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hr4 Ostersonntagsgottesdienst - Wenn das Meer der Angst sich teilt
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hr4 Ostersonntagsgottesdienst - Wenn das Meer der Angst sich teilt

Anja Harzke
Ein Beitrag von

Anja Harzke,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt am Main
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Aus der evangelischen Dornbuschkirche in Frankfurt
4. April 2021
10.04 - 11.00 Uhr

Predigt von Pfarrerin Anja Harzke über 2. Mose 14-15

Liebe Hörerin, lieber Hörer! Liebe Gemeinde!

Jetzt ist es still. Das Wasser hat sich verlaufen. Das Meer liegt wieder glatt da, als wäre nichts gewesen. Die Feinde sind weg, die eben noch dicht auf den Fersen waren. Und die, die vor ihnen geflohen sind, haben es geschafft. Sie sind am rettenden Ufer angekommen. Sie können es kaum fassen: Wir atmen. Wir leben. Wir sind gerettet.

"Da nahm Mirjam, die Prophetin, die Schwester Aarons, eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem Herrn singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt." (2. Mose 15,20-21)

Die Israeliten sind gerettet

Ja, sie haben es geschafft. Die Israeliten sind durch das geteilte Meer gezogen. Das Herz schlug ihnen bis zum Hals. Die Wassermassen standen bedrohlich neben ihnen. Würden sie halten? Oder würden die Wassermassen über ihnen zusammenschlagen? Die Angst war ihre Begleiterin.

Sie haben die harten Zeiten in Ägypten hinter sich gelassen

Hinter ihnen die Verfolger. Die Soldaten des verhassten Pharaos. Hinter ihnen bittere Zeiten, ein System, das sie unterdrückt hat. Sie mussten für den Pharao wie Sklaven schuften. Endlose Tage mit harter Arbeit, Drangsalierung, Gewalt.

Die Israeliten waren in Ägypten ein kleines Volk in der Fremde, eine Minderheit ohne Rechte. Zu essen hatten sie schon. Die Bibel nennt es "die Fleischtöpfe Ägyptens". Aber sie hatten keine Aussicht auf ein gutes Leben. Nicht unter diesem Herrscher.

Moses sagte: Wir ziehen in die Freiheit

Und dann Mose! Einer von ihnen. Der einfach sagt: Kommt! Gott ruft euch in die Freiheit. Gott hat euer Elend gesehen. Gott will euch herausführen aus diesem Leben ohne Perspektive. Es ist genug. Wir gehen! Wir ziehen in die Freiheit.

Und sie sind losgezogen. Was für ein Wahnsinn. So viele Menschen, Männer, Frauen und Kinder, brechen auf, mitten in der Nacht. Mit der Hoffnung, dass es besser wird. Mit der Hoffnung auf ein freies Leben für sie selbst und ihre Kinder. Mit der Hoffnung darauf, dass Gott dabei ist und sie durch alles hindurchführt.

Gott bahnt ihnen einen Weg duch das Wasser

Nun stehen sie da – vor sich das Schilfmeer, die Soldaten des Pharaos im Nacken. Sie haben die Wahl: niedergemetzelt werden oder ertrinken. Ihre Vergangenheit droht sie einzuholen. Was vor ihnen liegt, ist unergründlich wie das Meer. Aber Gott bahnt ihnen durch das Wasser einen Weg.

Die Prophetin Mirjam singt ein Lied auf die Freiheit

Die Israeliten wagen es und - sie kommen durch. Gegen alle Wahrscheinlichkeit schaffen sie es ans andere Ufer. Ein großes Atemholen - und ein Lied. Die Prophetin Mirjam stimmt es an, und viele andere Frauen singen mit.

Ein Lied auf die Freiheit. Ein Lied auf die Rettung vor dem Tod. Ein Lied für Gott, der sie gerettet hat und Leben schenkt. "Lasst uns dem Herrn singen, denn er ist hoch erhaben."

Musik: Joseph Haydn: Quartett in D-Dur Op. 64, Nr.5, 4. Finale: Vivace

Es gibt Geschichten, die begleiten ein Leben lang

Es gibt Geschichten, die begleiten ein Leben lang. Sie erklären die Vergangenheit, wie ich mich selbst verstehe, wo ich herkomme. Sie stiften Zusammengehörigkeit.

So eine Geschichte ist die in der Bibel vom Auszug der Israeliten aus Ägypten und ihre Rettung am Schilfmeer. Sagenhaft ist sie. Ein Meer teilt sich und lässt die Menschen hindurch.

Eine Ur-Erzählung des jüdischen Glaubens

Diese Geschichte ist eine der Ur-Erzählungen des jüdischen Glaubens. Bis heute erinnern Jüdinnen und Juden jeden Frühling beim Passahfest daran. Sie feiern diesen Auszug aus Ägypten wie eine Geburtstagsfeier. Sie versetzen sich in die Geschichte hinein und sagen einander: Denkt daran, wie ihr in Ägypten wart und Gott euch befreit hat!  Da hat alles begonnen.

Eine Geschichte von Urängsten und Bedrohung

Wir Christinnen und Christen reihen uns ein in diese Geschichte aus der hebräischen Bibel. Denn sie erzählt von Urängsten und Bedrohungen. Sie erinnert daran: Es gibt Rettung vor dem Tod. Es gibt das Geschenk neuen Lebens. Das feiern wir heute an Ostern.

Du denkst, es geht nichts mehr

Du denkst, es geht nichts mehr. Das ist das Ende. Und dann geht auf einmal doch etwas wie durch ein Wunder.

Die Angst vor einer Entscheidung kann lähmen

Ich denke an Zeiten, die sich so anfühlen, als müsste ich gegen Wassermassen ankämpfen. Die Angst überflutet einen, die Feinde sitzen im Nacken, und man glaubt: Hier komme ich niemals heil raus.

Das kann auch die Angst vor einer Entscheidung sein, die lähmt. Situationen, in denen man denkt: Es geht mir zwar nicht gut. Aber meine Lage ist immerhin stabil. Ich bin einigermaßen sicher.

Das meint die Bibel mit den "Fleischtöpfen Ägyptens". Es reicht zum Überleben. Aber es ist kein gutes Leben. Wenn es besser werden soll, müsste ich aufbrechen. Aber kann ich mich dazu überwinden?

Die Geschichte der Israeliten gibt Hoffnung

Die Israeliten tun es. Sie brechen auf. Ihre Geschichte in der Bibel vom Durchzug durch das Schilfmeer macht Hoffnung in schweren Zeiten.

Sie erzählt: Es gibt Rettung allen Ängsten zum Trotz. Das, was ich nicht mehr zu hoffen gewagt habe, tritt ein. Nicht die übermächtigen Feinde siegen, sondern die Kleinen gewinnen, die Verfolgten.

Und Mirjam stimmt ihr Lied an: "Lasst uns dem Herrn singen, denn er ist hoch erhaben."

Musik: Franz Schubert: Mirjams Siegesgesang (6. Satz: Drum mit Cymbeln und mit Saiten lasst den Hall es tragen weit)

Ein Lied vom Sieg über Ängste und Schwermut

In der biblischen Geschichte für diesen Ostersonntag ziehen die Israeliten durch das Schilfmeer und sind gerettet. Und Mirjam stimmt ein Lied auf Gott an.

Sie singt vom Sieg über Ängste und Schwermut, vom Sieg über die Mächtigen und Unterdrücker, vom Sieg über den Tod.

Ein Lied, das die Hoffnung stärkt

Ich brauche solche Lieder und Geschichten. Sie stärken meine Hoffnung. Besonders jetzt bei all dem, was wir seit mehr als einem Jahr durchmachen. Krankheit und Sterben in Corona-Zeiten. Verzicht. Sich eingesperrt und einsam fühlen. Das Leben nicht mehr planen können. Nicht wissen, wie wir durchkommen.

Diese Erfahrung und Ängste stehen in der biblischen Geschichte. Aber da steht eben auch, wie Mirjam singt. Sie gibt den Takt vor: Gott rettet. Gott führt hindurch und bahnt einen Weg, damit wir leben können.  Mirjam ist mit durch das Schilfmeer gezogen. Ihre Füße sind noch nass vom Meeresboden. Sie singt von der Rettung vor dem Tod – mit nassen Füßen.

Die Rettung der einen bedeutet den Tod der anderen

Heißt: Es wird nicht alles gut, nicht alles perfekt. Ihr müsst schon hindurch durch die Wassermassen links und rechts über den schlammigen Untergrund. Ihr habt noch lange das Wasser an den Füßen.

Aber ihr werdet frei sein. Neue Möglichkeiten haben. Leben. Doch das hat einen schalen Beigeschmack. Die Soldaten des Pharaos, Ross und Reiter, kommen um. Die Rettung der einen bedeutet den Tod der anderen.

Gott steht auf der Seite der Schwächeren 

Aber das Lied der Mirjam ist kein grölender Siegesgesang. Sie singt nicht: Wir sind die Größten und Stärksten – die anderen sind nichts.

Mirjam dankt und lobt Gott, weil er auf der Seite der Schwächeren steht. Gott befreit die Unterdrückten und rettet die Verfolgten.

Das ist das Lied der Mirjam. Ein Lied auf das Leben, das siegt. Das feiern wir an Ostern. Gott rettet vor dem Tod und schenkt Leben.

An Ostern gewinnen alle das Leben

An Ostern stirbt nur einer: der Tod. Und alle gewinnen das Leben. Gott erweckt Jesus vom Tod. Nicht das Kreuz, nicht das Sterben, sondern das Leben siegt.

Die Hoffnung darauf hilft mir durch vieles hindurch. Wenn ich das Gefühl habe, das Wasser schlägt über mir zusammen, ich habe nur schlammigen Boden unter den Füßen. Dann mache ich mir Mut mit der Erinnerung daran: Gott rettet.

Feindliche Krebszuellen wegschwemmen

Die Lebensgeschichten, die wir vorhin gehört haben, sind für mich Ostergeschichten. Der Mann mit der Krebserkrankung, der sich vorstellt: Die Chemotherapie ist wie eine Flut, die die feindlichen Krebszellen wegschwemmt und ihn ans rettende Ufer kommen lässt. Diese Vorstellung hilft ihm.

"Wie fröhlich bin ich aufgewacht"

Die Frau mit ihren 86 Jahren, die erzählt: Das Gebet "Wie fröhlich bin ich aufgewacht" hat immer wieder ihr Vertrauen gestärkt: Auch im Schlimmsten, ich bin getragen. Gott hilft mir hindurch. 

An Ostern stirbt nur einer: der Tod

An Ostern stirbt nur einer: der Tod. Und wir dürfen leben. Wir kommen nicht immer trockenen Fußes durch das Schilfmeer.

Manches, was das Leben bedroht, wird nicht einfach weggeschwemmt. Mancher Schmerz bleibt lange.

Aber ich hoffe, am Ende können wir wie Mirjam singen: unser Lied auf das Leben. Unser Lied auf Gott, der rettet und Leben schenkt. Heute und in Ewigkeit.
Amen.

Liturgie + Predigt: Pfarrerin Anja Harzke
Moderation und Lesung: hr4 Moderator Hermann Hillebrand
Liturgische Mitwirkung: Maria Koschate
Musik: Charlotte Vitek (Orgel), Lara Rieken (Sopran), Annina Merz (Alt), Dominik Hambel (Tenor), Josua Bernbeck (Bass), "Merian Quartett" mit Hans Henning Ernst (Erste Violine), Hanna Bruchholz (Zweite Violine), Belén Barbará Chermá (Bratsche), Lara Jakobi (Violoncello); Sebastian Kellner (Trompete)
Musikalische Gesamtleitung: Charlotte Vitek; Beratung: Kantor Uwe Krause
Kirchliche Redaktion: Martin Vorländer

 

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