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Leben und leben lassen
Bild: Pixabay

Leben und leben lassen

Patricia Nell
Ein Beitrag von

Patricia Nell,

Katholische Pastoralreferentin und Religionslehrerin, Frankfurt
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Ein Bild geht mir zurzeit nicht aus dem Kopf: Es hat in einem Brief gelegen, den mir meine Freundin Daniela vor kurzem geschickt hat: Eine Frau, vielleicht dreißig Jahre alt, mit Mundschutz und verzweifeltem Blick ist darauf zu sehen. An jeder Hand hat sie ein Kleinkind und eins auf dem Rücken. So ist sie in das Sozialzentrum in Quito, der Hauptstadt Ecuadors, gekommen, das meine Freundin Daniela seit dreißig Jahren mit einem Verein unterstützt.

Schon vor der Pandemie war die Sozialarbeiterin, die dort mit ihrem Team für die Leute da ist, an ihre Grenzen gekommen. Aber jetzt ist alles noch viel, viel schlimmer. Weil die Menschen ohne Arbeit sind, weil kein Staat einspringt, weil die Hoffnung schwindet.

Sie laufen kilometerweit für ein Säckchen Bohnen. Laut UNO sind weltweit etwa 270 Millionen durch Corona unmittelbar vom Hungertod bedroht. Lange werden auch die Reserven in Quito nicht mehr ausreichen. Eine Woche vielleicht noch. Und dann bleibt auch Daniela nur noch die Hoffnung, dass Briefe, wie der, den sie mir geschickt hat, nicht einfach im Papierkorb landen.

Weil jeder ja seine eigenen Probleme hat und außerdem sowieso nicht die ganze Welt retten kann. Das verlangt ja auch niemand.

Aber es ist kein Hexenwerk, für diese verzweifelte Mutter mit ihren Kindern und alle, die ein genauso elendes Leben führen müssen, ein paar Hände voll Bohnen auf den Weg zu bringen. Der berühmte Stoß, den ich meinem Herzen gebe, ist dabei viel wichtiger, als die Überweisung, die ich dann tätige.

In ihrer aufrüttelnden Ansprache Mitte März hat die Bundeskanzlerin gesagt: Global gesehen sei die Corona-Pandemie schon jetzt vor allem eine der größten humanitären Herausforderungen überhaupt. Dieser Gedanke lässt mich nicht los. Und er lenkt meinen Blick immer wieder auf das Foto der Frau mit ihren Kindern in Quito. Und auf eine Postkarte. Seit vielen Jahren steht sie auf meinem Schreibtisch.  In handgeschriebener Druckschrift steht folgender Text darauf:

„Der Mensch muss lernen, dass der Sinn des Lebens ist, Beispiel zu sein. Jeder Mensch hat zu allen Zeiten Teil an der Zerstörung oder an der Erlösung der Welt.“

Diese Worte hat der jüdische Religionsphilosoph Abraham Joshua Heschel geschrieben. Die Ermordung seiner Mutter und seiner drei Schwestern durch die Nationalsozialisten hatte in seinem Leben tiefe Spuren hinterlassen. Beides steht jetzt auf meinem Schreibtisch nebeneinander: die Postkarte und das Bild der verzweifelten Mutter aus Danielas Brief.

Wir Menschen sind nicht allmächtig, aber wir sind auch nicht ohnmächtig. Jeder sollte etwas übrig haben für andere, die es schwer haben. Und solidarisch sein. Damit dringend notwendige Reserven nicht zu Ende gehen. Damit die Hoffnung nicht schwindet, sondern wächst und am Leben bleibt. Und mit ihr die Menschen. 

 

 

 

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