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Was uns erschüttert, kann uns auch bewegen
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Was uns erschüttert, kann uns auch bewegen

Helmut Wöllenstein
Ein Beitrag von

Helmut Wöllenstein,

Evangelischer Propst, Sprengel Marburg
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Im letzten Sommer war ich unterwegs mit meinem Sohn in den Dolomiten. Plötzlich sind wir in ein Gewitter geraten, in 2000 Metern Höhe. Da ist man mittendrin. Sturm, ein schwarzer Himmel, Blitze von allen Seiten. Das Donnern hört überhaupt nicht mehr auf. Solche Angst bei einem Gewitter hatte ich seit meiner Kindheit nicht mehr. „Pass auf“ rufe ich zu meinem Sohn, und meine vielmehr mich selbst – oder den, der jetzt überhaupt noch auf uns aufpassen kann. Wir rennen um unser Leben zur nächsten Hütte. Als wir heil angekommen sind, danke ich Gott.

Abends im Bett fällt mir Luther ein. Wie er als junger Mann in ein Unwetter kommt, und diese Erschütterung sein ganzes Lebens auf den Kopf stellt. Er ist gerade Student, 21 Jahre alt. Zu Fuß unterwegs von seiner Heimatstadt Mansfeld nach Erfurt. Dort hat er vor ein paar Wochen angefangen, Jura zu studieren. Auf freiem Feld bei Stotternheim kommt er in ein heftiges Juligewitter.“ Der ganze Himmel kracht“ schreibt er später, „die Erde erzittert, die Hölle öffnet sich und will uns verschlingen.“ Neben ihm haut der Blitz in eine Eiche. Er wirft sich auf die Erde und ruft: „Hilf, St. Anna, …ich will ein Mönch werden“.

Musik 1  Josquin Desprez, Kyrie aus der „Missa Pange lingua''

Was hilft, wenn man so von der Angst gepackt wird, wenn der Atem stockt, die Knie weich werden? Weglaufen? Schreien? Die Panik kann einen völlig lähmen, den Verstand ausschalten und genau das Verkehrte machen lassen. Luther wirft sich vor Angst auf den Boden. Er könnte vom Blitz getroffen werden und sterben. Und noch schlimmer aus seiner damaligen Sicht: Er könnte plötzlich vor seinem himmlischen Richter stehen. Ohne vorher Buße getan und Vergebung empfangen zu haben würde er sicher unversehens in der Hölle landen. Und so ruft er „Hilf, St. Anna“.  Ein Stoßgebet aus Kindertagen. Die Bergleute in Luthers Heimatstadt Mansfeld hatten es stets auf den Lippen. St. Anna oder St. Barbara sind ihre Schutzheiligen.  Sie wissen um die Gefahr, aus der sie sich nicht allein retten können. Fluchen bringt nichts. „Scheiße“ lässt die Scheiße noch größer werden. So ein Gebet ist anders. Du vertraust jemandem, auch wenn du keinen siehst. Du fühlst dich nicht allein. Die Stahlglocke, die die Angst über dich stülpen will, wird an einer Stelle gesprengt. Du hörst deine Stimme.  Du atmest. Du hast Worte, einen Namen. Etwas, das ganz tief in dir steckt, gibt dir Halt. So wie das Stoßgebet der Mansfelder Kumpel Luther Halt gibt: „Hilf, St. Anna!“  - Und dann schließt er an: „Ich will Mönch werden“. Ob er das in einem Atemzug gesagt hat - oder zwei Blitze später: Dieses Versprechen, sein Leben ganz in den Dienst Gottes zu stellen?

Manchmal erzählen auch Menschen in der Seelsorge davon. Sie waren in großer Not und haben ein Gelübde getan. Wenn ich aus dem Krieg heimkomme, werde ich Pfarrer. Wenn ich wieder gesund werde, fange ich ein neues Leben an: Ich werde besser auf meine Gesundheit achten, mich weniger ärgern und versöhnlicher zu meinen Kollegen sein. Wenn du mein Kind nicht sterben lässt, werde ich einem anderen Kind etwas Gutes tun. Und es muss nicht immer so aufgehen, wie es jemand gewünscht hat. Eine Frau erzählt: Mein Kind ist nicht gesund geworden. Ich habe damals so mit Gott gerungen, aber mein Kind ist gestorben. Und ich bin doch bei meinem Versprechen geblieben. Es hat eine Weile gedauert, bis ich das konnte. Aber jetzt engagiere ich mich für Kinder, die es brauchen. Und das hilft mir, mit meiner Geschichte fertig zu werden.

Musik 2  Josquin Desprez, „Christe“ aus der Missa Pange lingua

Luther kommt unverletzt aus dem Sturm. Er geht wie geplant nach Erfurt. Noch im selben Monat verkauft er seine juristische Fachliteratur, verschenkt Sachen, die er nicht mehr braucht und feiert Abschied in der Studentenkneipe. Die Freunde sind geschockt: Was ist denn mit dem passiert? Martinus war doch immer locker drauf, einer der gerne dichtete und sang und auch beim Trinken nicht ins Glas spuckte. Und nun Augustiner Eremit, dieser ganz strenger Orden? Für Luther selbst fühlt sich die Entscheidung anders an: Er war eine Zeit lang im Internat gewesen bei den Brüdern vom gemeinsamen Leben in Magdeburg. Die Gemeinschaft hatte ihm gefallen. Die Ruhe,  der Zugang zu den Büchern, die Gespräche. Das war ihm lieber als die Karriere, die sein autoritärer, um gesellschaftlichen Aufstieg bemühter Vater für ihn geplant hatte. Der hatte ein mittleres Bergbauunternehmen und wollte, dass Martin als Jurist den Betrieb übernehmen sollte. Also um Abbaurechte von Kupfererz streiten, Zinsverträge schließen, Leute anstellen. Nur mit Wiederwillen hatte Luther sich darauf eingelassen. Der Donnerschlag auf freiem Feld und die Erfahrung, dass ihm das Leben noch einmal geschenkt wurde, sind für ihn wie ein Befreiungsschlag. Ohne sein Gesicht zu verlieren kann er sich von einer ungeliebten Zukunft verabschieden und einen eigenen Weg gehen. Er wird Mönch, wie er das im Gewitter versprochen hat.

Georg Pieper ist Traumatherapeut. Er trifft Menschen nach Ereignissen, die ihnen Angst gemacht und ihr Leben tief erschüttert haben. Er weiß: Für alle ändert sich das Leben. Niemand kann den Weg, den er bis dahin ging, fortsetzen. Manche müssen mit starken Einschränkungen leben, vielleicht auch mit einem körperlichen Handicap. Andere tragen eine psychische Belastung mit sich. Das Ziel der Therapie ist, dass Menschen den neuen Weg annehmen.  Da ist zum Beispiel Philippe Pozzo di Borgo. Als Geschäftsmann hatte er viel Geld gemacht. Dann stürzt er beim Gleitschirmfliegen ab. Mit einem Mal ist alles anders. Er sitzt im Rollstuhl, gelähmt vom Halswirbel abwärts. Doch er stellt sich diesem neuen Leben. Er schreibt sogar ein Buch von seinen Erfahrungen. Und das wird ein erfolgreicher Film: „Ziemlich beste Freunde“. Seine Situation ist anders als bei Luther. Und doch schreibt er, was für alle wichtig ist nach einer solchen Erschütterung: Du musst dich auf die neue Situation einstellen; „wenn man nur seiner Vergangenheit nachtrauert oder sich rosige Pläne von der Zukunft ausmalt, ist man ein toter Mann. Ich habe gelernt: Alles was ich bin, bin ich im Augenblick. Egal ob man sich an der Tasse Kaffee freut, den Kindern beim Spielen zuschaut , eine Blume entdeckt. Dass man sich daran freuen kann, das zeigt doch genau dass man lebt.“

Musik 3  Josquin Desprez, „Benedictus“ aus „Missa pange lingua“

Für den jungen Luther kommt es anders als er sich vorgestellt hat. Das Tor zum Kloster wird für ihn nicht zum Tor der Freiheit. Denn da ist keine Ruhe. Kaum Zeit zum Lesen. Alle Gespräche sind festgelegt. Er muss hart arbeiten. Und fängt ganz unten an: Erstmal Latrinen sauber machen. In der Stadt betteln gehen, was ihm sehr peinlich ist. Seine Zelle ist kalt und dunkel, ohne Fenster. Die Brüder stehen in einem gnadenlosen Wettbewerb. Einer bespitzelt den anderen. Wer schafft sein Pensum, wer schafft mehr als verlangt? Fehler werden angezeigt. Wenn man es einigermaßen schafft, dann „ist der Lohn dass man sich vom Scheitel bis zu den Fersen ganz heilig fühlen darf“, schreibt Luther später. Also gibt er sich Mühe. Mehr als alle. Verzichtet auf jede Erleichterung. Legt einen Fastenmarathon ein. Und muss die Erfahrung machen: davon wird es immer schlimmer. Er kommt nicht raus. Nicht einmal das Bild des gekreuzigten Christus kann ihm helfen. Für viele bedeutet es Trost. Ein Anblick eines barmherzigen Gottes, der mitfühlen kann. Für Luther ist Christus nur der strenge Richter. Wenn er an einem Gekreuzigten vorbeikommt „so dünkt mich, er wäre mir wie ein Blitz“, schreibt er später. Er fängt an zu zittern und hat Angst, wie vor einem Teufel.

Luthers Weg ist keine schnelle Erfolgsgeschichte von einem Glauben, der die Angst überwindet. Dass er damals so gut durch das Gewitter kam, macht keinen Helden aus ihm. Es ist nicht wie bei Siegfried, der als junger Mann den Drachen erledigt, in seinem Blut badet und dann durch einen Panzer fast unverletzbar wird. Luther kann sich dem strengen Vater entziehen – und kommt in ein System, das noch schlimmer ist, noch mehr Leistung will. Das System lebt davon, dass alle Angst haben, sich schlecht fühlen  – und  sich trotzdem ohne Ende anstrengen. Vielleicht so wie bei uns heute? Sicher hat kaum noch jemand hat Angst vor dem Teufel. Unsere Ängste sind anders: Bin ich anerkannt? Mögen mich die anderen? Kann ich meinen Level halten, meine Leistung, meinen Lebensstandard, meine Rente? Und was wird aus meinen Kinder? Jetzt, wo die vielen Fremden zu uns kommen? Werden die hineinfinden hier bei uns, oder fliegt alles aus der Bahn? Ein Anschlag könnte uns treffen, wie Paris oder Brüssel. Was sollen wir tun gegen diese Angst? Neue Mauern und Zäune bauen, scharfe Grenzkontrollen mit mörderischen Waffen einführen, damit die Armen in Afrika bleiben und die Kriegsflüchtlinge in ihren Ruinenstädten? Wird das unser Land wirklich sicher machen? 

Musik 4   Arvo Pärt, De profundis

Der Dichter Arno Pötzsch schreibt: „Nur was uns erschüttert, kann uns auch bewegen. Was uns bewegt, nur das kann uns verwandeln“. Im Sommer 2011 wurde Norwegen erschüttert von dem Blutbad, das der rechtsradikale Breivik in einem Jugendcamp angerichtet hatte. 69 Menschen starben. Im Trauergottesdienst sagte der Präsident: „Wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.“ Überall im Land folgten Solidaritätsbekundungen und Schweigemärsche gegen Gewalt. Von vielen kam Unterstützung für die Betroffenen, nicht passive Opfer der schrecklichen Tat zu bleiben und nicht innerlich weglaufen, sondern aktiv zu werden als Überlebende, die ihr Land offen gestalten. Beim Gedenktag nach einem Jahr hieß es in einer Rede: „Das vergangene Jahr hat uns gelehrt wie kostbar das Leben und wie zerbrechlich die Lebenslinie ist … Lasst dies das Versprechen sein, das wir heute einander geben: Wir ehren die Toten indem wir uns am Leben freuen.“  -

Was für eine Hoffnung geht von diesen Worten aus. Auch für unser Situation jetzt gerade in Deutschland. Eine Gesellschaft kann erschüttert werden. Doch sie muss sich nicht bestimmen lassen von der Angst, sie muss nicht ins Chaos kippen. Was uns erschüttert, kann uns bewegen. Und was uns bewegt, kann uns verwandeln.

Luther schreibt über die Kräfte, die ihn persönlich durch seine Erschütterungen auf einen guten Weg gebracht haben. „Ich war wie ein toter Holzklotz. Allein durch Gottes Gnade wurde ich wieder zum lebendigen Baum der Früchte trägt. Um diese Gnade aber ist es „ein großes, starkes, mächtiges und tätiges Ding. Sie trägt, sie führt, sie treibt, sie wandelt, sie wirkt alles im Menschen und lässt sich fühlen und erfahren. – Sie erneuert die ganze Person.“  – Wie das geschieht?  Luther sagt, auch das hat ihn wie ein Blitz getroffen eines Tages. Diese Einsicht: Gott ist für dich und nicht gegen dich. Gott ist an deiner Seite. An Gott glauben heißt ihm voll und ganz vertrauen. Vertrauen aber ist immer die größte Gegenkraft zur Angst.

Musik 5  Johannes Ockeghem, Missa cuiusvis toni, Osanna

Vertrauen ist immer die größte Gegenkraft zur Angst, hat Luther erkannt. Doch mit dieser Einsicht ist er nie fertig. Immer bleibt es ein Ringen. Glaube und Gottvertrauen auf der einen Seite, auf der anderen Seite die Anfechtung, wie er sagt. Das Wissen, die Angst kann zurückkommen, jederzeit.  Trotzdem dann kann er auftreten in der großen Öffentlichkeit, mutig und selbstbewusst. Immer wieder hält er stand gegenüber  einem mächtigen Kirchenapparat, der ihn einschüchtern und klein halten will. Luther geht zum Beispiel nach Augsburg vor den Reichstag. Er weiß, er könnte als Ketzer verbrannt werden. Immer wieder überfällt ihn die Angst auf dem Weg. Und wieder ruft er die Kräfte in sich wach, die ihm helfen. Er betet. Er sagt Bibelworte auswendig laut vor sich hin. Besonders die von ihm heiß geliebten Psalmen, „Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich“ Oder „Gott, meine Burg, mein Fels, mein Erretter, mein Hort, zu dem ich immer fliehen kann “.  Manchmal singt er auch in solchen Situationen. Er sagt: musica fugat diabolum, das Singen treibt den Teufel aus.

Später schreibt Luther zwei Gebete, die helfen, dass einem der Teufel erst gar nicht zu nahe kommt. Morgens und abends zu beten, vor dem Bett. Fachleute sagen, Rituale stärken die Resilienz. Sie geben einem Halt in turbulenten Zeiten. Sind wie Raum, in dem Vertrauen gespeichert ist. Man geht einfach hinein und ist zuhause, überall auf der Welt, in den schlimmsten Lagen. Abends bevor du ins Bett gehst und nicht weißt, wie die Nacht für dich wird, oder morgens wenn du aufstehst und der Tag vor dir liegt mit allem Ungewissen, kannst du dich segnen mit dem Zeichen des Kreuzes und sagen:

Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast, und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel, dass dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände .Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.

 

Und fast atemlos schließt Luther eine Empfehlung an:  Alsdann mit Freuden an dein Werk gegangen.

 

Musik 6:  Heinrich Schütz, Singet dem Herrn ein neues Lied, SWV 35, aus „Psalmen Davids“

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