu Christi. Der Kaiser will das erst nicht erlauben und tut es dann doch. Mit wohl 40 Jahren wird Martin aus der Armee entlassen, nach 25 Dienstjahren.
Er geht nach Gallien und gründet dort das erste Kloster des Abendlandes. Martin wird ein asketischer Mönch. Er tut konsequent, was er glaubt. Er soll ein guter Zuhörer gewesen sein und wird als Nothelfer und Wundertäter bekannt. Als ein neuer Bischof für die Stadt Tours gesucht wird, wollen die Leute keinen anderen als Martin haben. Auch als Bischof bleibt Martin ein bescheidener Mensch. Statt in der Stadt zu leben, wohnt er lieber in den Holzhütten vor der Stadtmauer.
Er reist durchs Land, erzählt von der Liebe Gottes und dem Glauben an Jesus Christus. Er gründet neue Klöster und Pfarreien. Martin stirbt im Alter von 81 Jah-ren. Viele Menschen kommen zu seiner Beisetzung und trauern, als er am 11. November in Tours beigesetzt wird. 
Über den Heiligen Martin kursieren seitdem viele Geschichten. Zum Beispiel die: Martin ist gerade mal 18 und Soldat. Da begegnet ihm in der Stadt Amiens im Winter ein frierender Mann, der ihn um Unterstützung bittet. Außer seinen Waffen und seinem Militärmantel hat Martin nichts bei sich. Da teilt er seinen Mantel mit dem Schwert und gibt eine Hälfte dem Bettler. Der Legende nach ist ihm in der folgenden Nacht Christus im Traum erschienen, bekleidet mit dem halben Mantel, den er dem Bettler gegeben hat. Das erinnert Martin an Sätze von Jesus aus der 
Bibel. Da sagt Jesus: „Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet … Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“  (Matthäus 25,35-40) Diese Geschichte von Martin, der mit einem Bettler seinen Mantel teilt, wird heute in vielen Dörfern und Städten nachgespielt. 
Weiter wird erzählt: Als die Einwohner der Stadt Tours Martin zum Bischof ma-chen wollen, soll er sich in einem Gänsestall versteckt haben. Er empfand diese Ernennung als unangemessen. Aber die aufgeregt schnatternden Gänse verraten sein Versteck, und er muss das Bischofsamt annehmen. Davon leiten viele den Brauch ab, am Fest des Heiligen Martin eine Martinsgans zuzubereiten.
Seit dem Mittelalter wird der katholische Heilige Martin von Tours gern mit dem evangelischen Reformator Martin Luther verknüpft. Luther heißt deshalb mit Vornamen Martin, weil er am Martinstag, nämlich am 11. November 1483 getauft wurde, einen Tag nach seiner Geburt. Es war damals üblich, dass ein Täufling den Namen des Tagesheiligen bekam. Deshalb gibt es Martinsbräuche heute sowohl in den katholischen als auch in den evangelischen Kirchen. Martin ist ein kirchenübergreifender Heiliger. Ein Vorbild dafür, wie man Menschen in Not helfen kann, indem man etwas teilt.

Heute Abend sind wieder viele Kinder mit Laternen unterwegs und singen: „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind.“  Bei Martinsumzügen ist oft ein Reiter auf einem echten Pferd mit dabei und spielt die Geschichte, wie der Heilige Martin seinen Mantel mit einem Bettler teilt. Die Kinder erleben, wie wichtig es ist, Mitgefühl zu haben und Menschen in Not zu helfen. Ich finde, damit pflanzen wir der künftigen Generation etwas Gutes ein. Nämlich teilen, was wir haben, Bedürftigen helfen, dass sie nicht erfrieren und nicht hungern. Das ist zutiefst mitmenschlich. In der Bibel steht: Wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott. (Sprüche 14,31) Dazu kann Sankt Martin von Tours bis heute anregen. Und sein Namensverwandter Martin Luther auch. Luther hat neu entdeckt, was in der Bibel steht, näm-lich: Gott liebt jeden Menschen, egal ob reich oder arm. Gott ist besonders denen nahe, die hungern, frieren und Hilfe brauchen. Jesus Christus sagt: „Was ihr Menschen in Not getan habt, das habt ihr mir getan.“ Martin von Tours hat so gelebt und so gehandelt. Er hat spontan und ohne Vorbehalte geholfen. Er hat Nachteile in Kauf genommen, damit es auch anderen Menschen gut geht. Wenn es nur mehr von solchen Martins gäbe! 
Bei mir in Marburg vor dem Zentrum meiner Kirchengemeinde sitzen immer wieder Menschen, die betteln. Ich könnte mir sagen: Dafür bin ich nicht zuständig. Oder: Die sind doch sicher organisiert. 
Ich kann ihnen aber auch einfach etwas von dem geben, was ich habe. Ohne daran zu denken, wie sie damit umgehen. 
Und das tue ich. Meine Frau und ich haben in unserem Auto immer eine warme Decke liegen. Wenn wir jemanden treffen, der auf der Straße lebt, geben wir ihm die Decke zusammen mit etwas zu essen. Besonders jetzt im Herbst und im Win-ter. Es tut uns auch selber gut, das zu tun. Wer weiß, ob nicht auch wir mal in eine Lage kommen, in der wir auf Menschen angewiesen sind, die teilen, ohne zu fordern. 

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