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Rücksicht macht Wege breit
Frederic Ch. Reuter/Pixabay

Rücksicht macht Wege breit

Ein Beitrag von

Sabine Müller-Langsdorf,

Evangelische Pfarrerin, Zentrum Oekumene, Frankfurt
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Fahrradtour auf dem Lahnradweg: 245 Kilometer von der Quelle bis zur Mündung. Wunderschöne Landschaften, Wälder und Felder, meist asphaltierte Wege, mal breit, mal schmal. Ich bin den Weg im Sommer gefahren. Wie viele andere auch.

Die unterschiedlichsten Menschen sind auf dem Radweg unterwegs

Da gibt es die schnellen und die langsamen Menschen. Es gibt die ins Gespräch vertieften Nebeneinander-Fahr-Pärchen. Es gibt die immer etwas Wackligen und die Schwerhörigen trotz Fahrradklingel. Es gibt die Sportlichen und die Rücksichtlosen. Es gibt Fußgänger, Hunde und allerlei Fahrzeuge, die auch den Radweg nutzen. Selbst dicke Trecker kommen einem manchmal entgegen und brauchen den Weg, um ihre Arbeit auf dem Feld zu erledigen.

„Rücksicht macht Wege breit“

An manchen Stellen war mit weißer Farbe eine Bitte auf den Weg geschrieben:  Unter der Abbildung eines Treckers und eines Fahrradfahrers nebeneinander stand der Satz „Rücksicht macht Wege breit“.

Wegestreit in der Bibel

Stimmt. Besonders dann, wenn der Weg eng wird. Oder mehrere ihn gleichzeitig nutzen wollen. Wenn Trecker und Fahrrad eben aufeinander treffen. Dann ist das mit der Rücksicht wie bei Abraham und seinem Neffen Lot in der Bibel. Sie zogen einen gemeinsamen Weg. Abrahams Viehherde war riesig. Der jüngere Lot hatte auch Schafe, Ziegen und Zelte dabei.  Auf dem Weg kam es zum Zank unter den Hirten der beiden Männer. Wer darf welche Weideplätze nutzen? Ist genug Platz für alle?

Der Weit-Blick löst den Streit

Abraham sagt zu Lot: „Lass uns nicht zanken. Willst du zur Linken, so geh ich zur Rechten. Oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken.“ Ich stelle mir vor, wie die beiden da stehen. Vielleicht auf einem Hügel, ähnlich sanft wie die Hügel an der Lahn. Auf Abrahams Worte hin schaut Lot sich um: weites, fruchtbares Land, wohin das Auge blickt. Abrahams Vorschlag ermöglicht einen neuen Blick. Weit-Blick. Löst den Zank, der eng macht. Rücksicht macht Wege breit.

Kompromissfähigkeit

Abrahams Haltung liegt nah bei dem, was bis in die Politik hinein Kompromissfähigkeit genannt wird. Manche meinen, Kompromisse taugen nicht. Sie verwässerten die Verhältnisse. Kann sein. Aber die Stärke des Kompromisses liegt darin, angespannte Situationen fürs Erste zu entspannen. Mit dem einen entscheidenden Schritt: der Rücksicht. „Gehst du zur Rechten, geh ich zur Linken.“ Rücksicht schafft eine neue Perspektive. Gibt neue Möglichkeiten des Handelns. Abraham und Lot sind ihre Wege getrennt weiter gegangen. Beide haben ihre Wege gemacht.

Zurück zu meinem Weg an der Lahn. Das Motto „Rücksicht macht Wege breit“ ist ein guter Ratgeber, um friedlich voran zu kommen. Praktizieren können das alle: die Trecker und die Radfahrer, die Fußgänger, die Starken und Schwachen, die Großen und Kleinen.

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