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Sorgen in der Notaufnahme
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Sorgen in der Notaufnahme

Anne-Katrin Helms
Ein Beitrag von

Anne-Katrin Helms,

Evangelische Pfarrerin, Erlösergemeinde Frankfurt-Oberrad
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Morgens um halb acht in der Notaufnahme der Uniklinik. Ich bin da, weil ich einen Angehörigen begleite. Auf der Liege neben mir klingelt das Handy. Ich sehe nicht, zu wem es gehört, da jede Liege mit einem lilafarbenen Vorhang abgetrennt ist. Aber eine Männerstimme ist zu hören: „Hallo, mein Junge! Schön, dass du anrufst. Habt Ihr schon gefrühstückt?“

Nach einer kleinen Pause höre ich, wie der Mann sagt: „Mach dir keine Sorgen um mich. Die Ärzte haben mich wieder zusammengeflickt. Es wird alles wieder gut!“

Im Verlauf des Telefongesprächs erfahre ich, dass der Mann neben mir einen Fahrradunfall hatte. „Ich hatte noch Glück“ höre ich ihn sagen, „sind nur Prellungen und ich musste bisschen genäht werden, und eine Gehirnerschütterung. Aber es ist nichts gebrochen.“

„Mach dir keine Sorgen um mich!“ – Wenn ich das höre, beruhigt es mich erstmal. Es tut gut, wenn jemand versucht, mir meine Sorgen zu nehmen. Aber nicht immer gelingt das. Der Sohn am Telefon in der Notaufnahme scheint sich auch nicht so sicher zu sein. Vielleicht denkt er, der Vater will ihn nur beruhigen. Seine Angst,  dass er verletzt bleibt, ist immer noch da. Und die Befürchtung, dass er lange im Krankenhaus bleiben muss und nicht nach Hause kommen kann.

Sorgen lassen sich nicht einfachvertreiben. Sie sind hartnäckig. Wenn ich mir Sorgen um einen geliebten Menschen mache, gerate ich selbst in Not. Das, was bis dahin fest und sicher war, beginnt zu wanken. Ich muss mich neu orientieren. Ich muss etwas suchen, was mir Halt gibt.

Viele Menschen wenden sich in dieser Situation an Gott. Seitdem Menschen die Bibel nicht nur als gedrucktes Buch lesen, sondern auch digital in einem e-book, kann man feststellen, welche Bibelstelle am häufigsten gelesen wird. Es ist ein Abschnitt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi. Dort schreibt Paulus: Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!“ (Phil 4,6)

Paulus schrieb diese Zeilen im Gefängnis. Er war selbst in Not. Er wusste nicht, wie es weitergehen wird. Ob er sich solche Fragen gestellt hat, wie: „Komme ich hier nochmal raus?“ „Wie werde ich das überstehen?“ weiß ich nicht. Mehr als um sich selbst kreisten seine Gedanken um andere Menschen. Er hatte erstaunlicher Weise die Kraft, in seiner schwierigen Lage anderen Menschen noch Mut zu machen:

Sag Gott deine Sorgen! Behalte sie nicht für dich, sonst wiegt die Last zu schwer! Keine Situation ist zu schwer, als dass du Gott nicht um Hilfe bitten darfst.

„Flehen“ sagt Paulus sogar. Damit meint er: inbrünstig bitten, weil ich verzweifelt bin; alles dransetzen, dass mir geholfen wird, weil ich meine Lage selbst nicht ändern kann; mir eingestehen, dass mein Lebenshalt schwankt. Aber gleichzeitig wissen, dass Gott nicht schwankt. Er ist da. An ihn kann ich mich jederzeit flehentlich wenden.

„Mach dir keine Sorgen um mich!“ Mit diesen Worten hat der Vater in der Notaufnahme seinen Sohn die Angst nehmen wollen. Ich weiß nicht, ob ihm das gelungen ist. Ich weiß auch nicht, ob er damit seine eigenen Ängste besänftigen konnte. Aber meine Sorgen an Gott abzugeben, das will ich das nächste Mal versuchen.

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