Frankfurter Poesie für die Seele - DichterPfarrer Lothar Zenetti
Im Frühjahr letzten Jahres wurde der große Platz vor der Frauenfriedenskirche in Frankfurt in „Lothar-Zenetti-Platz“ umbenannt. Lothar Zenetti war ein katholischer Pfarrer in Frankfurt, der aber weit über die Stadt hinaus bekannt wurde. Ein langes Leben lang hat er Menschen im christlichen Glauben inspiriert, auch mich ganz persönlich. Von ihm möchte ich heute erzählen…
Musik: Zenetti/Reulein, Stille lass mich finden
„Stille lass mich finden, Gott in Dir, Atem holen will ich, ausruhen hier. Voller Unrast ist das Herz in mir, bis es Frieden findet, Gott in Dir!“
Ein sanftes Lied, eine stille Sehnsucht nach innerem Frieden und nach Gott… Und es klingt so, als wäre beides ein und dasselbe – für den, der diese Zeilen formuliert hat, der Frankfurter DichterPfarrer Lothar Zenetti. Abgesehen vom Krieg und von ein paar Kaplansjahren, verbrachte er sein ganzes in Leben in Frankfurt. Und es ist ein wunderbar langes Leben geworden.
„Frankfurter Poesie für die Seele“, so ist diese Feier überschrieben. Manche gute Therapeutin heilt Krankheiten, indem sie dem Patienten nur die Hände auflegt. Lothar Zenetti „legt Worte auf“… Zuerst den Menschen im Gottesdienst, dann in Buchform.
Ungefähr 30 Bücher hat er geschrieben. 26 Jahre lang war er in Frankfurt-Sachsenhausen Gemeindepfarrer. Er hat im Fernsehen das „Wort zum Sonntag“ gesprochen und war für 10 Jahre katholischer Rundfunkpfarrer hier im hr. Unter seiner recht strengen Feder durfte ich damals die ersten Kirchenfunkbeiträge machen…
Eine Welt der Worte
Lothar Zenetti. Ich möchte Sie in dieser Morgenfeier gerne mitnehmen in den spirituellen Kosmos seines Denkens, Fühlens und Glaubens. Es ist eine Welt der Worte… wohlgesetzt… mit heiterer Sprachlust. Gleichzeitig ganz schlicht, schnörkellos, direkt zupackend und immer wieder überraschend, bis zur Verblüffung. Manchmal so assoziativ und schnell „um die Ecke gedacht“, dass man kaum hinterherkommt. Gedicht als höchst verdichteter Gedanke.
Zenetti wirft seine Worte an den Himmel - und sie beginnen zu fliegen. Hören Sie einmal, was Wörter für ihn sind. Seine Worte, sogar mit seiner Stimme. Den Gedichtband „Auf seiner Spur“, der soeben noch einmal neu aufgelegt wurde, hat er in einer früheren Ausgabe selbst eingesprochen.
Musik: O-Ton Zenetti, Feiern die Wörter
Feiern die Wörter
"Das Wort Hoffnung und das Wort Vertrauen
das Wort Dankbarkeit und das Wort Treue
Freiheit nenne ich und das Wort Mut auch Gerechtigkeit
und das große Wort Frieden und was wir Glück nennen Glückseligkeit
die unbegreifliche Gnade und das leise Wort Geduld
und das Wort Erbarmen ja davon lebe ich
Das Wort Mutter und das Wort Brot
Kind sage ich mein Vater mein Freund und Freundlichkeit
und Geborgensein Meer sage ich und Baum und Himmel Wolke
und siebenarmiger Leuchter Traum sage ich und Nacht meine Schwester
ich nenne die Liebe und das zärtliche Wort Du
Feiern will ich die Wörter von denen wir leben“
(Auf seiner Spur, Schwabenverlag, 2026, S.14)
Die alte Botschaft neu zur Sprache bringen
Worte, von denen wir leben. Poesie für die Seele…
Die Familie Zenetti stammt aus Italien, ist aber schon 300 Jahre hier. Am 6. Februar 1926 wird Lothar Zenetti in Frankfurt geboren und ich gedenke mit dieser Feier heute seines hundertsten Geburtstags. Am 24. Februar 2019 ist er mit 93 Jahren verstorben. Wenige Wochen vor seinem Tod konnte ich ihn nochmal besuchen, das war schön und wir hören noch davon... Er war mit Leib und Seele Seelsorger; von eher zarter Statur, niemals laut, niemals große Gesten; aber seine Sprache (!), eindringlich, wie übrigens auch sein Blick. Nicht „flammende Rede“, aber sprühender Funkenflug, ansteckend und inspirierend. Insofern schon „Worte wie Feuer“.
Er hat sehr früh das Empfinden entwickelt: kirchliche Verkündigung der Frohen Botschaft muss das Wort Gottes immer wieder neu zur Sprache bringen. Sonst können es die Menschen nicht verstehen und es kommt bei ihnen, besser noch in ihnen nicht an. Dazu müssen wir es in unsere Zeit übersetzen. Im Text „Prognose“ drückt er das so aus:
„Bringt unser Gottesdienst
nur unsere Gewohnheit, fromm zu sein,
nur unsere eigenen Riten noch
im Goldgewand zur Sprache,
dann stirbt er.
Nicht den fruchtbaren
und heilbringenden Tod Christi,
aus dem das Leben ersteht -
nein, den Tod, über
dem sich das Grab der
Jahrhunderte schließt.“
(Auszug aus: Lothar Zenetti, In Seiner Nähe. Texte des Vertrauens (Topos Plus 431) (c) Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 2002, S. 119)
Da kann Lothar Zenetti dann schon auch sehr deutlich werden gegenüber seiner geliebten Kirche und den dort predigenden PriesterBrüdern. „Nach einer Messfeier in L. notiert“, so ist ein Text überschrieben und es braucht nicht viel Fantasie, um zu ahnen, dass damit die BistumsHauptstadt Limburg und die dort sitzende Kirchenleitung gemeint ist:
Nach einer Messfeier in L. notiert:
Redet nicht so daher
auf den Kanzeln
ich bitte euch, Brüder,
mit diesen glatten
und fertigen Stimmen,
die alles wissen und
darum nicht einmal nichts
von allem begreifen.
Ergreift das Wort nur
das euch ergriffen hat
seid lieber still
dass wir hören im Schweigen
und wie auf den Knien
das Wort von Gott.
(Auszug aus: Texte der Zuversicht. Für den einzelnen und die Gemeinde. Pfeiffer, München 1972, ISBN 978-3-7904-0058-8; S.190)
„Ergreift das Wort nur, das euch ergriffen hat!“, was für ein starker Satz. Bitte redet nur über das, was ihr auch selbst erfahren habt! Das ist sein Ziel und das beeindruckt mich so an ihm: Es liegt an uns, den Predigern - und Predigerinnen - von heute, ob Jesu Botschaft und das Wort Gottes Menschen „ergreifen“ kann, im Innersten berühren, dann regelrecht in Besitz nehmen, dann in Bewegung bringen. Das ist Ergriffenheit.
Wenn ich in meinem Kirchendienst Religionslehrerinnen und – lehrer aus- und fortgebildet habe, dann war mir wichtig, sie für genau diese Haltung zu gewinnen.
Auch neue Musik für den Gottesdienst
Zenetti bezieht dieses Anliegen, lebendigen und authentischen Ausdrucks zunächst auf die Sprache im Gottesdienst. Dann aber auch sehr stark auf die Musik. Da muss Bewegung reinkommen und Rhythmus. Lothar Zenetti – ich erinnere noch einmal seinen Jahrgang: 1926!!! - ist ein früher Fan des Jazz. Er ist in Frankfurt seit Jugendtagen mit dem später berühmten JazzPosaunisten Albert Mangelsdorff befreundet. Mit ihm geht er in JazzClubs und sammelt an amerikanischen JazzSchallplatten, was er kriegen kann. Er ist begeistert von der Gospelsängerin Mahalia Jackson. In einem Buch gibt er wieder, was sie von einem Gespräch mit einem Pfarrer erzählte: „Ich sagte ihm, ich sei dazu geboren, Gospelmusik zu singen ... ich diene damit Gott. In einem Psalm der Bibel steht ‚Oh, klatscht in eure Hände, ihr Völker alle, jauchzt dem Herrn mit Triumphgesang!‘ - Das war’s, was die Bibel mir zu tun befahl.“ … „Ich singe Gottes Musik, weil sie mir Hoffnung gibt.“ … „Meine Gospelsongs sind Lieder der Hoffnung und des Glücks! Wenn ich singe, ist Gott bei mir. Gleich hier, wo Sie jetzt sitzen, Referend, da ist Gott!“
(Lothar Zenetti, Peitsche und Psalm, Verlag Pfeiffer, München, 1963, S. 141)
Und hier ist Mahalia Jackson:
Musik: Mahalia Jackson, Go, tell it on the mountain (CD: The singles Collection)
Dieses religiöse Feuer im Herzen und in den Füßen, die dabei nicht ruhig bleiben, das könnte auch unserer alten europäischen Kirche wunderbar „Beine machen“. Als ich ins Jugendalter kam, Ende der 60er, haben Pfarrer und Kapläne, wie Lothar Zenetti, diese amerikanischen Gospels und Spirituals auf neue deutsche Texte mit uns im Gottesdienst gesungen und wir waren sehr begeistert. Vielleicht erinnert sich noch jemand: Aus „Go tell it on the mountain“ wurde „Kommt, sagt es allen weiter, ruft es in jedes Haus hinein; kommt, sagt es allen weiter, Gott selber lädt uns ein!“
Ein Mutmacher…
In fast jedem Gottesdienst, so erzählen Menschen aus Lothar Zenettis Gemeinde von damals, kommen neue Gedichte von ihm zum Einsatz. Ab und zu reimt er auch, meist ist es freie Form. In knapper einfacher Sprache bringt er die Dinge auf den Punkt; spricht den Menschen aus der Seele und zu Herzen, manchmal auch ins Gewissen. Es war ja die Zeit damals, 60er bis 80er-Jahre, in der wir Normalchristen noch nicht in „freiem Gebet“ geübt waren und überhaupt selbst Worte zu finden für den eigenen Glauben. Da wurde Lothar Zenetti in gewisser Weise formgebend. Ein Mutmacher. Er griff z.B. verbreitete Nöte und gängige Probleme auf, gab ihnen Raum und das Recht, das ihnen zusteht und wendete sie dann aber doch mit einer überraschenden Deutung ermutigend ins Positive.
Ein Beispiel: Viele in der Kirche klagen über den „allgemeinen Glaubensverlust“. Zu seiner Beschreibung hat sich der Begriff „Verdunstung des Glaubens“ eingebürgert. Der Glaube verschwinde, wie das Wasser einer Pfütze in der Sonne. Zenetti schreibt dazu den Text:
Eine neue Hoffnung
„Es ist nicht zu leugnen: was viele Jahrhunderte galt, schwindet dahin.
Der Glaube, höre ich sagen, verdunstet.
Gewiss, die wohlverschlossene Flasche könnte das Wasser bewahren.
Anders die offene Schale: sie bietet es an.
Zugegeben, nach einiger Zeit findest du trocken die Schale, das Wasser schwand.
Aber merke: die Luft ist jetzt feucht.
Wenn der Glaube verdunstet, sprechen alle bekümmert von einem Verlust.
Und wer von uns wollte dem widersprechen!
Und doch: einige wagen trotz allem zu hoffen.
Sie sagen: Spürt ihr’s noch nicht?
Glaube liegt in der Luft!“
(Auf seiner Spur, Schwabenverlag, 2026, S.15)
Ja, so sagt er, dem Verlust ist nicht zu widersprechen. Aber, so sagt er weiter, wenn Gott Heiliger Geist ist und Atem unserer Seele, dann gehört der Glaube quasi in die Luft.
Noch einmal ein Originalton: „Was Jesus für mich ist“
Musik: O-Ton Zenetti, Was Jesus für mich ist
"Was Jesus für mich ist
Einer der für mich ist.
Was ich von Jesus halte?
Dass er mich hält.“
(Auf seiner Spur, Schwabenverlag, 2026, S. 132)
Parabel für die Beziehung zu Gott
Und nun mein ganz persönlicher Lieblingstext, eine Art Fabel. Ohne irgendetwas davon direkt anzusprechen, handelt er von Jesus und seiner verheißenen Wiederkehr; er handelt vom Glauben und vom Himmel und der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Vielleicht mag ich ihn so, weil mein Lieblingstier darin vorkommt; bestimmt aber, weil er so wundervoll zart beschreibt, was christliche Sehnsucht ist und was sie bewirken kann... Und hören Sie einmal besonders darauf, wie der Schenker am Ende der Beschenkte ist:
Ein scheuer Gast
Du kommst
nicht als Räuber,
der an sich reißt mit Gewalt,
was ihm gefällt,
nicht wie einer,
der Forderungen stellt
oder aufdringlich
um Gaben bittet,
nicht wie ein Kellner,
der mir gelangweilt
die Rechnung präsentiert.
Du kommst
wie ein Eichhörnchen scheu
vorbei und du schaust,
ob ich vielleicht
etwas
für dich übrig habe.
Für eine einzige Nuss,
die ich gab, machst du,
dass ich ausschaue nach dir
jeden Tag.
(Aus: Lothar Zenetti, Leben liegt in der Luft, Matthias-Grünewald-Verlag, 2007, S. 38)
Welch ein berührendes Bild, nach dem Himmel, nach Jesus, nach dem Glauben Ausschau zu halten, wie nach einem scheuen Tier, das den Garten meines Lebens besucht. Das ich so sehr herbeisehne, dass ich gebe, was ich zu geben habe und mich im Schenken beschenkt fühle, weil die Begegnung mein Herz beglückt. Eine wundervolle Parabel, über das innerste Wesen von Religion.
Über 150 Texte wurden Lieder
Mehr als 150 Texte von Lothar Zenetti wurden in den letzten 65 Jahren vertont, teilweise mehrfach. In den Gesangbüchern beider Konfessionen sind sie verbreitet. Musik ist natürlich immer irgendwie Geschmacksache, erst recht im Spiegel so vieler Jahre. „Das Weizenkorn muss sterben, sonst bleibt es ja allein“ ist sicher sein bekanntestes Lied; es steht im katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ und wird wohl jeden Sonntag irgendwo im deutschsprachigen Katholizismus gesungen. Am Anfang der Feier haben wir den Frankfurter Kirchenmusiker Peter Reulein und seine Frau Sina mit dem von ihm wundervoll komponierten „StilleLied“ gehört. Nun folgt eine Vertonung des gleichen Textes von der Gruppe Effata aus den 90er-Jahren.
Musik: Effata, Stille lass mich finden
Die zweitbeste Himmelskraft
Gegen Ende ein wunderbar heiterer ZenettiText über das Ende der Welt. Mich bestärkt er in dem, was ich gerne „die zweitbeste Kraft vom Himmel“ nenne. Hat jemand eine Idee, was das sein könnte? Klar, ist die erste und beste Kraft vom Himmel die Liebe! Die zweitbeste Himmelskraft ist für mich der Humor. Die Dinge des Lebens schon wichtig und ernst zu nehmen, aber nicht zu schwer, damit sie uns nicht erdrücken… Wenn ich sehe, wie verbreitet die Schwermut vielerorts ist, dann werbe ich für den Humor als Tragehilfe, als „Ertragehilfe“. Manchmal tue ich das mit Texten wie dem folgenden. Noch einmal O-Ton Lothar Zenetti:
Musik: Lothar Zenetti, Am Ende die Rechnung
Am Ende die Rechnung
Einmal wird uns gewiss die Rechnung präsentiert
für den Sonnenschein und das Rauschen der Blätter,
die sanften Maiglöckchen und die dunklen Tannen,
für den Schnee und den Wind, den Vogelflug
und das Gras und die Schmetterlinge,
für die Luft, die wir geatmet haben,
und den Blick auf die Sterne
und für alle die Tage, die Abende und die Nächte.
Einmal wird es Zeit, dass wir aufbrechen und bezahlen;
bitte die Rechnung.
Doch wir haben sie ohne den Wirt gemacht:
Ich habe euch eingeladen, sagt der und lacht,
so weit die Erde reicht: Es war mir ein Vergnügen!
(Auf seiner Spur, Schwabenverlag, 2026, S. 204)
Ganz zum Schluss nun noch eine besonders prominente Vertonung. Der bekannte Sänger Konstantin Wecker hat 2008 einen frühen Text von Zenetti vertont. Bis 2016 hat er mit dem Lied: „Was keiner wagt, das sollt ihr wagen“ fast alle seine Konzerte beendet. Als ich Lothar Zenetti im Winter 2018 noch einmal besuchte, konnte ich ihm eine persönliche Grußbotschaft von Konstantin Wecker vorspielen, in der dieser sich bei Zenetti für den wunderbaren Text bedankt. Für mich ein perfektes Zusammenspiel, Zenettis bewegender Text und Weckers berührende Vertonung mit einer heute so wichtigen wie ermunternden Botschaft: Zeigt Haltung, Leute! Schwimmt gegen den Strom – den „Mainstream“ – und habt den Mut, nicht „mit den Wölfen zu heulen“.
Für mich ein ganz besonderer Höhepunkt der „Frankfurter Poesie für die Seele“, mit dem ich nun gerne die Erinnerung an den DichterPfarrer Lothar Zenetti ausklingen lasse….
Musik: Konstantin Wecker, Was keiner wagt
„Was keiner wagt, das sollt ihr wagen, was keiner sagt, das sagt heraus, was keiner denkt, das wagt zu denken, was keiner anfängt, das führt aus.
Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen, wenn keiner nein sagt, sagt doch nein, wenn alle zweifeln, wagt zu glauben, wenn alle mittun, steht allein
Wo alle loben, habt Bedenken, wo alle spotten, spottet nicht, wo alle geizen, wagt zu schenken, wo alles dunkel ist, macht Licht!“
(Auf seiner Spur, Schwabenverlag, 2026, S. 131)