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Nur ein Brot
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Nur ein Brot

Dr. Peter-Felix Ruelius
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Dr. Peter-Felix Ruelius,

Leiter ZB Christliche Unternehmenskultur & Ethik bei der BBT-Gruppe, Koblenz
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Ganz im Westen Europas, in der Kathedrale der bretonischen Stadt Quimper, beobachte ich in diesem Sommer etwas Besonderes: Unter der Statue eines Heiligen steht ein Tisch. Eine Frau mit Einkaufstaschen geht vorbei, nimmt ein Baguette aus ihrer Tasche und legt sie auf den Tisch. Kurze Zeit später: wieder legt jemand dort ein Brot ab. Fast immer liegt dort frisches Brot. Eine Baguette oder mehrere. Was passiert hier?
Seit rund 600 Jahren gibt es den Brauch, dass man bei der Statue des „kleinen schwarzen Heiligen“ oder des „Santig Du“, wie er auf bretonisch heißt, Brot spendet. Die Armen, die es brauchen, nehmen es von dort mit. Die Erinnerung an den bretonischen Franziskaner Jean Discalceat, wie er mit richtigem Namen hieß, wird auf diese Weise wachgehalten. Er war zu seinen Lebzeiten tatsächlich ein Patron der Armen, organisierte Sammlungen während der Hungersnot in seiner Heimat und half den Pestkranken in der Stadt.
Die Brote auf dem Tisch vor seiner Statue erinnern mehr als alle Worte und Erklärungen an die Großzügigkeit dieses Menschen, der vor langer Zeit gelebt hat.
Wenn es endgültig Herbst geworden ist - die Felder sind längst abgeerntet - kommt mir manchmal die Frage in den Sinn, was von meinem Leben einmal bleiben wird. Welche Spuren und Wirkungen reichen über meine Lebenszeit hinaus? Ein schöner Gedanke ist der: Großzügigkeit strahlt aus, steckt andere an, sie stiftet Gemeinschaft unter den Menschen, immer wieder, an vielen Orten.
Im Wissen, dass ich selbst in ganz Vielem beschenkt bin, kann ich von dem, was ich habe, etwas abgeben. Wenn ich Menschen die Gelegenheit gebe, meine Großzügigkeit zu erleben, dann lassen sie sich davon vielleicht anstecken, und das wirkt weiter. Wenn Freigiebigkeit eine Grundmelodie meines Lebens wird, dann bleibt das nicht ohne Wirkung. Beim „Santig Du“ aus der Bretagne funktioniert das immerhin schon seit 600 Jahren. Mein eigener Horizont darf ruhig bescheidener sein, aber so viel ist sicher: Die Verwandlung der Welt beginnt immer mit den guten Handlungen einzelner Menschen, auch mit dem einen Brot, das jemand für die Armen gibt.

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