hr2 ZUSPRUCH
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Ruckert, Ralf

Eine Sendung von

Evangelischer Pfarrer, Lahntal

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"Zwille"

Ich war Anfang 20 und Student. Die Zwischenprüfung war abgelegt. Der Sommer hielt Einzug. Am letzten Vorlesungstag treffe ich eine Kommilitonin auf dem Marburger Marktplatz. 

Semesterferien in Marburg: Und was machst du so?

Was man dann so sagt: „Endlich fertig!“ Ob ich in den Semesterferien schon etwas vorhabe, will sie wissen. Ich frage sie, was sie so macht. „Na, ich steh hier so mit Zwille rum“, antwortet sie mit schelmischem Grinsen. Für mich ist die Antwort kryptisch. Was meint sie? 

Was bedeutet „Zwille“ wirklich – Spitzname oder Schleuder?

Der Begriff Zwille – also ypsilonförmige Steinschleuder – er war mir in letzter Zeit öfter irgendwo begegnet. Ich hatte mal von einer Party bei Zwille gehört, die gut gewesen sein soll. Zwille sei irgendwo dabei gewesen. Offenbar handelte es sich um eine Person, die cool zu sein schien, sich mir aber noch nicht vorgestellt hatte.

Überraschung: Wenn du selbst der geheimnisvolle „Zwille“ bist

„Sag mal, Anette“, werfe ich ein „Ihr redet in letzter Zeit öfter mal von Zwille. Wer ist das denn eigentlich?“ Sie prustet los. „Das weißt du nicht? Das bist doch du. Du bist Zwille.“

Die Erkenntnis: Die coole Party in Marburg war meine eigene

Ich wünschte, ich hätte mein eigenes Gesicht sehen können. Das war verrückt. Es war auch schön. Denn dann musste die coole Party, von der alle sprachen, ja wohl die gewesen sein, die ich im Wohnheim organisiert hatte.

Wie entsteht ein Spitzname? Von Nervensäge zur „Zwille“

„Aber warum ist denn Zwille mein Spitzname?“, brachte ich heraus. „Naja“, meinte Anette „am Anfang bist Du uns ziemlich auf die Nerven gegangen. Du hast im Griechischkurs immer vorn gesessen und oft Kommentare abgegeben, die du für witzig hieltest. Und dann haben wir uns eben eine Zwille gewünscht, mit der wir dir mal in den Nacken schießen könnten, um dich ruhig zu stellen.“

Klassenkasper im Griechischkurs - Humor als Schutzschild

Ich erinnere mich. Immer wieder ist es vorgekommen, dass ich mit Bemerkungen meine Unsicherheit überspielte. „Klassenkasper“ würden manche das nennen. Den Spitznamen habe ich bald wieder verloren. Wege trennten sich. Wo Anette heute ist, weiß ich nicht.

Angenommen werden - Wenn Albernheit plötzlich zu dir gehört

Dass ich mal Zwille war, passt. Ich fühle mich wahrgenommen. Albernheiten gehören zu mir. Das lässt sich nicht ändern. Da wir aber vier Semester brauchten, um die alten Sprachen zu lernen, blieb den anderen nichts übrig, als mich näher kennenzulernen. Und dann hatten sie mich lieb, so wie ich war: Der Zwille halt!

Warum sich das Hinschauen lohnt

Leute nach dem ersten Eindruck abzustempeln, ist einfach. Sich eine Zwille wünschen… oder dass andere verschwinden sollen… Kennenlernen ist anstrengender, aber auch spannender und lohnt sich oft.

Pfarrer und Pfarrerinnen erzählen von dem einen, der uns liebt, wie wir sind

Viele von uns damals sind Pfarrerinnen und Pfarrer geworden. Wir erzählen Geschichten von einem, dem wir wohl auch manchmal auf die Nerven gehen, der uns aber sieht und liebhat, genau, wie wir sind.