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Das ist die Krise
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Das ist die Krise

Steffen Flicker
Ein Beitrag von

Steffen Flicker,

Schulleiter der katholischen Schule Marianum Fulda und Vorsitzender des Katholikenrates im Bistum Fulda

"Das ist die Krise!" Wie oft habe ich in den vergangenen Wochen diese Aussage gehört. Die Sorge um das Corona-Virus und die damit verbundenen Einschränkungen treibt die Menschen um. Obwohl die Regierung manche Lockerungen hat, haben viele Menschen Angst. Sie fürchten um ihre Zukunft.

Was ist das eigentlich "eine Krise"? Vom griechischen Begriff  "krisis" abgeleitet bedeutet es so viel wie "Meinung" oder "Entscheidung". In einer Krise muss ich mich entscheiden. Entscheidungen werden getroffen. Das Lexikon klärt den Begriff so: Krise ist ein Wendepunkt in einer gefährlichen Konfliktentwicklung. Krise – eine Ausnahmesituation. Eine Zeit des Umbruchs. Eine Zeit der Entscheidung. Eine Zäsur. Und genau das empfinden viele Menschen in diesen Tagen. Gewohntes und Vertrautes wird unterbrochen. Das, was meinen Alltag sonst prägt und leitet, findet so nicht mehr statt. Das macht mich unsicher und unruhig. Ich muss mich umstellen, Einschränkungen akzeptieren, auf Distanz gehen, Abstand halten, um andere und mich zu schützen. Für mich klingt das wie ein Widerspruch.

Eine Krise ist eine Ausnahmesituation - keine Frage. Aber jede Krise bietet auch Chancen. Da ist zum einen die Chance, manches auf den Prüfstand zu stellen: Wenn ich mich einschränken soll, werde ich unweigerlich mit der Frage konfrontiert: Worauf kommt es eigentlich im Leben wirklich an? Was kann ich weglassen? Weglassen bedeutet ja einen Weg lassen für anderes, was ich bislang nicht im Blick hatte. Weglassen und Weg lassen. Und da ist zum anderen die Chance, Dinge zu tun, zu denen ich lange nicht gekommen bin: mehr Zeit mit der Familie, ein Anruf bei einem Freund. Kürzlich habe ich sogar wieder Briefe an Bekannte geschrieben. Menschen werden kreativ: buntbemalte Steine an Wegesrändern, Videobotschaft an die Großeltern, digitale Gottesdienste und vieles mehr. Tolle Ideen, die Menschen wieder zusammenbringen obwohl sie voneinander Abstand halten sollten.

In Krisen eine Chance sehen. Sich konzentrieren, Neues entdecken und den Blick füreinander öffnen. Ich persönlich sehe noch eine weitere Dimension: auch den im Alltag vielfach verstellten Blick auf Gott wiederfinden. Und so stelle ich mir die Frage: Wo hat Gott seinen Platz in meinem Leben? Ich habe nicht alles in der Hand, kann nicht alles steuern und lenken. Aber ich lebe im Vertrauen auf Gott. Meine Fragen, meine Sorgen und Nöte, die ich in diesen Krisenzeiten habe. Alles, was mich bewegt und beschäftigt – ich trage es zu Gott. Vielleicht ist das für manche eine naiv anmutende Vorstellung - ein Kinderglaube. Aber wenn ich tiefer schaue, dann kann der Glaube mir Halt und Orientierung geben.

Die Krise als Herausforderung – auch als Zeit der Entscheidung. Ich kann mich entscheiden. Wie sehe ich die Situation? Wie begegne ich der Krise? Vielleicht gelingt mir auch das Potenzial, das Positive in Krisen zu entdecken und zu ergründen. Ein Wechsel der Perspektive - eine Chance mitten in der augenblicklichen und in jeder anderen Krise.

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