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Schwächen als Chance

Schwächen als Chance

Prof. Dr. Gerhard Stanke
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Prof. Dr. Gerhard Stanke,

Domkapitular
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Eine chinesische Geschichte erzählt von einer alten Frau, die zwei große Schüsseln hatte, mit denen sie Wasser holte. Diese Schüsseln hingen an dem Ende einer Stange, die sie über ihrer Schulter trug. Eine davon hatte ein Sprung, die andere war ganz. Wenn die Frau vom Fluss nach Hause kam, dann war eine der Schüsseln noch ganz voll, und die andere halb leer. Die unversehrte Schüssel war stolz auf ihre Leistung, während jene mit dem Sprung sich deswegen schämte. Sie war traurig, dass sie die Hälfte des Wassers unterwegs immer verlor.

Endlich wagte sie, die alte Frau anzusprechen und sagte: „Ich schäme mich so wegen meines Sprungs, aus dem den ganzen Weg zu deinem Haus immer Wasser läuft.“ Die Wasserträgerin lächelte und sagte: „Ist dir nicht aufgefallen, dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite der anderen Schüssel aber nicht? Ich habe auf deiner Seite Blumensamen gesät, weil ich mir deines Fehlers bewusst war. Nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen. Zwei Jahre lang konnte ich diese wunderschönen Blumen pflücken und den Tisch damit schmücken. Wenn du nicht genau so wärst, wie du bist, würde diese Schönheit ja gar nicht existieren.“

Fehler und Macken sehen wir oft als etwas Negatives an. Das stimmt ja sicher auch in mancher Hinsicht. Ich ärgere mich jedenfalls, wenn ich Aufgaben nicht zur Zufriedenheit derer, die sie mir übertragen haben, oder auch zu meiner eigenen erfülle. Die kleine chinesische Geschichte hat mich angeregt, darüber nachzudenken, ob es das in der Erzählung Beschriebene nicht auch in meinem Leben gibt. Die eine der beiden Schüsseln aus der Geschichte ist traurig, dass sie die Hälfte des Wassers unterwegs immer verliert. Gott, der ja aus der alten weisen Frau spricht, hat sicher auch meine Unzulänglichkeiten ebenso wie die aller Menschen, im Blick… Darauf vertraue ich.

Ein zweiter Aspekt in dieser Geschichte ist mir auch noch wichtig: Die Frau, die die beiden Schüsseln trug, hat dadurch mitgewirkt, dass die Blumen wuchsen und blühten. Sie hat nämlich die Blumensamen ausgestreut, die dann aufgegangen sind, weil sie regelmäßig gegossen wurden. Obwohl ich in bestimmter Hinsicht ein Perfektionist bin, habe ich oft erfahren, dass manches besser gelungen ist, wenn ich um Hilfe gebeten habe. Damit habe ich meine eigenen Grenzen anerkannt und auch nach außen gezeigt. Ich habe erfahren, dass daraus Positives entstanden ist durch die Mithilfe anderer. Oft merkte ich danach auch, dass es anderen gut getan hat, um Hilfe gefragt zu werden.

Auf einer Spruchkarte las ich vor einiger Zeit den Satz: „Unsere Grenzen sind die Einfallstore Gottes.“ Ich sage: Unsere Schwächen können uns bereit machen, Gott und unsere Mitmenschen um Hilfe zu bitten.

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