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Die Wildbienen und Rosa Luxemburg

Die Wildbienen und Rosa Luxemburg

Andrea Maschke
Ein Beitrag von

Andrea Maschke,

Katholische Pastoralreferentin in Bad Homburg / Friedrichsdorf
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Auf meinen Balkon im dritten Stock verirren sich nur selten Singvögel. Da konnte ich in den kühlen Monaten so viele Meisenknödel aufhängen, wie ich wollte: höchstens Tauben und Elstern schauten mal vorbei. Umso mehr habe ich mich gefreut, als jetzt, da die ersten Blumen in den Kästen blühen, zumindest die Bienen nicht auf sich warten ließen. Sie flogen den Lavendel an, umschwirrten das Vergissmeinnicht und steuerten dann zwei Steine an, die seit dem letzten Sommerurlaub auf einem Holzregal liegen: zwei schöne Kalksteine mit vielen Löchern. An denen machten sich die Bienen zu schaffen. Ich nahm einen der Steine hoch und sah: Ein Teil der Löcher war bereits mit Lehm gefüllt. Es sind also Wildbienen, die dort in die Löcher ihre Brut gelegt haben und dann mit Lehm geschützt hatten. Kurz darauf entdeckte ich: Auch einige der Bohrlöcher des Regals waren schon mit Lehm verfüllt! Ich hatte also ganz unabsichtlich ein Insektenhotel auf meinem Balkon. Wie wunderbar!

Fülle in der Natur – statt Lockdown

Überhaupt glaube ich, dass ich dieses Jahr die Frühlingsnatur noch mehr genieße als in anderen Jahren. So groß ist der Kontrast zu den Nachrichten, die von Stillstand, Tod und Gefahr reden und vielen von uns dazu raten, das aktive Leben zu drosseln und runterzufahren. In der Natur fährt gerade gar nichts runter. Nur zu trocken ist es. Aber der Flieder blüht, und die Clematis klettert am Geländer hoch; vor der Stadt die gelben Rapsfelder und die rosa Apfelblüten. Das scheint ein Hoffnungszeichen: Das Leben lässt sich nicht stoppen.

Das Trotzdem-Fest „Ostern“

So war das auch mit Ostern dieses Jahr – das fand auch statt, pünktlich zwei Tage nach dem Karfreitag, und ließ sich weder durch das Corona-Virus noch durch die Absage öffentlicher Gottesdienste aufhalten. Anders als sonst war es, ohne Familienbesuche und Osterausflug, aber trotzdem Ostern. Ostern ist ja an sich schon ein Trotzdem-Fest, voller Widerstandskraft gegen Tod und Gewalt, Sieg des Lebens.

Geschenkt, wie ein voll aufgeblühte Rose

Einen ganz weltlichen und gleichzeitig so österlichen Text habe ich bei Rosa Luxemburg gefunden: Aus dem Gefängnis, also aus bedrohlicher erzwungener Isolation, schreibt sie 1917 an einen Freund:

„O bitte, beachten Sie doch diesen herrlichen Tag! Vergessen Sie nicht, wenn Sie noch so beschäftigt sind, wenn Sie auch nur in dringendem Tagwerk über den Hof eilen, vergessen Sie nicht, schnell den Kopf zu heben und einen Blick auf diese riesigen silbernen Wolken zu werfen und auf den stillen blauen Ozean, in dem sie schwimmen. Beachten Sie doch die Luft, die von leidenschaftlichem Atem der letzten Lindenblüten schwer ist, und den Glanz und die Herrlichkeit, die auf diesem Tage liegen, denn dieser Tag kommt nie, nie wieder! Er ist Ihnen geschenkt wie eine voll aufgeblühte Rose, die zu Ihren Füßen liegt und darauf wartet, dass Sie sie aufheben und an Ihre Lippen drücken.“

Mit diesen schönen Worten uns allen einen - allen Widrigkeiten und Sorgen zum Trotz - guten Tag!

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