Ihr Suchbegriff
Beitrag anhören:
Der Jugend eine Zukunft geben
Bildquelle: pixabay

Der Jugend eine Zukunft geben

Helmut Schlegel
Ein Beitrag von

Helmut Schlegel,

Franziskanerpater, Geistlicher Begleiter und priesterlicher Mitarbeiter im Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität, Frankfurt
Beitrag anhören:

Jeroncio Manuel Osorio ist 18 Jahre alt. Er gehört dem Stamm der Kuna an, dem weltweit bekanntesten indigenen Volk Panamás. Bis heute pflegen die Stammesangehörigen ihre Jahrhunderte alten Traditionen. Die Frauen tragen ihre handgestickte Tracht, die Männer fahren morgens mit dem Boot zum Fischen oder gehen auf die Felder, wo sie Maniok, Ananas und Kokosnüsse anbauen. Zwei Mal in der Woche treffen sich alle Dorfbewohner im Gemeindehaus. Sie lauschen den spirituellen Gesängen oder diskutieren aufgeregt politische Themen. Aber den Inselbewohnern geht es nicht gut. Sie sind arm und wohnen in windschiefen Hütten. Der steigende Meeresspiegel und der zunehmende Müll bedrohen die Insel. Kein Wunder, dass viele Kuna auf das Festland ausgewichen sind.

Jeroncio ist einer von ihnen. Nach dem Abitur vor einem Jahr ist er in die Hauptstadt Panama-City gezogen. Dort studiert er an der Universität Öffentliche Verwaltung. In dem kleinen und bescheidenen Holzhaus, das er mit seinen Geschwistern bewohnt, wirkt die moderne Technik wie ein Fremdkörper: er schreibt am Computer und sein Handy ist immer online. 

Hier in der Hauptstadt ist alles ganz anders als auf der Insel. Die ganz eigene Kultur der Kuna, ihre Geschichte und Identität droht, sich nach und nach aufzulösen. Jeroncio hat sich mit anderen Jugendlichen des Stammes zum Ziel gesetzt, diesem Trend entgegen zu wirken. Sie treffen sich regelmäßig in der katholischen Kuna-Gemeinde. Hier feiern sie Gottesdienste in ihrer Sprache. Hier nähen sie die traditionellen Kleider aus bunten Stoffen. Hier erzählen sie die alten Mythen und studieren die Babigale, die Heiligen Schrift der Kuna. Jeroncio sieht in der Arbeit der Kirche eine Alternative zum Drogenkonsum und zur sozialen Verwahrlosung vieler Jugendlicher.

Musik 1:  Matiteí América, Harps of Paraguay,  Nr. 1: Llegada

Rund zwei Autostunden von Panama-City entfernt im Nordosten des Landes liegt die Stadt Colón-Kuna Yala. Sie zählt 100.000 Einwohner und ist bekannt für ihren Hafen mit der großen Freihandelszone. Hier werden täglich tonnenweise Waren aus der ganzen Welt verladen und weitergeschickt. Ein Millionengeschäft. Auch die luxuriösen Kreuzfahrtschiffe legen hier an, Schnäppchenjäger gehen von Bord, um Handtaschen, Uhren und Parfum von Luxusmarken günstig einzukaufen.

Ganz im Gegensatz zum Hafen und der Freihandelszone gilt die Innenstadt von Colon als der gefährlichste Ort in ganz Panama. Wer hier nach Sonnenuntergang noch auf den Straßen unterwegs ist, spielt mit seinem Leben. Und auch bei Tage ist ein Besuch riskant.

Das war einmal anders. Aber nachdem die Vereinigten Staaten 1999 ihre Hoheit über den Kanal aufgaben und die US-Verwaltung samt Armee abzog, geriet die Stadt in einen Abwärtsstrudel. In den wenigsten Wohnungen der Innenstadt gibt es Strom oder fließendes Wasser. Kaum ein Haus hat eine funktionierende Toilette, Fassaden und Treppen sind so marode, dass sie immer wieder in sich zusammenbrechen.

Und trotzdem: Auch hier in Colón leben Jugendliche, die ihre Vision von einem besseren Leben nicht aufgeben. Einer von ihnen ist Yithzaks González Murgas. Tagsüber arbeitet der 25-Jährige in einem Logistikunternehmen. Abends und an den Wochenenden findet man ihn in seiner Kirchengemeinde. Er motiviert die Jugendlichen, die Alten und Kranken der Gemeinde zu besuchen, er bildet ehrenamtliche Gruppenleiter aus und initiiert Armenspeisungen. Yithzak sagt:  „Das Leben der Jugendlichen in unserer Stadt ist alles andere als einfach. Auch wenn in der Freihandelszone nebenan jeden Tag zig Millionen umgesetzt werden, bekommen die Wenigsten, die hier wohnen, davon etwas ab. Viele sind frustriert, ihnen fehlen Perspektiven. Sie nehmen Drogen oder werden Teil von kriminellen Banden, die die Stadt unsicher machen. Ich will den jungen Menschen Gott näher bringen und ihnen zeigen, dass jeder von uns in dieser Welt eine Aufgabe hat“.

Musik 2: Matiteí América, Harps of Paraguay,  Nr. 4: Cajita de arpa

Yithzak und die anderen Jugendlichen in Colón werden bei ihren Projekten unter anderem von Adveniat  unterstützt. Das Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland steht für kirchliches Engagement an den Rändern der Gesellschaft und an der Seite der Armen. Mit jährlich rund 3.000 Projekten und mit einem Gesamtvolumen von 45 Millionen Euro ist Adveniat die europaweit größte Hilfsaktion für Lateinamerika und die Karibik. Das Hilfswerk finanziert seine Arbeit  zum größten Teil aus Spenden. Die Hilfe wirkt: Vielen tausend jungen Menschen in Lateinamerika können neue Perspektiven gegeben werden: Sie können Schulen  besuchen, eine Ausbildung beginnen, den Lebensunterhalt selbst verdienen.

„Chancen geben – Jugend will Verantwortung“, heißt das Motto der diesjährigen Weihnachtsaktion von Adveniat. Heute, am ersten Adventssonntag, wird die Aktion gestartet – die bundesweite Eröffnung findet bei uns in Hessen statt. Die Jugendkirche Kana in Wiesbaden lädt zu einem weltkirchlichen Gottesdienst mit Gästen aus Lateinamerika ein, ein abwechslungsreiches Programm auf dem Schlossplatz schließt sich an. Ich bin sicher, die Begegnung mit den Jugendlichen aus Lateinamerika tut auch den Einheimischen gut.

Musik 3: Matiteí América, Harps of Paraguay,  Nr. 8: Jeroky popó

Ich selbst erinnere mich gerne an meine Besuche in Brasilien: die Kirchen sind voll und die Besucherinnen und Besucher meist jünger als 30 Jahre. Kinder sind willkommen, junge Müttern und Väter gestalten den Gottesdienst mit, rhythmische Lieder laden ein zum Mitsingen und manchmal auch zum Tanzen.  Mit meinen Erinnerungen kommt auch so etwas wie Wehmut auf. Ich denke an Gottesdienste und in Gemeindeversammlungen hierzulande: Warum trifft sich da fast ausschließlich die 60-plus-Generation? Warum ist alles so ernst? Warum fehlen die Kinder und Jugendlichen? – Ich kann nicht glauben, dass die Jugend Europas keine Ideale und Werte hat. Ich weiß von vielen Gesprächen, dass sich junge Menschen sehr wohl ernste Lebensfragen stellen: Ob das Leben einen Sinn hat. Ob es Gott gibt.

Neulich hatte ich ein Gespräch mit einer 25-jährigen Psychologiestudentin. Sie sagte: „Ich trage immer Kopfhörer, ich höre ständig Musik. Nur so kann ich mich konzentrieren und arbeiten“. Auf meine Frage: „Hältst du das Alleinsein nicht aus?“ schüttelte sie mit dem Kopf und sagte:  „Im Gegenteil, für mich ist die Musik ein Schutz gegen das ‚Ständig-unter-Menschen-sein-müssen‘. Ich brauche Rückzug und auch eine gewisse Distanz.“ Ich fragte sie auch, was Glaube und Religion für sie bedeuten. Ihre Antwort: "Von  einer Kirche, die beispielsweise Homosexuelle ausgrenzt, halte ich nichts und von den Gottesdiensten mit ihren Ritualen fühle ich mich wenig angesprochen. Aber mit meinen besten Freunden spreche ich manchmal stundenlang über Gott und die Welt. Und das im wahrsten Sinn des Wortes.“  Aus der Kirche austreten will sie nicht. Sie sagt: „Ich kenne auch Beispiele wirklich guter Arbeit, etwa den Einsatz der Franziskaner für Menschenrechte in der UN oder Projekte in Lateinamerika.“

Musik 4: Matiteí América, Harps of Paraguay,  Nr. 11: Coronel Martinez

Jugendliche wie Jeroncio und Yitzhak in Panama oder auch die jungen Gottesdienstbesucherinnen und –besucher in Brasilien zeigen mir, dass es durchaus Gemeinsamkeiten zwischen Jugend und Kirche gibt. Und ich glaube nicht, dass Jugendliche in Lateinamerika so ganz anders „ticken“ als hierzulande. Es geht ja doch beiden um die Zukunft. Es geht um die gemeinsame Aufgabe, unsren Planeten Erde zu schützen und zu erhalten. Es geht um ein gutes Leben für alle. Es geht um die Botschaft des Evangeliums, dass wir alle Kinder Gottes sind. Jugend und Kirche – mit Blick auf uns in Europa frage ich mich, ob nicht wir Erwachsene da eine Türe zugemacht haben.

Ich denke, dass diese Frage auch Papst Franziskus umgetrieben hat, als er vom 3. bis 28. Oktober 2018 zu einer weltweiten Jugendsynode einlud.  Zuvor bat er die Jugendlichen in aller Welt, sich zu äußern und ihre Fragen zu stellen.  Das taten sie – sehr freimütig und offen:  Die Beteiligung der Frauen an der Leitung in der Kirche sei eine Frage der Gerechtigkeit. Und weiter: Über Sexualität müsse offen gesprochen werden; Homosexuellen müsse ermöglicht werden, in Freiheit und Verantwortung ihre Berufung zu leben. Noch viele andere Fragen stellten die Jugendlichen.

Bemerkenswert fand ich, dass sich Papst Franziskus beim Abschlussgottesdienst im Petersdom entschuldigt hat. Er wolle – so wörtlich – „den jungen Menschen im Namen von uns Erwachsenen sagen: Verzeiht uns, wenn wir euch oft kein Gehör geschenkt haben; wenn wir, anstatt euch unser Herz zu öffnen, eure Ohren vollgeredet haben.“ Die katholische Botschaft dürfe sich weder auf „lehrmäßige Formulierungen“ konzentrieren, noch „moralistisch“ werden.

Musik 5: Matiteí América, Harps of Paraguay,  Nr. 16: Maltei América

Ich gehe mit meinen Gedanken noch einmal nach Panama. Papst Franziskus hat zum Weltjugendtag vom 16. bis 29. Januar 2019 nach Panama-City eingeladen. Das gigantische Treffen – der letzte Weltjugendtag 2016 in Krakau zählte rund 1,5 Mio. Jugendliche – stellt das kleine Land Panama mit seinen 3,9 Mio. Einwohnern vor gewaltige Herausforderungen. Dass Franziskus die Jugend der Welt gerade dorthin einlädt, hat mehrere Gründe. Zum einen wurde exakt vor 500 Jahren die Hauptstadt Panama-City gegründet. Zum anderen weisen die Bürgerinnen und Bürger des Landes mit Recht darauf hin, dass ihr Land eine Art Brückenfunktion hat. Der Panama-Kanal verbindet den atlantischen und den pazifischen Raum. Außerdem ist das Land die Brücke von Süd- nach Nordamerika und nimmt unter anderem für die Migration von Süd nach Nord eine Schlüsselstelle ein. Die kirchlichen Einrichtungen Panamas sehen sich verpflichtet, Flüchtlinge aufzunehmen, die auf eine Weiterreise ins nördlich gelegene Nicaragua und weiter in die USA hoffen. Gut, dass der Papst und die Kirche Panamas mit dem Weltjugendtag auf die Brisanz der Armutsmigration hinweisen – gerade jetzt, da Präsident Trump die Flüchtenden als Terroristen und Kriminelle diskriminiert. Das Zeichen gilt auch den Regierenden im Land. Denn obwohl Panama durch den Schifffahrtsweg große Einkünfte erwirtschaftet, leben rund 36 Prozent der Bevölkerung in zum Teil extremer Armut. Die Kirchen des Landes sagen zu Recht: die Mehreinnahmen, die durch die jüngste Erweiterung des Panama-Kanals erwirtschaftet werden, stehen dem ganzen Volk zu. Sie müssen konsequent für die Armutsbekämpfung eingesetzt werden. 

Musik 6: Matiteí América, Harps of Paraguay,  Nr. 18: Waterfall

Wenn Papst Franziskus für den Weltjugendtag 2019 Maria, die Mutter Jesu, zur Symbolfigur erklärt, setzt er auch damit einen besonderen Akzent. Das Motto des Treffens heißt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Das klingt sehr harmlos und unpolitisch. Aber wer in der Bibel genau liest, stellt fest: Im Ja-Wort Marias steckt auch ein entschiedenes Nein gegen Gewalt und Unterdrückung. Für die Christinnen und Christen in Lateinamerika ist das so genannte Magnificat, das Befreiungslied Marias, das Lukas ganz an den Anfang seines Evangeliums gestellt hat, zu einem besonderen  Hoffnungstext geworden

Meine Seele preist die Größe des Herrn, 
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.
Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:
Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;
er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er nimmt sich seines Knechtes Israel an
und denkt an sein Erbarmen,
das er unsern Vätern verheißen hat,
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.


Musik 7: Matiteí América, Harps of Paraguay, Nr. 20: Recuerdos de Ypacaral

Musikauswahl: Ricarda Moufang, Frankfurt

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren