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Im Angesicht der Trauer
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Im Angesicht der Trauer

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Vor einem Jahr war das: Hochbetrieb in der Einkaufsstraße. Die Geschäfte voll, die Menschen eilen, Tüten und Taschen in der Hand.

Ich will nichts kaufen, nur schlendern, vielleicht etwas essen. Alle paar Meter stehen Menschen am Straßenrand. Heben Schilder in die Höhe, demonstrieren für etwas.

Auch drei Chinesinnen. Sie haben Mäntel an, obwohl es warm ist. Und sehen traurig aus. Jede von ihnen hält ein großes Schild. Darauf steht etwas auf Chinesisch. Ich verstehe nichts. Ich sehe nur ihre Trauer. Und erinnere mich, dass in China unterrückt wird. Wer anderer Meinung ist als die Partei, kommt ins Gefängnis. Wer gläubig ist, darf das nicht zeigen. Ganze Volksgruppen leben in Lagern.

Vielleicht haben die Frauen damit zu tun. Ich kann ja nichts lesen, gehe vorbei. Ich setze mich in ein Café, aber die drei Frauen vergesse ich nicht. Wie sie dastehen: traurig, trotzig, irgendwie auch mit Hoffnung. Dass jemand sie versteht, ihre Verwandten nicht vergisst. Vielleicht sitzen sie in China im Gefängnis, ohne Verbindung zur Familie.

Ich kann nichts tun. Wieder nicht. Ich kann so viel nicht tun. Die Nachrichten erzählen mir Probleme und Sorgen aus vielen Ländern. Ich weiß viel und kann wenig tun.

Die drei Frauen stehen immer noch da, als ich nach Hause gehe. Tapfer sind sie, beharrlich. Am Abend zuhause fallen sie mir auch wieder ein. Ich fühle mich klein, ohnmächtig. Kannst du, Gott, dich nicht darum kümmern?, sage ich vor mich hin. Lass sie bitte nicht allein. Vielleicht haben sie nur noch dich.

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