Worauf ich stehe
Wir gehen von Bord – aber nicht in einem Hafen. Unser Schiff liegt weit draußen im Wattenmeer auf einer Sandbank. Wir sind „trockengefallen“.
Unterwegs mit einem Plattbodenschiff: Eine besondere Erfahrung im Watt
Das Schiff ist ein Plattbodenboot. Deshalb kann es bei Ebbe auf einer Sandbank trockenfallen. Wenn das Wasser zurückkommt, hebt es das Boot wieder an. Gut drei Stunden können wir nun draußen bleiben, bis das Wasser langsam zurückkehrt. Es ist eine besondere Erfahrung, einfach so vom Schiff zu steigen und plötzlich neben dem Schiffsrumpf zu stehen. Muscheln und Algen liegen im Sand. Ein paar Krebse graben sich noch schnell ein, während das Wasser abläuft.
Warum Innehalten heute so wichtig ist
Wir spüren den Wind, die warme Luft, den feuchten Boden unter den Füßen. Wir hören Möwen und Austernfischer. Weit und breit ist niemand außer uns. Eine große Ruhe kehrt ein. Viel zu selten tun wir das: nicht gleich weitergehen, nicht sofort das Nächste erledigen, nicht schon beim übernächsten Gedanken sein. Sondern erst einmal stehen. Wahrnehmen. Staunen.
Wendell Berry: „Wofür ich stehe, ist das, worauf ich stehe“
Der kürzlich verstorbene amerikanische Farmer und Schriftsteller Wendell Berry hat einmal gesagt: „What I stand for, is what I stand on.“ – auf Deutsch: Wofür ich stehe, ist das, worauf ich stehe. Berry hat sein Leben lang darüber geschrieben, dass wir Menschen nicht einfach „irgendwo“ leben. Wir leben an einem konkreten Ort, auf einem bestimmten Stück Erde. Wir sind angewiesen auf Boden und Wasser, auf Pflanzen und Tiere, auf andere Menschen.
Verantwortung beginnt mit der Frage nach dem eigenen Standpunkt
Verantwortung für die Welt beginnt deshalb nicht mit großen Programmen und politischen Forderungen. Sie beginnt damit, wahrzunehmen, wo ich selbst stehe: Was ist der Boden, der mich trägt? Vielleicht müssen wir manchmal erst wieder Boden unter die Füße bekommen. Bevor wir wissen, wofür wir stehen wollen. Was uns viel wert ist und wofür wir uns engagieren.
Das Leben als Geschenk Gottes neu wahrnehmen
Ich nehme wahr. Damit fängt es an. Ich bin da. Ich lebe. Diese Erde trägt mich. Diese Luft kann ich atmen. Dieses Leben ist ein Geschenk Gottes. Und erst von dort aus stellt sich die Frage: Was ist jetzt gut zu tun?
Boden unter den Füßen zu spüren: Eine Erfahrung, die überall möglich ist
Dreieinhalb Stunden stehen wir da und genießen. Dann klettern wir auf der Leiter zurück aufs Schiff. Um den Boden unter den Füßen zu spüren, muss man nicht auf einer Sandbank trockenfallen. Das geht auch vor der eigenen Haustür. Im Garten. Im Wald.
Auf dem Boden stehen und sich fragen: Was trägt mich? Und wofür will ich stehen? So beginnt für mich Verantwortung: Für mein Leben und für das, was uns anvertraut ist.